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Stadtleben

Austoben und Herz ausschütten

Anderthalb Besuche im Grünauer Jugendfreizeittreff Arena

  Austoben und Herz ausschütten | Anderthalb Besuche im Grünauer Jugendfreizeittreff Arena  Foto: Hier gehts zum Jugendtreff/Christiane Gundlach

»Brückentag«, brummt der Jugendliche auf dem BMX, Helm auf dem Kopf, Go-Pro auf der Brust. Ein paar Jugendliche sind auf der Skateanlage, ansonsten ist es totenstill. Die Sechser-Clique ist jeden Tag hier, sagen sie. Hier, das sind der Jugendfreizeittreff Arena und seine Skateanlage in Grünau, hinter dem großen Schulkomplex, der Max-Klinger- (Gymnasium), Comenius- (Förderzentrum) und 94. Oberschule. »Die bieten den Jungs hier was«, sagt die Mutti, die den BMX-Fahrer heute begleitet und zur Arena nickt. »Flo und so, die sind immer da«, sagt ihr Sohn. Gemeint sind Florian Treue, der Leiter der Arena, und seine Mitarbeitenden. »Die sind cool. Wir reden und spielen mit denen.« Außerdem gibt es Pizza und Getränke. »Die haben auch zwei Playstations da drin, die haben alles!«, sagt ein Junge auf einem Roller. Dass es so was wie die Arena für die Jugend gibt, findet die Mutter gut. »Es wird keine Scheiße gebaut.« Drogen, Gewalt und so, meint sie. »Hier werden sie auch betreut.« Das müsse viel mehr von der Stadt gefördert werden, findet die Frau. Zwar ist die Arena in freier Trägerschaft – in der Fröbel-Bildung- und Erziehungs-gGmbH –, finanziert wird sie aber durch Fördermittel von der Stadt, knapp 190.000 Euro im Jahr. Also Personalkosten, Betriebskosten und so weiter. Bisher hat es immer gereicht, bestätigt Florian Treue später in unserem Gespräch. »Für unsere Leute ist es einfach zu wenig. Die Jungs fühlen sich so wohl hier. Würde die Stadt einfach mal weniger Geld in die Ukraine schicken … «, referiert die BMX-Mutter weiter. Heute endet der Besuch hier. 


Manche haben nicht mal eine Playstation zu Hause

Ein neuer Versuch im Juni. Vor der Arena ist es wieder voll. Auf der Skateanlage fahren Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf Rollern, Inlinern, Skateboards und BMX-Rädern. Tritt man in den Jugendtreff ein, steht man direkt im Hauptraum. Der Name »Arena« ist passend: Der Raum ist riesig, ein Ballsaal, mit hübschem Fischgrätenparkett, in der Mitte zwei Tischtennisplatten und zwei Tischkicker. Auf einem Sofa liegen zwei Mädchen und zwei Jungs, die auf dem Handy scrollen, ein paar Kinder spielen sich einen Tischtennisball hin und her. Aus den Boxen kommt Musik, die an gute Zeiten der Radiomusik aus den 2000ern erinnert. Zwei Jugendliche sitzen an einer Theke, hinter der sich drei Mitarbeitende unterhalten. Einer von ihnen ist Florian Treue, Projektleiter der Arena, der uns fürs Gespräch zu den Sofas führt, die auf der anderen Seite des Raums stehen, gegenüber den scrollenden Jugendlichen.

