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Kultur

Wie Rom

Die Hallenser Moritzburg zeigt 101 Häuser und Gesichter der Fotografin Helga Paris

  Wie Rom | Die Hallenser Moritzburg zeigt 101 Häuser und Gesichter der Fotografin Helga Paris  Foto: NACHLASS / ESTATE HELGA PARIS

Ein Motorradfahrer steht vor einer Baustelle mit fast abgerissenem Fachwerkhaus und halb errichtetem Plattenbau. Im Hintergrund sind die Türme der Markt­kirche und der Rote Turm zu sehen. »Ich habe Halle fotografiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land – Versuch, alles, was ich wissen und verstehen könnte, zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise Rom fotografiert.« – So beschreibt die Fotografin Helga Paris ihre Serie zu Häusern und Gesichtern in Halle, die die Moritzburg nun vierzig Jahre nach Verbot der Ausstellung 1986 zeigt – einschließlich der Vor- und Nachgeschichten sowie Interviews mit Beteiligten.

Helga Paris wurde 1939 als Helga Steffens im heutigen Polen geboren und studierte 1956–60 an der Ingenieurschule für Bekleidung in Berlin, Fachrichtung Modegestaltung. Sie heiratete den Maler Roland Paris und begann nach der Geburt von Sohn Robert, der später auch als Fotograf arbeitet, und Tochter Jenny autodidaktisch mit der Fotografie. 1972 nahm sie der Verband bildender Künstler auf, 2011 hörte sie mit der Fotografie auf und starb 2024 in Berlin. 

Zwischen 1983 und 1985 sind ihre soeben ausgestellten 101 Aufnahmen in Halle entstanden. Zuvor regte der Berliner Fotograf und HGB-Dozent Arno Fischer (1927–2011) Fotografinnen und Fotografen an, die DDR fotografisch zu kartografieren und somit auch zu inventarisieren. Helga Paris wählt Halle, weil ihre Tochter Jenny zu der Zeit hier in einer Goldschmiede lernt, in der Altstadt wohnt und ihre Mutter mit der Hallenser Künstlerszene um den Bühnenbildner und Grafikdesigner Helmut Brade (*1937) bekannt macht. Die Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Menschen in Gruppen, einzeln, vor Häusern, Läden, Denkmälern. Rückblickend hält Paris in den Neunzigern fest: »Zunächst habe ich den Alltag fotografiert, das Verhalten der Menschen auf der Straße. Nie zuvor und bis heute nicht ist mir so viel offenes Misstrauen und Aggression begegnet wie in Halle. Die Leute haben mich beschimpft, wollten mir den Film aus der Kamera nehmen, riefen nach der Polizei. Ich kann mir ihre Reaktion nur so erklären, dass sie sich sehr wohl ihres erniedrigenden Zustandes bewusst waren, der Dumpfheit des Alltäglichen: Hetzen, Anstellen, Schleppen, und dass sie das kalte, beobachtende Kameraauge als regelrechten Schmerz empfunden haben; sie fühlten sich ertappt.« 

Geplant war am 24. Juni 1986 die Eröffnung in der Galerie Marktschlößchen, die vom DDR-Künstlerverband geleitet wurde. Doch der vorab gedruckte Katalog (gestaltet von Helmut Brade) führte zum Verbot der Ausstellung: Zu gefährlich schien den Verantwortlichen ganz offensichtlich die ungeschönte Darstellung der Wirklichkeit, die im scharfen Kontrast zur Lösung der Wohnaufgabe laut SED bis 1990 oder dem 1.025-Jahre-Stadtjubiläum stand. 1989 kaufte das Kunstmuseum Moritzburg die Serie an und zeigte sie Anfang 1990 in der Galerie Marktschlößchen – 16.000 Besucherinnen und Besucher kommen. 

Die Ausstellung der Serie jetzt ordnet die Aufnahmeorte in der Stadt ein, zeigt die Geschichte der Serie, des Verbots und des zweiten Versuchs einer Ausstellung, aber auch, wie Jugendliche einige der Foto­grafien im Jahr 2010 nachstellen. Jenny Paris appellierte beim Pressetermin zur Ausstellung, dass die Arbeiten der Generation ihrer Mutter nicht vergessen werden dürften – viele der zwischen 1930 und 1950 geborenen Künstlerinnen und Künstler finden aktuell in Museen kaum Platz. 

Das Literaturhaus Halle zeigt noch bis 16. August die Ausstellung »Konstanze ­Göbel. Halle im Umbruch 1987–89«: Erstmals sind die 50 Fotografien der 1950 geborenen Göbel zu sehen, die sie im Auftrag des Rates des Bezirkes Halle aufnahm. Auch sie werden im sehr informativen Katalog zur Paris-Ausstellung vorgestellt.

Den Halleschen Fotosommer rundet das Stadtmuseum mit der Ausstellung »Reinhard Hentze. Freiheit im Blick. Fotografie 1981–1990« ab. 

Zur Finissage der Halle-Serie von Helga Paris finden am 19. September eine Lesung und ein Gespräch zu »Diva in Grau« statt. So hieß der Text-Bildband nach einem Text von Detlef Opitz und einer Auswahl von Halle-Fotografien, der seit 1991 in fünfter Auflage erschien, zuletzt 2024, und vergriffen ist. Die Schwarz-Weiß-Fotografien scheinen ihre Wirkung und Bedeutung bis heute nicht einzubüßen, zeigen aber auch – so der Moritzburg-Direktor Thomas Bauer-Friedrich – im Hinblick auf die anstehenden Landtagswahlen, wie viel sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat. 

> »Helga Paris. Häuser und Gesichter Halle 1983–85«: bis 20.9., Do–Di 10–18 Uhr, Kunstmuseum Moritzburg Halle – Führungen: 1., 15., 29.8., 14 Uhr; Stadtspaziergang: Halle damals & heute: 23.8., 10.30 Uhr; Katalog: Mitteldeutscher Verlag 2026. 208 S., 48 € im Museum, 58 € im Buchhandel
> »Konstanze Göbel. Halle im Umbruch. 1987–1989«: bis 16.8., Sa/So 13–17 Uhr, Literaturhaus Halle
>  »Reinhard Hentze. Freiheit im Blick. Fotografie 1981–1990«: bis 15.11., Mi–So 10–17 Uhr, Stadtmuseum Halle
>  »Halle 360°. Reiner Leist«: bis 20.9., Do–Di 10–18 Uhr, Kunstmuseum Moritzburg Halle


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