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Kultur

»Spielplanerstellung ist wie in die Kristallkugel schauen«

Der scheidende Opernintendant Tobias Wolff über die Diversität des Leipziger Publikums und die Schwierigkeiten bei der Spielzeitplanung

  »Spielplanerstellung ist wie in die Kristallkugel schauen« | Der scheidende Opernintendant Tobias Wolff über die Diversität des Leipziger Publikums und die Schwierigkeiten bei der Spielzeitplanung  Foto: Tobias Wolff/Gudula Kienemund

Nach vier Jahren an der Opernspitze kehrt Tobias Wolff Leipzig den Rücken. Sein Vertrag wurde nicht verlängert und er wird nun Generalintendant am Braunschweiger Staatstheater. Im kreuzer-Gespräch zieht er Resümee und erklärt, wie schwierig es ist, künstlerische und vertriebliche Ansprüche zu vereinen.

Sie kennen Leipzig schon lange, ist es eine Opernstadt?

Leipzig ist ja allerlei. Wir sehen selbst innerhalb des Opernbetriebes, dass sich ganz verschiedene Publikumsschichten auftun. Die einen mögen eher die zeitgenössische Musik, andere eher Wagner oder sie gehen lieber in Rossini. Es gibt wenig Schnittmengen zwischen den Leuten, die in die Oper gehen, und Musical-Gängern der Musikalischen Komödie. Insofern ist die Antwort auf die Frage schwierig. Aber die Leipziger sind ein insgesamt theaterbegeistertes Publikum.


Was macht das Publikum hier besonders?

Einen großen Unterschied bemerke ich jetzt in Vorbereitung auf Braunschweig: Ein einigermaßen geschlossenes bürgerliches Publikum, was untereinander vernetzt ist, das gibt es hier in Leipzig nicht mehr in dem Umfang. Daran haben wir uns auch ein bisschen die Zähne ausgebissen. Der Oberbürgermeister erzählte einmal, dass die Schnittmenge zwischen den Menschen, die 1990 hier gelebt haben, und denjenigen, die heute hier leben, ein Drittel ist. Viele sind zugereist oder abgewandert. Es ist einfach schwer, Menschen zu erreichen, die aus Gütersloh kommen, bei Amazon arbeiten und am Stadtrand wohnen. Die nehmen ihre Mediennutzung mit, schalten nicht sofort auf MDR und Leipziger Volkszeitung um.


Zum kreuzer greifen Sie auch nicht unbedingt...

Genau. Wie erreiche ich die? Beim Braunschweiger Bürgertum scheint mir ein Opernabend schnell Stadtgespräch zu sein. In Leipzig kamen bei vielen Produktionen die Leute erst Wochen oder Monate nach der Premiere und fragten, wann wir wieder spielen. Wir haben da ein Kommunikationsthema.


Aber in der Muko sind Dauerbrenner wie »Hello again«, »Adams Familiy« und »The Producers« ausverkauft.

Bei Howard Carpendale machte er das selbst in der Yellow Press bekannt. Bei »The Producers« hat es gedauert. Das zog nach der vierten, fünften Vorstellung an. Wir planen mit unterschiedlichen Parametern. Relativ komplexe Stücke wie »Coming Up for Air« kann man nicht sechs Wochen liegen lassen, dann müssen es die Künstler von vorne lernen. Eine »La Traviata« oder »Zauberflöte« können sie dazwischen laufen lassen. Wir sind im Konflikt: Um künstlerisch gut zu sein, müssten wir in einem Drei-Wochen-Zyklus sechs Vorstellungen spielen. Wollen wir möglichst viele Karten verkaufen, dann lassen wir immer sechs Wochen dazwischen. Insofern bleibt das immer eine Herausforderung zwischen vertrieblicher Planung und künstlerischem Anspruch.


Ist Leipzig eine Muko-Stadt?

Die Muko hat eine fantastische Entwicklung genommen. Darüber sind wir stolz und glücklich, weil es vor der Sanierung unsicher war, ob wir diese vielen Mehrplätze würden füllen können. De facto hätte die alte Muko die Besucherzahlen des letzten Jahres gar nicht aufnehmen können. Das ist eine tolle Erfolgsgeschichte. Aber auch ein Phänomen der Zeit. Viele Kollegen in ganz Deutschland sagen, zu Krisenzeiten ist der Bedarf nach Unterhaltung ein bisschen höher. Ist er natürlich, aber dann auch wiederum die Bürde hier fürs Opernhaus. Weil die gute Laune in Lindenau Platz hat, ist es schwierig, in der Oper heitere Stücke anzusetzen. Da haben wir nicht so den Geschmack getroffen. »Il viaggio a Reims« fand ich eine bezaubernde Inszenierung, die gute Kritiken hatte. Die Leipziger haben es nicht angenommen. Umgekehrt war »Hans Sachs« für die Muko irgendwie zu ernst. Die Profilbildung scheint nur im Sinne von guter Unterhaltung in der musikalischen Komödie und heiligem Ernst in der Oper zu funktionieren.


»Julius Cäsar« und »Don Giovanni« waren echte Hinhörer und Hingucker, verschwanden aber vom Spielplan, ohne den Publikumsschwung mitzunehmen. Woran lag das?