Treue ist seit April 2020 Leiter der Einrichtung. »Die meisten Kids kommen vom Campus nebenan«, sagt er. Die Kids sind zwischen 10 und 18 Jahren, neben ihnen gibt es noch die Zielgruppe über 18, junge Menschen, die schon länger hier sind, aber nicht mehr in der Schule, sondern zum Beispiel in Ausbildung und eher abends da sind. »Sogar ein paar 27-Jährige kommen immer mal wieder vorbei und sagen hallo.« Sie alle kommen aus Grünau-Nord oder Miltitz, selten von weiter weg – schon Grünau-Mitte sei eigentlich zu weit. »Viele sind jeden Tag da, wollen täglich Zeit mit uns verbringen«, sagt Treue. Etwa 25 bis 30 Stammkids hat die Arena. »Das ist schön zu sehen, dadurch merken wir, dass die Kids das auch brauchen.« Dank seines Teams findet jede und jeder hier einen Platz, sagt Treue. Zusammen mit ihm arbeiten drei weitere pädagogische Fachkräfte in der Arena. Dazu kommen Honorarkräfte, Ehrenamtliche, Praktikantinnen und Praktikanten. »FLO-O!«, schreit jemand von der anderen Seite des Raums, aber Treue lässt sich davon nicht irritieren. »Das ist hier ein offenes und freiwilliges Angebot«, sagt er. »Das heißt, die Kinder kommen und gehen in den Öffnungszeiten zwischen 14 und 19 Uhr, sooft sie wollen.« Die Arena bietet einen freien Raum mit Tischtennis, Billard, Chillout- und Bewegungsraum sowie geplanten Angeboten wie Tanzen, Kochen, Malen, Graffiti oder Fitness. »Wir als pädagogische Fachkräfte dienen vor allem als Begleiter, als Gesprächspartner, als Streitschlichterinnen und einfach mal als offenes Ohr.« Das würden die Kinder auch schätzen, sagt Treue. Während er spricht, übertönt Rapgesang aus einem der Nebenräume die Radiomusik – das Angebot »Tonwerk« hat begonnen. Was das genau ist, schauen wir uns später an. Treue spricht weiter: »Wir merken, wenn die Stimmung angespannt ist. Kinder bringen viele Emotionen mit und das dürfen wir versuchen mit ihnen zu bearbeiten. Unser Raum ist schon offener als im Schulkontext.« Ein Freiraum, der trotzdem durch Grenzen und Regeln bestimmt wird, an die sich die Kinder und Jugendlichen halten müssen. »Trotzdem ist es etwas anderes. Hier gibt es keinen prüfenden Blick der Eltern«, sagt Treue. Die Jugendlichen sollen sich hier entfalten dürfen. »Alle bringen ihre Erfahrungen und Themen mit, die sie zu Hause vielleicht nicht ansprechen können«, sagt Treue. Und Austoben ist natürlich auch ein Thema, denn »wer hat zu Hause schon eine Tischtennisplatte oder einen Billardtisch? Manche haben nicht mal eine Playstation zu Hause.« Im Hintergrund singen die Chainsmokers jetzt »Say you’ll never let me go«.


Grenzen der Sozialpädagogik

Mit den Kids aus der Gegend, die täglich in die Arena kommen, ist der Jugendtreff ausgelastet, sagt Treue. »Wir können bis zu einem bestimmten Punkt den Alltag sozialpädagogisch auffangen: Themen wie Familie, Verliebtsein oder wenn es in der Schule schlecht läuft.« Bei psychosozialen oder schwerwiegenden Familienthemen verweisen sie an andere Stellen wie die Familienberatung, psychosoziale Beratung und Psychologen. Bei größeren Konflikten oder Gewalt unter den Jugendlichen in der Arena arbeiten sie auch mit »Respektcoaches« zusammen. Die kommen vom bundesweiten Programm der Jugendmigrationsdienste, das pädagogische Fachkräfte dafür einsetzt, präventiv gegen Rassismus, Mobbing und jegliche Form von Extremismus vorzugehen, und dabei unter den Jugendlichen schlichtet. So sollen sie lernen, unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren und tolerant und respektvoll miteinander umzugehen. »Viele haben auch untereinander bestimmte Befindlichkeiten, die sie mitbringen«, sagt der Arena-Leiter. Manche Cliquen, die einander nicht mögen, treffen in der Arena aufeinander – »und schon hast du eine Eskalationsmöglichkeit«, sagt Treue. Auch so was begleiten sie vor Ort und gehen ins Gespräch.

