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Stadtleben

Ein Netz voller Barrieren

Eine Fachgruppe aus Menschen mit Behinderung zeigt, wie barrierefreie Software wirklich funktioniert

  Ein Netz voller Barrieren | Eine Fachgruppe aus Menschen mit Behinderung zeigt, wie barrierefreie Software wirklich funktioniert  Foto: Die Fachgruppe während der Arbeit: Steven, Marina, Anja Seidel und Sebastian (v.l.)/Leonie Brommer

Blinkende Banner, kontraintuitive Menüs oder Texte voller Behörden-Deutsch – diese und viele andere Barrieren können Menschen mit Behinderung die Nutzung digitaler Angebote erschweren oder gar unmöglich machen. Häufig werden solche Defizite erst erkannt, wenn die Webseiten längst programmiert und öffentlich zugänglich sind. Das Projekt »Digitale Barrierefreiheit von Anfang an« geht einen anderen Weg. Seit August 2023 begleitet eine Fachgruppe aus Menschen mit Behinderung als Expertinnen und Experten die Entwicklung von Luna, einer inklusiven digitalen Lernplattform.

»Die Idee ist, dass wir Menschen mit Behinderung von Anfang an in die Entwicklung von einer Endbenutzer-Software einbeziehen«, erklärt Florian Berger. Berger ist nicht nur Entwickler von Luna, sondern auch Auftraggeber der Fachgruppe. Diese gehört zum Projekt Raketenwissenschaft des Vereins Plus humanité. Über den Verein Leben mit Handicaps wiederum, der unter anderem eine Prüfgruppe für Leichte Sprache unterhält, startete das Team rund um Florian Berger einen Aufruf. Gesucht wurden Menschen mit Behinderung, die Lust hatten, an einer Fachgruppe mitzuwirken, ihre Erfahrungen einzubringen und etwas Neues zu lernen. Auf den Aufruf reagierten damals acht Menschen. Gegen Ende des Projekts sind noch fünf mit dabei.

Eine der Teilnehmerinnen ist Beate. Sie meldete sich für die Fachgruppe, weil sie etwas Neues lernen wollte, das sich außerhalb ihres gewohnten Bereichs befand. »Es hat mich ein bisschen gereizt. Ich bin Prüferin für Leichte Sprache und habe immer Leichte Sprache gemacht. Ich wurde gefragt: Kannst du dir vorstellen, bei einem Projekt der Raketen-Wissenschaft mitzumachen? Ich dachte: Jetzt versuche ich mal was Anderes«, erklärt sie. Für ihren Kollegen Steven hingegen ist der Mangel an barrierefreien Internetseiten der ausschlaggebende Punkt, an dem Projekt mitzuwirken. »Ich finde es wichtig, dass auch Menschen mit Lernschwierigkeiten daran mitarbeiten können. Und auch mitentscheiden dürfen«, erklärt er.

Im Rahmen monatlicher Treffen hat sich die Fachgruppe verschiedene Lernplattformen wie beispielsweise Moodle angeschaut, sich inhaltlich mit Leichter Sprache befasst und das analoge Programmieren kennengelernt. Als sich die Gruppe unterschiedliche Internetseiten ansah, war der Frust besonders groß. »In den Medien gibt es nicht immer Leichte Sprache. Die schreiben immer, dass es Leichte Sprache ist. Manchmal denkst du, wo haben die das geprüft?«, berichtet Beate. Uwe, der auch Teil der Fachgruppe ist, erzählt, dass man häufig lange suchen müsse, bis man Informationen in Leichter Sprache findet.


Prüfen, Suchen, Finden

Von April 2024 bis November 2025 hat sich die Fachgruppe besonders intensiv mit Luna beschäftigt. Dabei handelt es sich um ein Lernmanagementsystem, das mit textbasierten Lernkursen arbeitet. Ähnlich zu Plattformen, die im universitären oder schulischen Kontext Verwendung finden, können hier Lerninhalte von externen Personen zu verschiedenen Themen eingestellt werden. Während die Teilnehmenden die Lernplattform ausgiebig testeten, protokollierte das Begleitteam jeden einzelnen Stolperstein. »Am meisten Spaß gemacht hat mir, Florian zu sagen, was ich an der Internetseite nicht gut finde«, führt Beate lachend aus. Dieser offene Umgang mit Kritik oder wenn etwas unverständlich ist, hat Florian Berger besonders beeindruckt. »Die Menschen mit Lernschwierigkeiten in unserer Fachgruppe finden die Probleme im User Interface, in der Bedienbarkeit sofort und viel schneller als Menschen ohne Behinderung, weil sie auch viel direkter sagen, was für sie nicht funktioniert.«

Über mehrere Monate hinweg begutachtete die Fachgruppe einzelne Funktionen der Plattform. Dabei stand in jedem Monat ein neues Feature im Fokus. Geprüft wurden unter anderem die Lesezeichenfunktion, aber auch die Kurs-Navigation und die Quizze. Drei der getesteten Funktionen wurden nach dem Feedback überarbeitetet und nochmal in der Fachgruppe diskutiert. Verbesserungsbedarf gab es unter anderem bei der Suchleistenfunktion. Wie Suchergebnisse trotz Tippfehlern oder abweichender Rechtschreibung gefunden werden können, stellte den Softwareentwickler kurzzeitig vor eine Herausforderung. Zum Abschluss gab es noch einmal einen Vorher-Nachher-Vergleich. »Dann haben die Leute einen A-B-Vergleich mit zwei Geräten gemacht und konnten vergleichen, wie es vorher und nachher war«, erinnert sich Florian Berger.

Die überarbeitete Lernplattform geht von nun an in ein Nachfolgeprojekt über. »Es wird ein Modellprojekt mit einzelnen Betrieben geben, die auch Menschen mit Behinderung ausbilden«, erzählt Berger. Das Abschiednehmen von der Fachgruppe fällt den Teilnehmenden nicht leicht. Neben der Trauer darüber, dass sie nicht mehr gemeinsam an Luna arbeiten, gesellt sich aber der Stolz über die geleistete Arbeit. »Ich bin stolz, dass ich und das Team etwas geschafft haben«, erzählt Beate. Auf die Abschlussveranstaltung Ende Juni, auf der die Ergebnisse der letzten drei Jahre präsentiert werden, freuen sich alle Beteiligten schon sehr. »Das Schöne finde ich ist, dass man nochmal zusammenkommt«, freut sich Uwe.


> Mehr Informationen zu dem Projekt: 


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