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Kultur

»Will ich meinem Kind diese Welt zumuten?«

In einem hundertseitigen Brief erklärt Autorin Marisa Becker, warum es sich trotz Klimakrise lohnt, Kinder zu bekommen

  »Will ich meinem Kind diese Welt zumuten?« | In einem hundertseitigen Brief erklärt Autorin Marisa Becker, warum es sich trotz Klimakrise lohnt, Kinder zu bekommen  Foto: Raphaela Fietta

Die Deutschen bekommen immer weniger Kinder. Waren es 2021 durchschnittlich noch 1,58 Kinder pro Frau, waren es 2024 nur noch 1,35. Auch in Leipzig gibt es einen starken Geburtenrückgang. Gründe dafür sind unter anderem Zukunftsängste und wirtschaftliche Unsicherheit. Auch die Klimakrise beschäftigt viele, sagt Autorin Marisa Becker. Auf Instagram erklärt sie Klimapolitik und kämpft für den Klimaschutz – 52.000 Menschen folgen ihr dabei. In ihrem neuesten Buch »Liebe Wilhelmine oder Plädoyer fürs Kinderkriegen in der Klimakrise« will die 29-Jährige – die früher auch mal für den kreuzer schrieb – mit der Behauptung aufräumen, dass Kinder eine Klimasünde seien.​

Gleich zu Beginn Ihres Briefes schreiben Sie von einem enormen Rechtfertigungsdruck, ein Kind in diese Welt gesetzt zu haben.

Als Person, die in der Öko-Blase unterwegs ist, gibt es da schon echt krasse Hardliner, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Der eindrücklichste Kommentar vor Kurzem war für mich: Jetzt noch ein Kind zu kriegen, das wäre, als würde man mit einem Auto auf eine Schlucht zufahren, aufs Gaspedal drücken und sein Kind auf den Beifahrersitz holen. – Klar, sowas ist schneller in die Tastatur getippt, als es jemandem ins Gesicht zu sagen. Diese Antinatalistische Bubble kenne ich in meinem »echten« Leben überhaupt nicht. Das ist etwas, was ich wirklich nur im Internet kennengelernt habe. Ich teile deswegen auch nicht viel über meine Kinder, weil ich sie schützen will.


Die Was-Bubble?

Antinatalist:innen lehnen das Kinderkriegen per se ab. Sie sagen: Wer Leid verhindern will, darf keine empfindungsfähigen Lebewesen in die Welt setzen. Für klimapolitische Antinatalist:innen sind Kinder nicht Motor der Veränderung, sondern Treiber der Krise. Sie denken, Kinder selbst sind eine Klimasünde und dass man deswegen keine kriegen sollte.


Wie war das bei Ihnen?

Damit habe ich mich natürlich auch beschäftigt: Was heißt denn überhaupt ein gutes Leben? Ich habe festgestellt, dass unsere Anspruchshaltung, was zu einem guten Leben gehört, Luxus ist. Es kommt auf ganz andere Dinge an, als mit einer vollen Tüte aus dem H&M zu gehen. Es geht darum, meine Grundbedürfnisse zu decken, soziale Beziehungen, die mich stärken, Selbstwirksamkeit zu spüren. Das sind Dinge, die ein Leben lebenswert machen. Ich kann mich nicht glücklich konsumieren.


Krieg, Rechtsruck, Inflation: Krisen gibt es momentan viele.

Ob man trotzdem Kinder kriegen sollte? Ich finde es wichtig, dass es jede und jeder für sich entscheidet. Kinder durch Krisenzeiten zu begleiten ist eine Herausforderung. Man kann das vor Kindern nicht immer verbergen oder fernhalten. Was die Klimakrise angeht, will ich das auch gar nicht, sondern sie dafür sensibilisieren.


Wie begleiten Sie Ihre Kinder durch die Klimakrise?

Meine Tochter ist sechs Jahre alt. Mit ihr spreche ich sehr viel darüber. Sie weiß, dass wir ein Problem haben, dass sich die Welt erwärmt, und sie weiß, dass wir Menschen mit unserer Umwelt sehr schlecht umgegangen sind und dass wir das verändern müssen. Wir erklären, warum wir Bio-Lebensmittel kaufen: Weil wir nicht wollen, dass so viele Pestizide gesprüht werden, weil das Insekten tötet, die wir brauchen. 2024 blieb in Sachsen die Obsternte aus – wir haben auch einen Apfel- und Quittenbaum im Garten – damals haben wir erklärt, dass das am Klimawandel liegt. Sie ist ein kleines Kind, ich möchte sie damit nicht überfordern. Ich beantworte primär ihre Fragen, bis sie keine Lust mehr hat. Es gibt auch viele tolle Kinderbücher dazu.


Wie ist also Ihre Antwort darauf, ob es sich trotz Klimakrise lohnt, Kinder zu kriegen?

Kinder stellen immer eine Verbindung in die Zukunft her. Sie geben uns den Willen für Veränderung, weil man etwas hat, wofür es sich lohnt, dass ich mir den Arsch aufreiße und dafür kämpfe, dass es eine bessere Welt gibt.


> Marisa Becker: Liebe Wilhelmine oder Plädoyer fürs Kinderkriegen in der Klimakrise. München: Kjona 2026. 96 S., 20 €


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