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Kultur

Bemerkenswert beiläufig

»Etwas ganz Besonderes« erzählt von drei Generationen einer ostdeutschen Familie und dabei viel über uns

  Bemerkenswert beiläufig | »Etwas ganz Besonderes« erzählt von drei Generationen einer ostdeutschen Familie und dabei viel über uns  Foto: Adrian Campean /Trimafilm

In den Vorbereitungen für ihren Auftritt in einer Talenteshow fürs Fernsehen wird Lea (Frida Hornemann) gefragt, warum sie glaubt, etwas ganz Besonderes zu sein. Eine Antwort darauf hat sie nicht. Ihre Eltern sind getrennt. Während ihr Vater Matze (Max Riemelt) sie bei ihrem Traum einer Bühnenkarriere unterstützt, kommt es mit ihrer Mutter Rieke (Gina Henkel) regelmäßig zu Konflikten. Lea lebt bei ihren Großeltern Christel (Rahel Ohm) und Friedrich (Peter René Lüdicke), die auf ihrem Hof in der thüringischen Idylle eine Pension betreiben. Die Gäste bleiben aus – aber die rechtspopulistische Partei will sich für eine Tagung einmieten, was insbesondere Leas aufmüpfigem Cousin missfällt. Die einzige wirklich Vertraute der 16-Jährigen ist ihre Tante Kati (Eva Löbau), die aus dem Westen zurück in die Heimat gezogen ist, um das frisch sanierte Stadtschloss von Greiz als DDR-Museum zu betreiben.

Wenn Kati mit ihrer Mutter im Schlepptau des Fördergremiums durch die Ausstellung wandelt und Christel ihr Leben ausgestellt sieht, ist das eine der stärksten Szenen des Films. Wie kann es sein, dass für diese Vergangenheit, die sie am liebsten vergessen würde, Millionen ausgegeben werden, während sie kurz vor dem Bankrott steht? Unvereinbarkeiten wie diese erzählt »Etwas ganz Besonderes« in seinem Kaleidoskop aus Figuren einer ostdeutschen Familie. Regisseurin und Autorin Eva Trobisch (»Alles ist gut«) wollte immer einen Ensemblefilm drehen, der alle Figuren gleichberechtigt repräsentiert. In den Mittelpunkt spielt sich trotzdem die junge Lea, gerade weil sie eher beobachtet als agiert. Für die Leipziger Schauspielerin Frida Hornemann ein willkommener Ansatz für ihre Debütrolle: »Ich denke, dass Lea eine sehr schlaue Person ist, weil sie so viel auswirkt, einfach nur mit ihrem Dasein. Sie sagt ja gar nicht so viel und ist auch eher zurückhaltend. Aber sie beschäftigt trotzdem die ganze Familie mit der Frage: Was macht mich aus?« Die Frage nach der eigenen Identität zieht sich durch den Film.

Eine Herausforderung für die 19-Jährige war der Auftritt in der Casting-Show, wo sie Coldplays »Fix you« singt – und das gleich am ersten Tag der Dreharbeiten. »Das war überwältigend. Ich habe vorher schon gesungen und in einer Band gespielt, also hatte ich ein bisschen Auftritterfahrung, nur nicht in dem Rahmen. Aber ich würde sagen, dass ich gar nicht so viel dazu schauspielern musste, weil ich einfach wirklich in dem Gemütszustand war. Ich bin da neu reingekommen. Plötzlich waren Leute um mich herum, die ganzen Komparsen, die auch die Kandidatinnen gespielt haben. Das war auch irgendwie überfordernd und ich bin da eher so wie Lea: Ich beobachte mal alle. Und vor allen Dingen natürlich war ich total aufgeregt, so wie Lea halt auch.«

Regisseurin Eva Trobisch habe außerdem für ein gutes Umfeld gesorgt bei den Dreharbeiten, sagt Hornemann. Oft haben Trobisch und Adrian Campean die Kamera einfach laufen lassen, um eine organische Situation zu schaffen. Die Filmfamilie war zudem vor dem Dreh für einige Wochen gemeinsam auf dem Hof, um sich kennenzulernen und als Ensemble aus Film- und Theaterschauspielern eine gemeinsame Sprache zu entwickeln.

Die gefeierte Premiere im Rahmen der Berlinale war dann ein weiterer überwältigender Moment für die junge Schauspielerin: »Das ist jetzt auch schon fast drei Monate her, aber ich glaub, ich hab’s immer noch nicht ganz verarbeitet«, sagt Hornemann. »Ich war da, ich hab’s gemacht, ich hab’s überlebt, den ganzen Trubel und so. Aber so richtig einordnen kann ich das, glaub ich, immer noch nicht.«

Von der Kritik gab es viel Applaus für den Film und seine junge Hauptdarstellerin. Regisseurin und Autorin Eva Trobisch, geboren und aufgewachsen im Osten Berlins, ordnet ihre Figurenkonstellation sorgsam an, um die Konflikte zwischen den Generationen auszuspielen. Genau beobachtet und mit spitzen Dialogen schildert sie deutsch-deutsche Befindlichkeiten. Vor zwei Jahren präsentierte Trobisch ihr bemerkenswertes Pflegedrama »Ivo« in der Sektion Encounters der Berlinale. In diesem Jahr ist sie im Wettbewerb des Festivals angekommen – zu Recht, erzählt ihr Film doch fast beiläufig vom Alltag, von Ost und West, Jung und Alt, verpackt darin allerdings so viel, dass daraus, nun ja, etwas ganz Besonderes wird. 

> »Etwas ganz Besonderes« (D 2026, R: Eva Trobisch, D: Frida Hornemann, Eva Löbau, Max Riemelt, 116 min) ab 9.7., Passage-Kinos – Premiere: 9.7., 20 Uhr in Anwesenheit von Eva Trobisch, Frida Hornemann, Gina Henkel, Florian Geißelmann und Trini Götze


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