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Kultur

»Wir sind keine Kids mehr«

Pixies-Schlagzeuger David Lovering über das Vermächtnis der eigenen Band und die Freude an deren Wiederbelebung

  »Wir sind keine Kids mehr« | Pixies-Schlagzeuger David Lovering über das Vermächtnis der eigenen Band und die Freude an deren Wiederbelebung  Foto: Feiern dieses Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum: Die Pixies/Travis Shinn

Tja, was soll man zu den Pixies noch groß sagen? Zwischen den Beatles, den Smiths und Velvet Underground gehören sie so ziemlich zu den einflussreichsten Gitarren-Bands der Musikgeschichte. Der ganze Alternative-Rock-Boom der frühen Neunziger wäre ohne das Quartett aus Boston schwer vorstellbar – Kurt Cobain machte kein Geheimnis daraus, dass »Smells like Teen Spirit« quasi ein schamloser Pixies-Rip-off-Versuch war. Nach der Auflösung aufgrund bandinterner Konflikte 1993 (per Fax!) und der Reunion 2004 tourt und veröffentlicht die Band mittlerweile wieder munter weiter und feiert dieses Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum. Wir haben dazu mit Schlagzeuger David Lovering gesprochen. 

Wo erwischen wir Sie gerade?

Ich lebe außerhalb von Santa Barbara in Kalifornien in einem Ort namens Los Olivos im Santa Ynez Valley. Es gibt hier viele Weinberge und viele Pferde. Es ist eine sehr kleine Stadt, also muss ich mich benehmen. – Ich habe lange in L.A. gelebt, und ehrlich gesagt ist es eine Erleichterung, nicht mehr dort zu sein. Es ist sehr hektisch. Hier auf dem Land ist es ein völlig anderer Lebensstil. Und wenn man älter wird – ich bin jetzt 64 –, ist das großartig.


Der Rest der Band lebt unter anderem in L.A. und London, macht das das Proben nicht kompliziert?

Das Lustige ist: Wir proben so gut wie nie. Oft ist der erste Tag einer Tour gleichzeitig unsere erste »Probe« – etwa beim Soundcheck. Da wärmen wir uns quasi auf. Wir machen das schon so lange, wir vertrauen einfach darauf, dass das funktioniert, und ansonsten wird improvisiert. Meist werden die Shows im Laufe der Tour dann aber besser, weil wir uns wieder einspielen.


Leipzig ist der vierte Gig der Tour. Dann ist die Band also eingespielt?

Bis dahin wissen wir auf jeden Fall wieder, wie man die Songs richtig spielt.


Wenn Sie nie proben, wie verbringen Sie Ihre Zeit?

Vor allem mit der Familie. Ich habe zwei Söhne und eine Frau. Letztes Jahr waren wir mit den Pixies fast durchgehend auf Tour, deshalb ist es schön, jetzt die Kinder zur Schule zu bringen und etwas zur Ruhe zu kommen. Und ich übe jeden Tag mit meinen Drumsticks. Je älter ich werde, desto schwieriger ist es, einfach ans Schlagzeug zu gehen und loszulegen.


Sie müssen sich also in Form halten?

Genau. Als ich in meinen Zwanzigern war, musste ich mich nicht aufwärmen, ich konnte mich einfach ans Schlagzeug setzen und eine Show spielen. Mittlerweile muss ich meine Hände aber erst mal in Gang bringen.


Ist das Touren nach so langer Zeit noch aufregend oder einfach Routine?

Ich liebe es – wirklich jeden Schritt davon. Ich durfte in so viele Länder reisen, Menschen kennenlernen, Essen probieren. Und wir werden in der Regel gut behandelt. Ich mache das, was ich liebe, ich kann mich also wirklich nicht beschweren.


Abgesehen vom zusätzlichen Üben – gibt es Dinge, die sich mit dem Alter verändert haben?

Ja – ich bin besser geworden. Ich habe endlich verstanden, wie man Schlagzeug spielt. Ich habe mit zehn oder zwölf angefangen und ich habe wirklich fünfzig Jahre dafür gebraucht. Wenn ich mir die frühen Pixies-Songs anhöre, denke ich oft: Das hätte ich besser machen können. Erst in den letzten zwei oder drei Jahren hatte ich das Gefühl: Jetzt weiß ich wirklich, wie man spielt. Ich kann endlich das Tempo halten, ich verstehe die Dynamik besser. Dinge, die früher schwierig für mich waren, hab ich jetzt raus.


Macht es dadurch auch mehr Spaß?

Absolut. Und ich glaube, es macht auch die Show besser. Wenn die Rhythmusgruppe präzise ist, können Joey (Santiago, Gitarrist, Anm. d. Red.) und Charles (Thompson aka Black Francis, Sänger, Anm. d. Red.) vorne machen, was sie wollen. Solange das Fundament stimmt, funktioniert alles. 


Wie fühlt es sich an, 40 Jahre Pixies zu feiern?

