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»Du kannst nicht sagen, ich schließe bestimmte Leute aus«

Lisa Wiedemuth vom Projekt Gen Ost Jugendfonds über das Engagement von und für junge Menschen in Ostdeutschland außerhalb der großen Städte

  »Du kannst nicht sagen, ich schließe bestimmte Leute aus« | Lisa Wiedemuth vom Projekt Gen Ost Jugendfonds über das Engagement von und für junge Menschen in Ostdeutschland außerhalb der großen Städte  Foto: Amac Garp

Lisa Wiedemuth ist Projektleiterin des Gen Ost Jugendfonds, der junge Menschen unterstützt, die eine Projektidee haben oder sich einen eigenen Treffpunkt bauen möchten. Möglichst niedrigschwellig und unbürokratisch soll das sein – und es entscheidet eine Jugendjury, wer unterstützt wird. Hinter dem Projekt steht die Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost: 22 Stiftungen, die private Mittel explizit in den ländlichen Raum Ostdeutschlands stecken. 

Wie unterstützen Sie junge Menschen?

Neue Ideen können sich auf bis zu 3.000 Euro, bereits etablierte oder bewährte bis zu 5.000 Euro bewerben. Wir helfen den Jugendlichen auch danach, Folgefinanzierung zu finden, Organisationsentwicklung zu machen, und bauen langsam ein kleines Alumninetzwerk auf. 


Über die Förderung entscheidet eine Jugendjury. Wie setzt die sich zusammen? 

Man kann sich die Mitglieder auf der Projekt-Homepage angucken. Sie wurden nach größtmöglicher Diversität besetzt. Wir haben letztes Jahr im Frühjahr einen Aufruf gestartet und gefragt, wer mitmachen möchte. Es gingen ungefähr zwanzig Bewerbungen aus ganz Ostdeutschland ein, von denen wir zwölf ausgewählt haben. Sie haben größtenteils eigene Erfahrungen in Ostdeutschland gemacht – als queere Person auf dem Land oder als Arbeiterkind in Halle-Neustadt.


Welche Projekte unterstützen Sie?

Die Kriterien dafür hat die Jugendjury selber entwickelt und schärft sie jetzt auch gerade nach. Sie sind möglichst offen formuliert. Wir haben kein bestimmtes Thema, das behandelt werden muss. Wichtig ist, dass das Projekt möglichst zugänglich ist für verschiedene Leute, also dass es sich nicht nur an einen geschlossenen Kreis richtet. Ansonsten ist die Hauptvoraussetzung, dass das Projekt von jungen Leuten selbstständig umgesetzt wird. Was nicht bedeutet, dass dahinter nicht auch ein Verein stehen kann oder ein Sozialpädagoge oder eine Pädagogin, die unterstützen.


Ihr Fokus liegt bei Projekten auf dem Land. Warum? 

Ich sag mal, junge Menschen auf dem Land hatten es noch nie einfach, aber im Moment verstärken sich die Herausforderungen noch. Sie zählen immer mehr zur Minderheit. Für viele Kommunen sind Jugendarbeit oder der Aufbau von Treffpunkten oder Kulturangeboten freiwillige Aufgabe. Das ist das, was zuerst gekürzt wird, wenn kein Geld mehr da ist. Das führt dann wiederum dazu, dass junge Menschen sich sehr stark in ihren privaten oder auch in den Online-Raum zurückziehen und eben nicht mehr Orte aufsuchen und mitgestalten, die als dritter Ort außerhalb von Schule oder Familie stattfinden. 


Welche Bedeutung haben solche eigenen Räume für die Jugendlichen?

In all diesen Räumen, wo ich mich freiwillig für etwas entscheide, wo ich etwas gemeinsam mit anderen mache und wo ich gleichzeitig nicht diesen Performance-Druck habe, lerne ich sehr viel: wer ich bin, wie ich mit anderen Leuten umgehe sowie – und das ist, glaube ich, das Allerwichtigste – das Selbstwirksamkeitsempfinden.


Warum finden Sie das so wichtig?

Wir leben in einer Zeit, in der so viel Politik über junge Menschen gemacht wird, ohne dass sie gefragt werden. Die haben gerade Corona hinter sich, jetzt geht die Bundeswehr los. Da entsteht natürlich so ein Gefühl von »Ich kann gerade eh nicht so viel ändern«, und das ist gerade in Ostdeutschland extrem gefährlich. Was wir eigentlich brauchen, sind Leute, die das Gefühl haben, dass sie durch eigenes Engagement Veränderungen erzeugen können. Das kann auch einen positiven Effekt fürs Demokratievertrauen haben. 


Wo sehen Sie die Unterschiede in der Versorgung mit Angeboten für Jugendliche in Ost- und Westdeutschland?