Bevor Florian Treue zur Arena kam, hat er während seines Studiums und seiner pädagogischen Ausbildung in Gemeinschaftsunterkünften gearbeitet. Die letzten anderthalb Jahre in der Liliensteinstraße, wo er den kleinen Kinder- und Jugendtreff koordinierte. Ein paar der Kinder und Jugendlichen aus der Gemeinschaftsunterkunft brachte er bei seinem Wechsel in die Arena mit. »Ey, eine Frage: Findet ihr mein’ Rucksack irgendwo?«, will ein blonder schmächtiger Junge wissen – er ist einer der Skater, die ich vor ein paar Wochen am Brückentag vor der Arena angetroffen habe. »Also hier ist er nicht«, antwortet ihm Treue. »Jemand hat ihn geklaut«, entgegnet der Skater und schlendert davon, um weiterzusuchen. »Oder solche Themen«, sagt Treue. »Kinder verlieren öfter ihre Sachen. Immer nimmt irgendjemand irgendwas weg, am Ende müssen wir immer intervenieren und gucken, dass es respektvoll ausgeht.« Der Skater ist zurück. »Flo? Hast du den jetzt gesehen?«, will er wissen. »Ich habe mich noch nicht bewegt«, sagt Treue. Erneuter Abgang, rüber zu den anderen Sofas, wo er seinen Rucksack schließlich doch noch findet.


Der Klub ist politisch

Der Hip-Hop aus dem Raum gegenüber wechselt in ein gefühlvolles »Take me Home, Country Roads« über, völlig normal, denkt sich Treue und fährt fort: »Wir greifen auch politische Themen mit den Kids auf, die gerade aktuell sind«, sagt Treue. »Und gehen mit ihnen in den Austausch, das ist unser Bildungsauftrag« – in dem Maß, in dem es möglich ist, sagt er. »Flo«, ein weiterer Jugendlicher will etwas von Treue. Er hat schwarze Haare und streckt dem Leiter sein Handy ins Gesicht, sagt: »Das ist mein Bruder« und stampft ab. »Wir haben hier Arena-Talks, da geht es um politische Themen. Wir sprechen über die Gemeinschaftsunterkunft, die gebaut werden soll. Wir wollen darüber sprechen, was das bedeutet: Was ist eine Gemeinschaftsunterkunft? Wer zieht da ein?« Auch rassistische oder sexistische Äußerungen bearbeiten die Pädagoginnen und Pädagogen mit den Kindern. Es gibt einen Kodex und Hausregeln: Rassismus oder Gewalt haben hier keinen Platz. »Politische Äußerungen dulden wir dann, wenn konstruktiv darüber diskutiert werden kann«, fügt Treue hinzu. »Wir stellen uns dem neutral gegenüber«, und im nächsten Satz schiebt er hinterher: »Wenn du unseren Kodex nicht respektieren kannst, können wir mit dir hier nicht arbeiten, dann können wir dir hier keinen Platz bieten.« Was Florian Treue darunter versteht, neutral aufzutreten? »Jede Meinung hat ihren Platz, aber wir klären natürlich auch darüber auf, was verschiedene Parteien wollen. Dann gucken wir gemeinsam mit den Kids: Ist das wirklich deine Vorstellung? Oder ist das vielleicht nur etwas, das in deinen Kopf von anderen oder deinem Umfeld eingebettet wurde? Oder von Tiktok?« Neben den Arena-Talks gibt es auch den Arena-Rat. »Die Kids können sich hier mit einbringen und demokratische Entscheidungen treffen«, sagt Treue. »Heute tagt er um 17 Uhr.« 


