anzeige
anzeige

»Jungen Menschen geht es in dieser Stadt deutlich schlechter«

Leipzigs Jugendamtsleiter Silko Kamphausen will die Angebote von offenen Freizeittreffs verstärken – angefangen bei längeren Öffnungszeiten

  »Jungen Menschen geht es in dieser Stadt deutlich schlechter« | Leipzigs Jugendamtsleiter Silko Kamphausen will die Angebote von offenen Freizeittreffs verstärken – angefangen bei längeren Öffnungszeiten  Foto: Jugendamtsleiter Silko Kamphaus/Philipp Kirschner

Jährlich 125 Euro und 10 Cent, so viel gibt die Stadt Leipzig pro Nase für die Kinder- und Jugendförderung aus. Im Vergleich zu den letzten zehn Jahren hat sich dieser Wert verdoppelt. Mehr als dreißig Prozent der finanziellen Mittel des Amts für Jugend und Familie fließen in die Jugendzentren der Stadt. Die Kommune ist Träger von drei Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit – OFT Rabet, Crazy und Völkerfreundschaft – und zwei Jugendkulturzentren – Jojo und Oskar. Weitere dreißig Einrichtungen in freier Trägerschaft werden von der Stadt gefördert. Silko Kamphausen, Leiter des Jugendamts, hält an ihnen fest – trotz sinkender Besuchszahlen. 

Kürzlich kursierte das Gerücht von der Schließung des Jugendklubs Oskar …

Ich habe auch Briefe erhalten und dachte mir: »Mmpf«. Ja, wir haben Haushaltskonsolidierungen, ein Defizit von 200 Millionen Euro im letzten Jahr im städtischen Haushalt und wir sind aufgefordert, Personal in der Kernverwaltung gemäß einem Stadtratsbeschluss abzubauen. Da muss unter anderem auch diskutiert werden, ob das Jojo und das Oskar in der bisherigen Form weiter so fortgeführt werden können. Das Ergebnis war aber: Wir brauchen beide gleichermaßen und halten daran fest.


Ist die Finanzierung der Jugendklubs gesichert?

Die Kinder- und Jugendförderung beträgt über 22 Millionen Euro im aktuellen Haushalt. Damit werden über 163 Maßnahmen finanziert. Für den nächsten Doppelhaushalt 27/28 planen wir das Budget trotz Defiziten im Haushalt fortzuführen. Einen Großteil der Summe wollen wir für Jugendzentren nutzen. Auch dort wird es keine Einsparungen geben – unter Vorbehalt, darüber wird am Ende auch immer noch der Stadtrat entscheiden müssen.


Im Mai standen wir mehrere Male vor verschlossenen Türen des OFT Völkerfreundschaft. Auf einem Aushang war zu lesen: »Geschlossen, aus betrieblichen Gründen.« Was genau sind solche betrieblichen Gründe?

(zögert einen Moment) Krankheit. Es gibt medizinische Gründe für Personalausfall, aber manchmal sind auch soziale Verwerfungen ein Teil des Problems. Meine Erfahrung ist, dass Krankenstände immer auch etwas mit Struktur, Organisation und Zusammenarbeitskultur zu tun haben könnten, auch wenn es nicht immer ausschlaggebend ist. Das kann ich nicht für jeden einzelnen OFT beurteilen, das sind insgesamt 1.600 Beschäftigte, aber ich würde annehmen, dass soziale Einflussfaktoren auch eine Rolle dabei spielen, ob Einrichtungen höhere oder niedrigere Krankenstände haben, neben medizinischen Ursachen, die nicht zu verhindern sind.  


Wie viele Jugendliche erreichen die Jugendklubs jährlich?

Ungefähr 5.400 Kids pro Jugendklub. Da gibt es Schwankungen, weil manche Klubs stärker ausgelastet sind. Trotzdem verzeichnen wir einen deutlichen Rückgang von über zwanzig Prozent: 2016 erreichten wir durchschnittlich noch mehr als 6.800 Jugendliche. Wir hatten 2015 insgesamt etwa 270.000 Besucher:innen in 39 OFT, 2025 waren es 183.000 in 34 OFT, das ist ein Rückgang von knapp 90.000, also etwa dreißig Prozent.


Trotzdem muss kein OFT schließen?

Anhand der Zahlen könnte man entscheiden, Jugendtreffs zu schließen. Ich sage da ganz bewusst: Das wäre eine falsche Ableitung aus diesen Zahlen. Ich glaube, dass der Bedarf weiterhin hoch ist, aber die Zielgruppenpassgenauigkeit ist möglicherweise nicht mehr gegeben. Die Angebotsstruktur gilt es zu evaluieren.


Wie wollen Sie das ändern?

Es ist einfach nicht zeitgemäß, dass wir noch offene Freizeittreffs haben, die beispielsweise 16.30 Uhr schließen. Ich will, dass sie am Wochenende für unsere Kids erreichbar sind, und dann bis 22 Uhr. Wollen wir die Kids von der Straße bekommen, dann müssten wir täglich bis 20 Uhr offen haben. Die Schule endet meist erst um 15 Uhr. Das muss erst mal nicht jeden Tag sein, aber vielleicht einmal im Monat am Wochenende eine längere Öffnungszeit. Wir könnten damit noch eine ganz andere Zielgruppe erreichen. Das sind gerade harte Debatten und Diskussionen im Jugendhilfeausschuss, da dies Veränderung bedeutet.


