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Stadtleben

Skills auch für das reale Leben

Ein Workshop möchte Pen-and-Paper-Rollenspiele zugänglicher machen

  Skills auch für das reale Leben | Ein Workshop möchte Pen-and-Paper-Rollenspiele zugänglicher machen  Foto: Colin Schröder


Sechs Tiere stehen vor einem verschlossenen Medizinschrank und werden mit einer traurigen Realität konfrontiert: Keiner von ihnen hat Daumen, um den Schrank zu öffnen. In der Gruppe wird beraten, wie die Situation zu lösen ist: »Eventuell können wir den Schrank überreden, sich von selbst zu öffnen!«

Was klingt wie der Aufbau eines viel zu komplizierten Witzes oder ein Ausschnitt einer Kindergeschichte, ist eine Momentaufnahme des Workshops »Würfel, Welten und Wunder«. Hinter der Gruppe aus Tieren stehen sechs Workshop-Teilnehmende, die sich zusammen im Seminarraum des Haus Steinstraße eingefunden haben. Ihnen gegenüber sitzt Workshopleiter Ari Pohle, der nun entscheiden muss, ob Tiere wirklich mit Schränken reden können.

Pen-and-Paper-Rollenspiele sind bei weitem nicht neu: Die Ursprünge liegen in den 1970er Jahren in den USA. 1974 erschien dort die erste Version des wohl bekanntesten Rollenspiels »Dungeons and Dragons«. Das Grundprinzip, dass man als Gruppe eine eigene Geschichte erlebt, in der man gemeinsam rätselt, redet und manchmal auch kämpft, ist bis heute erhalten geblieben. Die Spielenden erdenken sich dafür jeweils eine eigene Rolle und halten mit Zettel und Stift fest, was ihre Figuren können und was sie besitzen. Ob Handlungen der Spielenden gelingen, entscheidet das Würfelglück. Mit am Tisch sitzt die Spielleitung, die gleichzeitig die Geschichte vorbereitet, selbst in die Rolle aller Figuren schlüpft, die nicht von den Spielenden dargestellt werden und die Regeln der Spielwelt im Auge behält. Das eigentliche Spielgeschehen kann man sich als Mischung aus Brettspiel und Improtheater vorstellen, denn grundsätzlich gibt es kaum Einschränkungen, was die Spielenden machen können und was nicht. Trotz über 50 Jahren Historie bleiben Pen-and-Paper Rollenspiele ein eher nischiges Hobby, das den Einstieg durch seine meist dicken Regelbücher, in die man sich einarbeiten muss, nicht unbedingt einfach macht.


Leichter Einstieg ins Thema Pen-and-Paper

Genau diese Einstiegshürde möchte Ari Pohle Interessierten nehmen: »Ich kenne das von Leuten aus meinem Umfeld, die schon mal etwas von Pen-and-Paper gehört oder gesehen haben und das Spiel gerne mal ausprobieren würden, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Dadurch kam mir die Idee, dass ich Leuten gerne dieses Hobby näherbringen würde«, erinnert sich Pohle. Dabei entschied er sich bewusst gegen das bekannteste Regelwerk «Dungeons and Dragons«, auch wenn dieses durch seine prominenten Auftritte in der Netflix Serie Stranger Things oder eigenen Kinofilmen und Computerspielen, die in der zugehörigen Fantasy-Welt spielen, auch Laien ein Begriff ist. Denn warum ein kompliziertes Spiel zum Einstieg lernen, wenn es auch simplere Alternativen gibt? So ein einsteigerfreundliches Spielsystem ist beispielsweise das deutsche »How to be a Hero«, das Pohle für den ersten Workshop Ende März dieses Jahres nutzte. Danach festigte sich auch die Struktur des Angebots: Es gibt insgesamt drei Termine pro Workshopreihe: ein Planungstreffen, in dem Pohle mit seinen Gästen die Grundlagen der Geschichte sowie die Figuren entwirft, die von den Teilnehmenden verkörpert werden. An den zwei Folgeterminen findet dann das eigentliche Spiel statt. An dem Workshop können alle Interessierten teilnehmen, die älter als 16 Jahre alt sind. »Das liegt vor allem daran, dass ich selbst nicht so gut darin bin, Sachen für Kinder zu schreiben. Aber eigentlich kann jede Altersgruppe Pen-and-Paper spielen«, erzählt Pohle. Für ihn gibt es gute Gründe, warum viele Leute das Hobby ausprobieren sollten: »Das Spiel an sich hat einen großen sozialen Aspekt, es vermittelt Skills zur Problemlösung, allein und als Gruppe, und das sind Skills, mit denen man auch im realen Leben durchaus etwas anfangen kann«. Für den zweiten Workshop-Zyklus, der Anfang Juni begonnen hat, wurde die Welt der Tiere als Setting festgelegt. Und so schlüpften insgesamt sechs Mitspielende in die Haut oder die Schuppen eines tierischen Charakters. Der Wissensstand der Teilnehmenden ist sehr divers: Von Leuten die noch nie ein Pen-and-Paper-Rollenspiel gespielt haben, bis zu einer Person, die selbst seit Jahren Spiele leitet und sich erhoffte, im Workshop neue Inspiration zu finden, ist alles dabei. Auf den Workshop wurden sie sowohl durch die Werbeflyer von Pohle, aber auch durch Werbung in verschiedenen Social Media Channels mit Theater Bezug aufmerksam.