Allgemein gesprochen ist die Versorgung mit engagementfördernden Strukturen in Ostdeutschland schlechter als im Westen: 48 Prozent der Leute in Ostdeutschland leben nicht in der Nähe von einer solchen Struktur – in Ostdeutschland ist der Anteil an Kommunen, die ländlich oder strukturschwach geprägt sind, viel höher als im Westen. Die Leute leben viel zersiedelter, dadurch gibt es einfach weniger Infrastruktur. Außerdem ist da die gewachsene Vermögensungleichheit: Das Vermögen einer westdeutschen Person ist im Schnitt doppelt so hoch wie das einer ostdeutschen – entsprechend ungleich verteilt ist auch das private Engagement von Stiftungen und Unternehmen. Nur sieben Prozent der Stiftungen haben ihren Sitz überhaupt im Osten. Und drittens war die Zivilgesellschaft in der DDR ganz anders organisiert als heute: größtenteils staatlich. Das, was in Westdeutschland über Jahrzehnte gewachsen ist an Zivilgesellschaft, an Vereinen, an Verbänden, an gewerkschaftlichem Engagement, hat hier einen kleinen Rückstand. Im Westen sind die Vernetzung und der Professionalisierungsgrad größer. Man kann da einfach stärker auf Wissen und Strukturen zurückgreifen, die im Osten noch nicht da sind.


Welche Unterschiede sehen Sie in der Versorgung mit Angeboten für Jugendliche zwischen Stadt und Land? 

Ein großer Unterschied ist auch hier die Vernetzung und der Professionalisierungsgrad. In den Städten gibt es professionelle Netzwerke, wie Quartiersmanagements oder Freiwilligenagenturen, die junge Menschen unterstützen. In den Dörfern gibt es das oft nicht. Hier muss um Räume und Anerkennung gekämpft werden, denn man ist ja in der Minderheit. Man teilt sich dann zum Beispiel seinen Jugendclub mit dem Gemeindezentrum und kann den Raum nur einmal in der Woche eigenständig nutzen. Oft sind die vielen Engagierten auch wenig sichtbar, obwohl sie so tolle Arbeit leisten. Das wollen wir mit unserer Kampagne eben auch ändern. (Auf dem Instagram-Kanal der Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost werden regelmäßig die geförderten Initiativen vorgestellt, Anm. d. Red.)


Welche Probleme gibt es bei der Etablierung der Jugendinitiativen vor Ort?

Im Moment werden auf allen öffentlichen Ebenen – Kommunen, Land, Bund – die Mittel zur Jugend- und Kulturförderung gekürzt, weil der zu verteilende Kuchen insgesamt kleiner ist. Dadurch sind existierende und zukünftige Projekte gefährdet. Was wir auch wahrnehmen, ist, dass diese Angebotslücken zunehmend von rechten Netzwerken gefüllt werden können, indem sie eigene Angebote schaffen wie Jugendclubs oder (Kampf-)Sportangebote.


Können Sie das ausführen?

Ich habe das Gefühl, dass der Politik der Weitblick fehlt, was es faktisch bedeutet, Jugendangebote abzubauen. Bildung gerade in dritten Räumen ist nicht etwas, das man unmittelbar zwei Jahre später in Wirkung und Wirtschaftswachstum übersetzen kann. Aber man kann es übersetzen in eine Zukunftsfähigkeit von einem Land, das junge Menschen heranwachsen lässt, die demokratisch, innovativ und selbstwirksam sind, die Bock haben, was zu machen und zu verändern.


Wie gehen die Initiativen, die Sie unterstützen, mit den starken rechten Strukturen vor Ort um?

Es gibt mittlerweile in Ostdeutschland viele Vereine, die sagen: Wir nehmen eure Förderung, aber wir wollen über das Projekt nicht »Demokratie« drüberschreiben, weil wir unsere eigenen Leute damit hier vergraulen. Das ist eine Realität, die klingt total verrückt, aber es gibt Orte, wo mehr als fünfzig Prozent die AfD wählen. Wenn du mit solchen Realitäten konfrontiert bist und da noch irgendwas reißen willst, kannst du nicht sagen: Ich schließe bestimmte Leute aus. Die Vereine sind oft der letzte Anker, der diese Leute überhaupt noch erreicht. Die Herausforderung, mit der viele Initiativen konfrontiert sind, ist, dass sie häufig Dinge aushalten und gleichzeitig klare Kante zeigen müssen.


Welche Sichtweise auf Jugendliche auf dem Land in Ostdeutschland würden Sie sich wünschen?

Ich wünsche mir für junge Menschen, dass sie viel häufiger direkt angesprochen werden und nicht über sie gesprochen wird. Ich wünsche mir, dass in allen Dingen, die wir organisieren, die Perspektive von jungen Menschen mitgedacht wird, denn sie sind letztendlich diejenigen, die Ostdeutschland und das, was in nächster Zeit auf uns zukommt, am längsten – pessimistisch gesagt – ertragen müssen und – positiv gesagt – mitgestalten können. Es wäre schade, wenn wir all diese jungen Menschen verlieren, weil sie das Gefühl haben, sie haben keinen Einfluss. 


> Der Gen-Ost-Jugendfonds unterstützt unter anderem das queere Tanzfestival Feel your Gem (24./25.7. in Leipzig), das Außenpostenkollektiv in Zwickau, die New Generation der Oederaner Blasmusikanten, das Projekt i1 in Döbeln, Sound of Solidarity in Coswig, Raguzzi und Athletic Sonnenberg in Chemnitz, die Kulturfabrik in Hoyerswerda und Zeugen der Flucht zur Demokratiestärkung im ländlichen Sachsen – www.zukunftswege-ost.de/gen-ost-jugendfonds


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