Das ist schon ein bisschen surreal. Als wir uns 2004 wiedervereint haben, dachten wir nur daran, ein paar Shows zu spielen – mehr nicht. Es gab keinen großen Plan, keine langfristige Vision. Die Leute wollten uns sehen, also haben wir gesagt: Okay, wir machen ein paar Konzerte. Damals haben wir nur das alte Material gespielt. 2011 haben wir dann mit »Indie Cindy« wieder neue Musik veröffentlicht. Wir hatten das Gefühl, dass wir immer noch eine funktionierende, kreative Band sind – dass wir aufnehmen können und noch etwas zu sagen haben. Seitdem ging es weiter, Album für Album und Tour für Tour. Und das Schöne ist: Je älter wir werden, desto mehr Spaß haben wir als Band. Wir sind keine Kids mehr, keine dysfunktionale Gruppe, die sich gegenseitig das Leben schwer macht. Wir wissen zu schätzen, was wir tun, und wir haben viel Spaß daran. 


Die internen Band-Konflikte sind also weniger geworden?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, je älter man wird, desto leichter wird es. Vor allem lernt man, andere Persönlichkeiten zu akzeptieren, man lernt zu akzeptieren, dass Menschen einfach unterschiedlich sind. Das ist wahrscheinlich der Kern des Ganzen.


Nach dem Ausstieg von Kim Deal 2012 hat die Bass-Position öfter gewechselt. Ist es schwierig, adäquaten Ersatz für Deal zu finden?

Wir hatten aus unterschiedlichen Gründen in den letzten Jahren verschiedene Bassistinnen. Mit Emma (Richardson, seit 2024 in der Band, Anm. d. Red.) sind wir sehr glücklich. Sie hat eine großartige Stimme und eine tolle Persönlichkeit. Es funktioniert wunderbar. Natürlich wird es immer Zweifler geben und Leute, die sagen: »No Kim, no Deal«. Aber wir machen weiter – und wir sind sehr zufrieden damit.


Die seit 2011 erschienenen neuen Alben sind nie ganz an den kommerziellen und kritischen Erfolg des Pixies-Frühwerks herangekommen. Hat die Band manchmal das Gefühl, mit ihrem eigenen Vermächtnis zu konkurrieren?

Natürlich gibt es dieses Vermächtnis. Die frühen Alben haben uns dahin gebracht, wo wir heute stehen. Aber wir sehen uns immer noch als aktive Band, die sich weiterentwickelt. Wir versuchen nicht, etwas Altes zu kopieren oder aufzuwärmen. Natürlich gibt es Gedanken wie: Hoffentlich machen wir etwas Gutes, hoffentlich bleiben wir relevant. Aber wir konkurrieren nicht mit unserer Vergangenheit. Wir machen einfach das, was wir jetzt machen, und hoffentlich werden wir besser darin.


In Europa – besonders in Großbritannien – waren Sie oft erfolgreicher als in den USA. Warum eigentlich?

Ich sage immer: Die Europäer haben einfach einen besseren Geschmack (lacht). Aber im Ernst: Es hat in den USA einfach lange gedauert. Früher fühlte sich Amerika für uns fast fremd an. Mittlerweile hat sich das aber geändert. Amerika hat aufgeholt, auch wenn es 40 Jahre gedauert hat. Unser Publikum ist inzwischen auch sehr jung – viele sind 16, 17, 18 Jahre alt. Und die kennen dann nicht nur die Klassiker wie »Come on Pilgrim« oder »Surfer Rosa«, sondern auch das neue Material – und sie können die Texte mitsingen. Ich glaube, Social Media spielt da eine große Rolle. Und Serien wie »Stranger Things« haben bestimmt auch dazu beigetragen, dass eine jüngere Generation unsere Musik entdeckt.


Verfolgen Sie, was in der Musiklandschaft heute so passiert?

Mein Zugang dazu ist vor allem über Festivals. Da begegnen wir all diesen neuen Bands. Oder über die Vorbands, die uns auf Tour begleiten. Das ist meine direkteste Erfahrung mit neuer Musik. Das ist einfach Teil meines Jobs, offen zu bleiben für das, was in unserem musikalischen Umfeld passiert. Ansonsten bekomme ich vieles eher nebenbei mit – etwa im Auto übers Radio. Ich höre verschiedene Alternative-Sender. Das ist im Grunde mein Fenster zur aktuellen Szene. Ich würde gern sagen, dass ich aktiv nach neuer Musik suche – aber ehrlich gesagt passiert es eher nebenbei.


Denken Sie manchmal an den Ruhestand?

Nächstes Jahr bin ich offiziell im Rentenalter. (lacht) Aber ich liebe, was ich tue, und ich bin noch in der Lage, das ohne große Einschränkungen zu tun. Solange das so ist, will ich weitermachen. 


> Pixies: 1.7., 19.30 Uhr, Parkbühne


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