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Politik

Neue Pläne für den Connewitzer Bahnhof

Am alten S-Bahnhof sollen Mikroapartments und ein Supermarkt entstehen

  Neue Pläne für den Connewitzer Bahnhof | Am alten S-Bahnhof sollen Mikroapartments und ein Supermarkt entstehen  Foto: Der ehemalige Connewitzer S-Bahnhof/Marco Brás dos Santos

Aldi Nord will am S-Bahnhof Connewitz bauen – eine neue Filiale, dazu 75 Mikroapartments für 99 Studierende. Die Hochglanzvisualisierungen, die der Konzern im April präsentierte, suggerieren eine einfache Lösung für ein seit Jahren brachliegendes Areal. Tatsächlich geht es um mehr als ein einzelnes Bauprojekt: um den Umgang mit einem der letzten unbebauten städtischen Grundstücke im Leipziger Süden, und um die Frage, nach welchen Kriterien darüber entschieden wird.


Ein Grundstück, zwei Eigentümer, eine Vorgeschichte

Die Flächen rund um den ehemaligen Güterschuppen waren bis vor kurzem in Bahnbesitz. Die Stadt Leipzig hat sie übernommen, nachdem der Stadtrat 2020 auf Initiative der Linksfraktion beschlossen hatte, für die Teilflächen neben dem geplanten Park-&-Ride-Platz eine kulturelle Nutzung zu prüfen. Das Kulturamt und das Amt für Wirtschaftsförderung beauftragten daraufhin eine Machbarkeitsstudie, die unter anderem Künstlerateliers, Bandprobenräume, einen Veranstaltungsraum für 50 bis 99 Personen und Gastronomie als realistische Optionen ausweist – inklusive Schallimmissionsprognose, Holzschutzgutachten und einer Ertragswertrechnung.

Die Verwaltung schlägt inzwischen jedoch den Verkauf der Schuppen-Flächen über ein Konzeptverfahren vor, offen auch für kulturelle Nutzung – aber nur, wenn sie sich wirtschaftlich selbst trägt. Eine direkte städtische Trägerschaft des Kulturprojekts ist damit vom Tisch.

Parallel dazu wechselten die angrenzenden Flächen an der Bornaischen Straße den Besitzer, auf der das ehemalige Bahnhofsgebäude steht: Aldi Nord erwarb sie per Zwangsversteigerung für 575.000 Euro – deutlich unter dem ursprünglichen Gebot von 1,15 Millionen. Verkäufer war die insolvente German Property Group, die sich mit denkmalgeschützten Immobilien verspekuliert hatte.

In diese Konstellation hat Aldi nun ein Angebot eingebracht, das den Konzern in eine andere Debatte hineinzieht: die Standortsuche des TV Club. Der studentische Club muss seinen bisherigen Standort am Eutritzscher Freiladebahnhof verlassen und prüft Alternativen. Geschäftsführer Pfeiffer bestätigte gegenüber der LVZ, dass der Club zusätzliche Räume für Equipment und Vereinsleben braucht – eine Option ist eine Fläche neben der Messehalle 7 auf dem Alten Messegelände, eine zweite eben jener Güterschuppen am S-Bahnhof Connewitz, der derzeit im Besitz der Stadt Leipzig ist. Für die Erschließung der eigenen Filiale ist Aldi auf eine Zufahrt über das städtische Grundstück angewiesen. Ob das Angebot an den TV Club auch mit Blick auf die Akzeptanz des Bauprojekts im Stadtteil gemacht wurde, lässt sich aus den vorliegenden Informationen nicht belegen, liegt aber nahe.


Die eigentliche Front: Mikroapartments

Der Widerstand entzündet sich allerdings weniger an der Nutzung des Güterschuppens als an den geplanten Apartments. Die Stadtteilinitiative Vernetzung Süd hat eine Petition gestartet, die sich gegen den Verkauf der städtischen Flächen und gegen den Neubau von Aldi richtet. Initiativensprecher Lasse Lowak fordert, dass es statt eines weiteren Mikroapartment-Projekts bezahlbaren, sozialverträglichen Wohnraum brauche. Die Petition nennt konkrete Zahlen: Kaltmieten für Mikroapartments lägen in Connewitz derzeit bei 16 bis 25 Euro pro Quadratmeter, während die durchschnittliche Bestandskaltmiete im Stadtteil bei 6,50 Euro liege.

Von rund 1.200 Wohnungen, die in den vergangenen zehn Jahren in Connewitz entstanden sind, waren mehr als ein Drittel Mikroapartments. Das Geschäftsmodell dahinter – möbliert, befristet vermietet – zielt selten auf Menschen mit dauerhaftem Wohnbedarf. Zielgruppe sind Pendler, temporär Beschäftigte, »Urban Nomads« – ein Begriff, mit dem etwa der Immobilienentwickler Lewo sein Nachbarprojekt »The One« bewirbt.

Wohnungspolitisch sind diese Modelle deshalb umstritten, nicht nur wegen des Preises. Möblierte und befristet vermietete Wohnungen fallen in der Praxis häufig aus dem Schutzbereich des regulären Mietrechts heraus, etwa bei Kündigungsschutz oder Mieterhöhungsgrenzen. Vermieter können zudem einen Möblierungszuschlag erheben, dessen Höhe bislang kaum reguliert ist. In der Kombination entstehen so Mietpreise, die deutlich über dem liegen, was für eine vergleichbare unmöblierte Wohnung verlangt werden dürfte – ein Konstruktionsmerkmal, nicht ein Nebeneffekt. Die Bundesregierung arbeitet inzwischen an Regelungen, die genau diese Lücken schließen sollen.

Ein Beispiel aus Lindenau zeigt, wie weit solche Modelle gehen können: Im »Horror-WG-Haus« in der Demmeringstraße waren 14 Zimmer auf 157 Quadratmetern untergebracht, zu Quadratmeterpreisen von mehr als 35 Euro. Die Stadt untersagte im Mai die Nutzung wegen baulicher Mängel.


Die Stadt zögert – noch

Ein konkreter Bauantrag von der Stadt liegt bislang nicht vor, die Visualisierungen von Aldi sind nur Entwürfe. Der Stadtrat befasst sich erst in der Juli-Sitzung grundlegend mit dem Umgang mit den betreffenden städtischen Flächen. Ein Antrag der Linken fordert, den möglichen Verkauf auszusetzen, bis grundbuchrechtliche Fragen geklärt und Aldis Pläne bewertet sind sowie das Gelände bevorzugt im Erbbaurecht zu vergeben, um sie soziokulturell nutzbar zu machen.

Die Sanierung des Güterschuppens kostet schätzungsweise mindestens 1,3 Millionen Euro. Die Stadt selbst will dieses Geld nicht aufbringen – ein Grund, warum die Verwaltung auf einen wirtschaftlich tragfähigen, also letztlich privaten Betrieb setzt.

Die Vernetzung Süd fordert, das gesamte Areal dauerhaft in öffentlicher oder gemeinnütziger Hand zu halten und die Entwicklung am Gemeinwohl statt an Rendite auszurichten. Rund 1.500 Unterschriften sind bislang zusammengekommen.


> Petition der Vernetzung Süd: www.openpetition.de


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