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»Junge Menschen verdienen Orte, an denen sie einfach sein können«

Maxi Leopold entwickelt mit Kindern und Jugendlichen Theaterstücke zu Themen, die sie bewegen

  »Junge Menschen verdienen Orte, an denen sie einfach sein können« | Maxi Leopold entwickelt mit Kindern und Jugendlichen Theaterstücke zu Themen, die sie bewegen  Foto: Theaterpädagogin Maxi Leopold/Christiane Gundlach

Sogenannte dritte Orte sind soziale Treffpunkte, die nicht die Familie (erster Ort) oder die Arbeit bzw. Schule (zweiter Ort) sind. Mit ihnen beschäftigt sich die Theaterpädagogin Maxi Leopold seit 2024 am Kinder- und Jugendtheater Theatrium – also einem dritten Ort – in Grünau mit Kindern und Jugendlichen. Im Interview erklärt Leopold, welche Bedeutung diese Orte für junge Menschen haben.

Sie haben bisher zwei Stücke zu dritten Orten mit Kindern und Jugendlichen gemacht: »Grundi muss bleiben!« über einen Spielplatz, der abgerissen werden soll, und »Zwischen Seiten«, das in einer Bibliothek spielt und sich mit Einsamkeit beschäftigt. Welche Rolle spielen dritte Orte für junge Menschen?

Sie brauchen und verdienen Orte, an denen sie einfach sein können – egal, wer sie sind und was sie mitbringen – und an denen sie akzeptiert und ernstgenommen werden als das, was sie sind. Es sind Orte, die entlasten, an denen sie den Alltag, die Schule, vielleicht sogar das Familienhaus zurücklassen können, und nur der Moment zählt. Bei der Erarbeitung des Grundi-Stücks sollte der Spielplatz im Verlauf des Stückes abgerissen werden. Die Kinder sollten sich überlegen, wie ihre Figuren darauf reagieren. Einer der einprägsamsten Sätze war: »Wo soll ich denn jetzt hin, wenn ich es zu Hause nicht mehr aushalte?«. Auf dem Spielplatz können sie Dinge tun, für die es daheim vielleicht Ärger gäbe: laut sein, toben. Es sind Orte, an denen schöne Erinnerungen entstehen können. 


Oft sind Kinder und Jugendliche an öffentlichen Orten nicht erwünscht …

… und dieses Gefühl, nicht willkommen zu sein, macht natürlich was mit ihnen und spiegelt sich im Umgang mit anderen Menschen wider. Ein anderer Satz von damals, an den ich mich erinnere: »Ich möchte auch einfach mal stehen bleiben dürfen und atmen, ohne dass mir gleich jemand sagt, dass ich einfach nur faul bin.« Das Theatrium kann so ein Ort sein – ich war als Jugendliche selbst hier und wir hatten damals eine Whatsapp-Gruppe namens »zweites Zuhause«, weil es das für uns wirklich war. Es war ein Ort, an dem wir gehört wurden und wirklich sagen konnten, was wir mitgebracht haben. Es ist mir jetzt auch für meine Arbeit wichtig, dass die Teilnehmenden auf der Bühne hinter dem stehen, was sie erzählen. 


Wie entstehen Ihre Stücke?

Ich bringe Grundidee und Impulse mit für das, was passieren könnte. Dann gehe ich mit den Teilnehmenden in den Austausch. Bei »Zwischen Seiten« haben wir zum Beispiel darüber gesprochen, wie Einsamkeit entsteht. Da wurden eigene Erfahrungen geteilt, die Gruppe hatte aber auch ein gutes Gespür dafür, wie vielfältig das Thema sein kann. Daraus haben wir gemeinsam Figuren entwickelt und Situationen aufgebaut.


Was war den Jugendlichen dabei wichtig?

Es gibt jugendnahe Themen, zum Beispiel, dass sich die Eltern getrennt haben, ein Umzug ansteht oder der ganze Freundeskreis weggebrochen ist. Dieses Gefühl von »Ich gehöre nicht dazu« wurde wirklich oft genannt. Nicht gesehen zu werden als der Mensch, der man wirklich ist.


Wie ist das für die Jugendlichen, nicht »klassisch« einen bereits vorhandenen Text zu spielen?

Am Anfang kann das überfordernd sein, ich arbeite dann gerne mit dem biografischen Theater: Die Teilnehmenden überlegen sich dabei eine Figur und erzählen aus deren Perspektive. Da gibt es keine Pflicht, die Wahrheit zu erzählen, und niemand fragt, ob das wirklich stimmt. Das Feedback nach Projektende zeigt auch immer, dass sie es genießen, sich selbst einzubringen. 

Merken Sie über den Projektzeitraum eine Veränderung bei den Teilnehmenden? 

Sie werden offener in dem, was sie teilen. Außerdem trauen sie sich mehr zu. Am Anfang steht da vielleicht jemand mit hochgezogenen Schultern und spricht mit piepsiger Stimme – und dieselbe Person hat später den Mut, sich laut zu äußern und zu zeigen. Oft erlebe ich auch, dass am Anfang der Probe völlig fertige junge Menschen vor mir sitzen, die vielleicht einen schlechten Tag hatten. Im Verlauf der Probe wird die Stimmung oft besser, einfach, weil der Prozess bereichernd war und alles andere kurz unwichtig geworden ist. 


Wie politisch können oder sollen dritte Orte sein? 

Bewusst politisch sind sie wohl selten. Aber ich finde, wenn wir über dritte Orte für Kinder und Jugendliche sprechen, dann sprechen wir automatisch über Kinderrechte. Die Orte geben ihnen die Möglichkeit, sich zu äußern, gehört zu werden, aber auch sozial und kulturell teilzuhaben. Schon allein, weil sie ein Anrecht darauf haben, kann man das nicht losgelöst betrachten. Außerdem haben junge Menschen an diesen Orten die Möglichkeit zu lernen, dass Politik eben nicht nur Nachrichtengucken ist, sondern dass es wirklich die Möglichkeit gibt, teilzuhaben und Dinge aktiv mitzugestalten. Sie lernen dort, dass sie dazu auch das Recht haben. 


Gibt es in Leipzig genug dritte Orte für Kinder und Jugendliche?

Wir haben hier wirklich viele coole Orte. Die Sichtbarkeit der Angebote müsste aber unterstützt werden. Und es verschwinden solche Orte gerade eher, als dass sie weiter ausgebaut werden. Viele bestehen nur dank vieler engagierter Menschen, die sich dafür einsetzen. Mehr Unterstützung von außen würde also nicht schaden. Auch gesamtgesellschaftlich müssten wir davon wegkommen, dass junge Menschen nur als laut und nervig empfunden werden – hin zu einem »Cool, junge Menschen sind auch mal laut und genießen ihr Leben und haben Spaß.« Sie sollten nicht nur hinter geschlossenen Türen stattfinden, sondern auch im öffentlichen Raum. 


> Nächste »Zwischen Seiten«-Vorstellung: 9./10.10., 20 Uhr, Theatrium


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