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Kultur

»Vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart«

Universitätsmusikdirektor David Timm im Gespräch über den 100. Geburtstag des Chores der Uni Leipzig

  »Vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart« | Universitätsmusikdirektor David Timm im Gespräch über den 100. Geburtstag des Chores der Uni Leipzig  Foto: Sebastian de Vries

Die mehr als 100 Sängerinnen und Sänger des Leipziger Universitätschores versammeln sich zweimal pro Woche, um gemeinsam zu musizieren. Seit nunmehr 100 Jahren schreibt der Chor die Geschichte der Musikgemeinschaft weiter. Wir haben anlässlich des Jubiläums mit David Timm gesprochen, der den Leipziger Universitätschor seit 2005 und aktuell dessen Proben zum anstehenden Festkonzert leitet. Wobei er nicht vergisst, sich zu erinnern und zu träumen.

Welche Konstante sehen Sie über die 100 Jahre, die der Universitätschor nun besteht?

Vor allem: sich zweimal pro Woche zu begegnen und miteinander zu musizieren. Der Chor besteht aus überwiegend studentischen Mitwirkenden und die Verbindung untereinander ist sehr stark. Von Anfang an bis heute zeichnete den Leipziger Universitätschor ein breitgefächertes und eigenständig profiliertes Repertoire vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart aus.


Und was erträumen Sie sich für die nächsten 100 Jahre?

Frieden und Demokratie.


Um die Gründung des Chores ranken sich einige Mythen …

Da der Name »Leipziger Universitätschor« erst später verliehen wurde, gab und gibt es hin und wieder Fragen, ob der Chor nicht erst später gegründet wurde. Mit großer Sicherheit können wir sagen, dass am Abend des 17. Juni 1926 die erste Probe des »Madrigalkreises Leipziger Studenten« unter Leitung des damals 23-jährigen Friedrich Rabenschlag stattfand. Seit diesem Abend lässt sich das musikalische Wirken unseres Chores durchgängig nachvollziehen. Mit den »Gründungsmythen« hat sich jetzt zum Jubiläum der Vortrag »100 Jahre Leipziger Universitätschor? Gründungsmythen zwischen 1926 und 1938« von Prof. Dr. Bärwald beschäftigt.


Unter welchen Bedingungen konnte der Chor beispielsweise im Krieg und in der Nachkriegszeit musizieren?

Das Leben unter Kriegsbedingungen, in einer stark zerstörten Stadt, war mit großen Belastungen verbunden. Tenöre und Bässe wurden zum Kriegsdienst einberufen. Einem Bombardement im Jahre 1943 fiel auch das Chorarchiv zum Opfer. Die Proben und Auftritte konnte Friedrich Rabenschlag weiterhin leiten, weil er als kriegsuntauglich gemustert worden war. Im Dezember 1945 wurde aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft ein Auftrittsverbot gegen den Chor verhängt, das nach der Entnazifizierung wieder aufgehoben wurde.


Wie steht es um die Aufarbeitung dieser Zeit des Chores?

Hier stehen wir noch am Anfang. Das vorliegende Material zur NS-Zeit und der Nachkriegszeit ist immer wieder gesichtet und auch in musikwissenschaftlichen Beiträgen aufgegriffen worden. Eine Aufarbeitung dieses Zeitraumes wie auch der sehr umfangreichen

Thematik SED und Staatssicherheit durch spezialisierte Historiker:innen steht aber noch aus und wird uns einige Jahre beschäftigen.


Der Universitätschor ist auch mit geistlicher Musik verbunden. In der DDR war das nicht unbedingt die Vorstellung von Kunst, oder?

Von der ersten Probe an wurden weltliche und geistliche Stücke gesungen, die Oratorien Johann Sebastian Bachs wurden zum Teil erstmalig seit Jahrhunderten vom Universitätschor in Leipzig aufgeführt – auch diese Tradition hält bis heute an. In der DDR-Zeit war die Musik Bachs spätestens seit seinem 200. Todestag im Jahre 1950 zur Hebung des Ansehens des Staatsgebildes sehr willkommen; bis zur friedlichen Revolution wurden Bachinterpretinnen und –interpreten, Chöre und Orchester gerne auf Konzerttourneen ins westliche Ausland geschickt – auch, um dem Staat Devisen einzuspielen. Allgemein galt geistliche Musik der Vergangenheit offiziell als »kulturelles Erbe«, das gepflegt werden sollte, daher war die Fortführung dieser »Repertoirekonstanten« auch zu diesen Zeiten möglich.


Es gab aber sicher auch Einschränkungen?

Sehr viele! Welche Unterwerfung der Staat vom Chor und seiner Leitung forderte, sehe ich beispielsweise im Reiseverbot ins westliche Ausland ab 1961: nur weil am Auftrittsort keine DDR-Flagge sichtbar war, als der Leipziger Universitätschor 1961 bei einem Festival in Passau konzertierte. Die Sprengung der Universitätskirche am 30. Mai 1968, durch die der Chor seine musikalische Heimat verlor, sowie die Überwachung und Infiltrierung durch das Ministerium für Staatssicherheit zeigen ebenso, dass staatliche Stellen sehr viel unternahmen, um ihre Ideologie auch im Bereich der Kultur massiv durchzusetzen.


Zurück in die Gegenwart: Was war das aufregendste Konzert der letzten Jahre?

Für mich: die Aufführung der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach am 28. März dieses Jahres, weil da die ergreifendste Musik gesungen wurde.


Und was war die größte Herausforderung, die sie während eines Konzertes des Universitätschores bewältigen mussten?

Die Antwort darauf fällt mir schwer - vielleicht liegt diese Herausforderung noch vor mir?


Apropos: Am Wochenende steht ein Konzert anlässlich des 100-jährigen Jubiläums an. Welche Stücke haben Sie sich für das Fest ausgesucht?

Am 27. Juni werden wir in der Thomaskirche das Werk »Burst« der Leipziger Professorin für Komposition Meike Senker uraufführen. Außerdem spielen wir meine »Jazzmesse« für Chor, Orchester und Jazzband. »Der 100. Psalm« für Chor und Orchester von Max Reger (Leipziger Universitätsmusikdirektor 1907/08, Anm. d. Red.) steht am Schluss des Konzertes.


> Festkonzert: 27.6, 19 Uhr, Thomaskirche


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