Und Veränderung dauert.

Ich finde, manchmal muss man Dinge – wie längere Öffnungszeiten – einfach mal ausprobieren. Mutig sein. Im Sinne der Jugendlichen. Ich weiß, Fachkräfte finden das nicht cool. Früher waren das typische Sozialarbeiter-Einstiegsjobs im Bereich der offenen Freizeittreffs. Das machten die coolen, tätowierten Sozis. Ich würde mir wünschen, dass wir da ein bisschen mutiger und unaufgeregter sind. Wenn es nicht funktioniert, dann ist das in Ordnung. Keine Entscheidung ist doch für die Ewigkeit. Veränderte Zielgruppen und Lebenslagen erfordern mehr Innovationsbereitschaft.


Warum kommen mittlerweile weniger Jugendliche in die Jugendklubs?

Seit Corona ist da was passiert. Wir haben 2023 eine repräsentative Jugendbefragung durchgeführt und haben festgestellt, dass junge Menschen total belastet sind. Also wirklich krass belastet im Bereich der mentalen Gesundheit. Junge Mädchen gaben mit über vierzig Prozent an, dass sie sich sehr schlecht fühlen. Bei den Jungs waren es zwanzig Prozent, aber wir wissen auch, dass Jungs »sozial erwünschter« antworten. Bei den nichtbinären Personen waren es sogar siebzig Prozent. Wir sehen es auch in den Kinder- und Jugendpsychiatrien: Jungen Menschen geht es in dieser Stadt deutlich schlechter. Ich glaube, sie brauchen eine andere Ansprache, um Angebote wahrzunehmen. Elternhäuser sind zudem belastet und wir haben einen wahnsinnig hohen Anteil an Alleinerziehenden in dieser Stadt. Hierauf müssen wir reagieren. Jugendliche haben permanent mit Bindungs- und Beziehungsabbrüchen in ihrer Biografie zu tun, deswegen brauchen wir auch eine Kontinuität in der Betreuung vor Ort. Wir brauchen Jugendzentren, die Antworten liefern. Und da meine ich jetzt nicht Eieranmalen, sondern: noch mehr Empowerment, coole Angebote, gemeinsame Lagerfeuer. Also feste Rituale, ein festes Betreuerteam, das mit dem Umfeld, zum Beispiel den Schulen, und der Lebenswirklichkeit verbunden ist.


Gibt es erhobene Werte dazu, was Jugendklubs leisten, wo Schule oder Vereine nicht greifen? 

Jugendzentren haben aus pädagogischer und wissenschaftlicher Sicht eine zentrale Bedeutung, als sinnvolle und wirkungsvolle Alternative zu Schulen. Jugendzentren sind voraussetzungslos – damit meine ich nicht frei von Regeln. Aber alle haben Zugang, es gibt keine formalen Anforderungen, theoretisch können junge Menschen das Angebot mitgestalten. Damit schaffen die Jugendzentren auch einen sicheren Space. Gerade in so einer Stadt wie Leipzig, wo Freiräume für junge Menschen geringer werden, sind diese Jugendzentren von zentraler Bedeutung. Probleme werden ja schon sichtbar, bevor die jungen Menschen bei uns im System ankommen. Wenn man aufmerksam ist, und das erwarte ich von Sozialarbeitern, dann sind Jugendzentren die beste Präventionsstrategie für spätere schwierige Fallverläufe. Die Prävention beginnt vor der klassischen Jugendhilfe. Ich frage mich schon, wie wir sonst an bestimmte Härtefälle kommen. Im Kindergarten, in der Schule? Delinquente junge Menschen wachen morgens nicht auf und sind so, das ist Systemversagen durch fehlende Prävention vor Ort. 


In welchen Stadtteilen in Leipzig ist der Bedarf am größten, und deckt das aktuelle Netz diesen Bedarf tatsächlich ab? 

Je nachdem, wen Sie fragen, bekommen Sie unterschiedliche Antworten. Ich bin auch ambivalent, das sage ich ganz offen, weil ich ein großer Fan von Jugendzentren bin. Aber ich glaube, dass wir das volle Potenzial noch nicht ausgeschöpft haben. Ich sehe sehr wohl, dass wir Stadtteile haben, die unterversorgt sind. Erkenne aber, dass Jugendliche mobil werden, wenn das Angebot cool genug ist, und über Stadtteilgrenzen hinausgehen. In Schwerpunkten wie in Grünau und im Leipziger Osten, da sind wir gut ausgestattet. Wir brauchen nicht mehr Angebote, sondern eine Erweiterung innerhalb der bestehenden. Ich habe manchmal meine Zweifel, dass wir unser Potenzial sowohl in der Ausrichtung als auch in der Zusammenarbeit erreicht haben. 


Kommentieren


0 Kommentar(e)