Wo Brummhilde auf Zäääsar trifft

Die eigentliche Geschichte beginnt am ersten Workshoptag noch recht simpel: eine alte Katze benötigt Medizin für ihre juckenden Augen. Es folgt ein Abenteuer für die tierische Heldengruppe mit charmanten Figuren wie Zäääsar der Große, der eigentlich eine Zwergziege ist oder Brummhilde die Hummel, die trotz Würfelglück und sehr viel Engagement wenig Erfolg damit hat, einen Menschen zu tragen. Das größte Hindernis für die Truppe sind meist Gegenstände und Situationen, die für Menschen ganz alltäglich wären. So hat die Eule der Gruppe Probleme damit, Fenster zu erkennen. Auch eine Türklinke wird zu einem Rätsel, das nur mit viel Akrobatik und Teamwork gelöst werden kann. Am dritten Workshoptermin gipfelt dann das Abenteuer in einem Massenausbruch der Vögel, die Gruppe findet außerdem endlich den Medizinschrank. Leider stellt sich der Schrank als schlechter Zuhörer heraus, doch bei genauerer Betrachtung wird der Gruppe klar: der Schrank ist gar nicht verschlossen und muss nur aufgeschoben werden. So gelingt es der Heldentruppe, die Medizin zur Katzendame zu bringen. Zum Schluss sind sowohl Pohle als auch die Spielenden sichtlich zufrieden mit der erlebten Geschichte und haben Lust auf mehr. Eine Workshopteilnehmerin zieht das Fazit: »Ich hatte immer das Gefühl, dass Pen und Paper das Hobby ist, was zwölfjährige Jungs betreiben und wo der Einstieg total schwer ist, aber ich hatte hier das Gefühl, als Flinta-Person total gut hinzugehören und ich merke, dass das auch ein Hobby für mich sein kann!« Das positive Feedback, das Pohle erhält, motiviert ihn, das Projekt noch deutlich größer zu denken.

Ari Pohle ist zwar Mitarbeiter des Haus Steinstraße und wirkt am Dachtheater mit, der Workshop ist jedoch noch nicht Teil des offiziellen Programms des Mehrgenerationenhauses. In der aktuellen Testphase geht es nicht nur darum, den eigentlichen Workshop zu verbessern. Das Feedback fließt auch in einen Förderantrag an das Kulturamt sowie an das Jugendamt Leipzig ein, um die Finanzierung des Projekts zu sichern. Momentan finanziert sich der Workshop gänzlich aus freiwilligen Spenden der Teilnehmenden. Mit einer gesicherten Finanzierung könnte Pohle den Workshop nicht nur deutlich öfter anbieten, auch eine Expansion an den Standort des Haus Steinstraße in Grünau sowie in weitere Freizeittreffs wäre dann möglich. Bis dahin plant Ari Pohle jedoch erstmal den nächste Workshop-Zyklus, dieses Mal mit einer Gruselthematik, pünktlich zu Halloween. Im Oktober sollen dann im Haus Steinstraße wieder die Würfel fallen.

Infozeile: Der nächste Workshop-Termin im Haus Steinstraße, ist für Ende Oktober geplant. Genauere Informationen erscheinen Zeitnah auf Ari Pohles Instagram Account ari.phl


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