Gewählte Mitsprache der Jugendlichen

Der Arena-Rat ist ein Jugendbeirat, der sich für die Jugendlichen nicht nur in der Arena, sondern auch in Grünau-Nord einsetzt. Getagt wird im Bewegungsraum. Um einen kleinen Tisch haben sich vier Personen versammelt, die sich nebenbei M&Ms und Chips in den Mund schieben. Der Rat ist neu, erst seit zwei Monaten treffen sie sich. »Wir besprechen hier, was so los ist. Es geht um Feste, die wir feiern, oder die Kids kommen zu uns und sagen uns, wenn etwas passiert ist«, sagt die 26-jährige Saskia, die von den Jugendlichen aus der Arena in den Rat gewählt wurde. »Genau, hast du gut erklärt«, sagt Lorena Hammermann. Sie ist Honorarkraft und für den Arena-Rat zuständig. »Wir besprechen, was es hier zu essen geben soll, welche Spiele wir hier spielen. Was läuft gut? Was nicht so gut? Wie kann man die Gegend bunter gestalten?«, ergänzt Hammermann. Die Mitglieder mussten sogar eine Kandidaturphase durchlaufen, dann wurde gewählt. Danach gab es eine kleine feierliche Verkündung des Rats. »Ich wurde von Flo gefragt, ob ich mitmachen will, und dann habe ich mir das angeguckt«, sagt der 15-jährige Marc, der eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben möchte. »Ich kenn die Arena seit 2018, deshalb hat mich Flo auch gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte«, sagt Saskia. Heute wollen sie noch Ideen sammeln, wie sich der Rat in das Sommerfest der Arena einbringen kann. Und sie wollen besprechen, wie sie ihre Ecke in der Arena gestalten können. »Wir nennen sie die politische Ecke, im großen Raum hinten rechts, da haben wir jetzt auch einen Tresen, den gestalten wir gerade mit Bildern von uns. Sachen, die wir beschließen, hängen da dann auch aus«, sagt Hammermann.


Weil in Thekla nichts los ist

Zurück im Hauptraum der Arena, wo nach wie vor das Geträller aus dem Nebenraum die Musik überlagert. Üblicherweise ist der Raum nur während des Tonwerk-Angebots geöffnet. Ein Blick hinein verrät, wieso: Der kleine Raum ist vollgestellt mit Tontechnik, einem E-Schlagzeug, einer Loop-Station und Mikrofonen. Heute wird das Angebot von einer Praktikantin betreut. »Country Roooaaads«, presst der Jugendliche mit der Rockstar-Stimme aus seiner Lunge direkt ins Mikrofon und spielt dabei Gitarre. Er heißt Leon, ist 17 Jahre alt und kommt aus Thekla hierher, um ein bisschen zu üben. Er nimmt gerade eine eigene Version von dem Song auf. Den »alten Hit« habe er einfach im Internet gefunden. Wieso er den Weg auf sich nimmt? »Weil in Thekla nichts los ist«, sagt Leon, der jetzt seinen Kopf in Schränke steckt, um nach einem Kabel zu suchen, das er fürs Schlagzeug braucht. »Hier kann ich meine Musik machen.« Leon spielt »alles, was möglich ist«, das hat er sich selbst beigebracht. Hier entsteht gerade so was wie seine eigene Platte. Mal sehen, sagt er. 

Florian Treue steht wieder hinter der Theke. Darüber hängt ein Schild mit Speisen und Getränken: Pommes, Kuchen, Limo – nichts kostet mehr als zwei Euro. Das Bistro-Angebot gibt es immer, mittwochs ist Koch- und Back-AG. »Ich glaube, morgen gibt es Nutella-Kuchen«, sagt Treue. »Letzte Woche gab es Wraps – auch mal was Gesundes. Das wollen wir auch etablieren, dass es eine gesunde Alternative im Bistro gibt, nicht nur Fastfood.« Ein Mädchen mit langen blonden Locken springt auf einen Hocker und greift über den Tresen, um an ihr ladendes Handy zu kommen. Gerade denkt das Team darüber nach, die Öffnungszeiten für den Sommer zu ändern, vielleicht bis 20 oder 21 Uhr zu öffnen. »Hallo«, piepst ein kleiner Kunde, dessen Nase gerade so über den Tresen reicht. Der etwa 7-jährige Junge setzt sich auf den Barhocker, bittet um einen Tischtennisball und »zwei so … äh … was mit so … äh … Schlag…«, stammelt er. »Kellen?«, fragt Treue und hält ihm die Kiste voller Tischtennisschläger hin. »Wenigstens an zwei Tagen die Woche länger öffnen wäre gut. Und samstags«, sagt der Leiter. Der Junge mit den Kellen dreht kichernd ab: »Upsi, ich hab vier genommen.« 

> Fröbel-Jugendfreizeittreff Arena, Miltitzer Weg 8, 04205 (Grünau-Nord), Mo–Fr 14–19 Uhr, www.arena.froebel.info


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