Spielplanerstellen ist immer ein bisschen wie in die Kristallkugel schauen. Nehmen Sie den »Don Giovanni«. Den haben wir in der ersten Spielzeit zwölf Mal gekauft. Das war eine Riesendiskussion, weil einige auf Entscheidungsebene sagten, das verkaufen wir nie. Und genau das haben wir dann relativ oft gespielt.


Dann war es anderthalb Jahre weg.

Das liegt an unseren Planungshorizonten. Eine Inszenierung setze ich nach einem Jahr doch nicht direkt wieder für 15 Mal an, wenn mir der Vertrieb sagt, dass wir das nie verkauft bekommen. Unsere Vorläufe sind lang, die Kollegen planen gerade die Spielzeit 2028/29. Wir wissen vorher nicht, wie ein Stück läuft.


Und Sie können dann nicht schneller reagieren? Manchmal hört man, das Gewandhaus-Orchester, das auf drei Jahre im Voraus verplant ist, ist schuld.

Schuld ist das falsche Wort. In so einem Konstrukt aus zwei großen Playern, die international agieren mit internationalen Gästen, sind die Vorläufe sehr lang. Das ist an jedem großen Konzerthaus so. Diese Struktur ist unsere Kernherausforderung, aber das garantiert auch eine hohe Effizienz der Orchesterleistung. Ein anderer Faktor sind Solisten, die auch nicht immer verfügbar sind. Dann sind die freien Bühnenzeiten beschränkt. Man müsste etwas absagen, um etwas anderes ansetzen zu können. Es ist tetrisartig durchgetaktet, wo welches Bühnenbild lagert. Und das müsste ja auch erst aufgebaut werden. Eine langfristige Verlässlichkeit ist für uns ganz wichtig. Deswegen haben wir auch aufgehört, Vorstellungen abzusagen, wenn sie schlecht besucht waren. Andere Kollegen machen das, um ihre Auslastung zu schönen. Aber unser Glaubensbekenntnis ist Verlässlichkeit gegenüber dem Publikum.


Mehr Flexibilität ist nicht möglich?

Man kann an gewissen Stellen flexibler sein, aber dafür muss man sattelfest sein. Die ersten Jahre waren für mich eine Orientierungsblase, um zu gucken, wie der Betrieb funktioniert. Vielleicht hätten wir mit längerem Atem Möglichkeiten gefunden, flexibler zu reagieren.


Stichwort kulturelle Bildung: Musiktheater ist bei Jüngeren nicht mehr so bekannt. Ist das ein Problem?

Einerseits kann man froh sein. Weil wer gar nichts kennt, hat auch keine Vorurteile. Das Problem ist, wie wir sie ins Haus bringen. Die Top-Titel ziehen immer noch, aber der Mittelbau ist komplett weggebrochen. Man kann etwas ausgraben, um das Feuilleton zu locken. Doch die zweite Reihe interessiert das nicht, und viele im Publikum kennen diese Stücke nicht. Aber wir stehen ohnehin vor einer Herausforderung, weil nach der Wende die Abo-Zahlen massiv eingebrochen sind. Wir haben aktuell unter 1.000 Festplatzabonnenten. Wir machen hier wie in New York kompletten Freiverkauf fast jeden Abend. Daher bin ich auch stolz, dass eine »Mary, Queen of Scots« ganz gut gelaufen ist.


Wäre ein Stagione-Betrieb ohne Repertoire, wo pro Saison ein paar Inszenierungen zwei, drei Wochen nacheinander gespielt werden, mittel- und langfristig eine Lösung für die Oper Leipzig, um Betrieb billiger zu machen?

Möchte man ein Haus mit großer Spannbreite im Repertoire? Dann ist Stagione nicht das Richtige. Klassische Stagionehäuser wie Brüssel haben vier oder fünf Stücke im Jahr, die dann lange hintereinander laufen. Wir haben 17 oder 18 Stücke insgesamt. Hier Stagione anzubieten – so habe ich die Leipziger kennengelernt – ist nur möglich mit den absoluten Top-Blockbustern. Das kann man bestimmt machen, wenn man es gut aufsetzt. Aber als Dramaturg muss ich sagen, ich finde das wahnsinnig langweilig. Alle vier Jahre kommt eine Neuproduktion »Traviata«, »Nabucco«, »Barbier«, »Carmen« – wahrscheinlich sogar in einer Ausstattung, die schon in anderen Häusern gelaufen ist. Das darf dann auch nicht wehtun von den Inszenierungen her, weil sonst das Publikum die dicht getakteten Vorstellungen gar nicht füllt. Das hat auch Auswirkungen.


Welche?

Bei Stagionehäusern im Ausland gibt es oft keinen Festangestellten-Chor. Das ist auch eine Frage der Orchestergröße. Es gab in Wuppertal mal einen Versuch, der sehr kläglich gescheitert ist. Es brauchte fast zehn Jahre, bis sie zurück waren im normalen Betrieb.


Früher fanden alle das sächsische Kulturraumgesetz toll, weil es Kultur zum Auftrag gemacht hat. Aber weil dort keine Tarifsteigerungen bei den Löhnen, die so genannte Dynamisierung festgeschrieben war, erweist sich das Gesetz als Bremsklotz. Wie dringend ist eine Neufassung?

Die ist dringend nötig. Die großen Zentren sind da ins Hintertreffen geraten, man hat sich sehr auf die ländlichen Räume konzentriert. Gerade Leipzig mit seinen vielen Kulturangeboten wird ein bisschen stiefmütterlich behandelt.


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