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Kultur

Unter der Donnerkuppel

Das In-Flammen-Open-Air holte auch zur 20. Ausgabe Hochkaräter der Metal-Szene nach Torgau

  Unter der Donnerkuppel | Das In-Flammen-Open-Air holte auch zur 20. Ausgabe Hochkaräter der Metal-Szene nach Torgau  Foto: Wandar aus Halle/Tobias Prüwer

»Und ich bin Hape Kerkeling«, alberte Martin van Drunen beim Vorstellen seiner Musiker mit niederländischem Akzent herum. Der Kopf von Asphyx überspielte mit Verweis auf Kerkelings legendäre König-Beatrix-Rolle Schwierigkeiten an der Anlage. Die waren – wie einige andere Technikquerelen – leicht hinzunehmen, beim starken Festivalwochenende in Torgau. Mit atemlos-treibendem Schlagzeugstakkato und aufheulenden Gitarren leiteten Asphyx das Finale des In-Flammen-Festivals ein.

Zum 20. Mal trafen sich geschätzt 6.000 Menschen ab Donnerstag, um Metal satt zu hören. Längst hat sich das Festival vom Geheimtipp zu einem wichtigen Undergroundfestival in Ostdeutschland entwickelt. Wo früher die sächsischen Herzöge ihre Entenbraten züchteten, kocht nun Thomas Richter jährlich sein höllisches Süppchen. Und weitete die Festivität über die Jahre auf drei volle Tage fürs zwanglose Zusammenkommen bei guter Musik aus.

Das ist die Grundidee: Schnickschnack weglassen und sich aufs Wesentliche konzentrieren. Statt Wettbewerbe ums kurvenreichste, nasseste T-Shirt oder das geschickteste Luftgitarrenspiel wie auf anderen Festivals im Wacken-Style geht es hier vor allem um die Musik. Wobei der Veranstaltungsort selbst sich schon sehen lassen kann: Entenfang heißt der schöne Flecken am Torgauer Stadtrand. Teiche befinden sich im Naturschutzgebiet, das von einem Gewässer gespeist wird, das stilecht Schwarzer Graben heißt. Pferde grasen. Direkt daneben befindet sich die Waldbühne. Ohne Security-Schleusen und mit dem Zeltplatz gleich nebenan ist der Weg kurz zum Getöse auf der Bühne.

Dort zerschnitten Schlagzeudonner und Gitarrensägen, Bassgewummer und Lichtblitze die Luft. Eine kleinere Zeltbühne ist vor allem Newcomern vorbehalten, doch punkteten hier auch Bands, die schon einen Namen haben. Junge Musikgruppen versuchten sich an einer Renaissance von alten Stilen wie Heavy Metal und Thrash aus den 1980ern. Das klang zu wenig unverkrampft und ließ eigenständige Noten vermissen. Wandar aus Halle zeigten sich auf dieser Bühne als überzeugender Akt. Mit fein ziseliertem Black-Metal bezirzten sie das Publikum, der mal melodiös und mal treibend ausfiel. Und konnten dabei auf allen Kitsch und Budenzauber verzichten, wenn Frontmann Skoll von Kallenheim trotz weißer Bemalung den charismatischen Sympathen gab.

Durch Aura und Charisma völlig überwältigend erwiesen sich einmal mehr Primordial. So eigentümlich wild-krachend ihr Pagan-Black-Amalgan auch herüberschepperte, man konnte sich dessen Betörung schwerlich entziehen. Die Songs sind sperrig und zugänglich zugleich, die inhaltlich tragische Bitterkeit – viele Texte handeln von der irischen Geschichte – ist von euphorischer Leichtigkeit durchzogen. Und darüber legte sich die markante Stimme von Sänger Alan Averill, der in der letzten Zeit in Interviews politisch etwas abdrehte und einen völkischen Zungenschlag entwickelte. Auf dem Festival jedenfalls blieb er bei seinen Leisten.


Speed-Metal und Death Trash

Die Bühne verfügt aufgrund ihrer Begrenzung durch Bäume über eine besondere Atmosphäre. Es fühlt sich für Publikum wie Bands so an, als ob sie auf einem Klubkonzert wären. Das schafft eine gewisse Intimität. So ist es wohl zu erklären, dass unter anderem die alten Herren von Grave mit einer Spielfreude auftraten, die das 40-jährige Bandbestehen nicht erwarten ließ. Mit brutal schnellem Death-Metal sorgten sie für eine headbangende Meute, wenn die Fans nicht gerade im Circle Pit ihre Runden drehten. Unerwartet war, wie quicklebendig die Schweden ihren Oldschool-Death halten.

Dass Illdisposed gründlich wie immer durch die Allee galoppieren und ihr Deathgeballer gut nach vorn geht, überraschte niemanden. Ebenfalls gefällig kamen Beheaded mit rumpeligem Death daher, der mit blacklastigen Athmoparts angereichert war. Phantom machten mit Speed-Metal Spaß, fügten dem alten Genre aber keine eigene Nuance hinzu. Ex-Sodom-Gitarrist Frank Blackfire sollte eigentlich neue Kompositionen vorstellen, spielte dann aber Klassiker wie »Bombenhagel« und »Agent Orange« – letzteren Song coverten mindestens zwei andere Bands. Blackfires Aufritt klang daher etwas abgehangen und ein bisschen nach Selbstfeier.

Nunslaughter variierten scheinbar nur einen Song und lieferten Death-Thrash mit schlechtem US-Humor. Das war hörbar, aber museal, und seinen Baptistenkomplex sollte der Sänger mal behandeln lassen. In gefühlt jeder Ansage ging es um die Kirche und seine Mutter. Nachdem Asphyx ihren Vogel Samstagnacht abschossen, beendeten Satyricon mit zu plastisch klingendem Bausatz-Black-Metal vor einer feiernd-klatschenden Menge das Festival.

Als der Metal-Wahnsinn 2004 in Torgau losging, war gewiss nicht abzusehen, wohin sich das entwickelt. Jedenfalls war das Festival nie als eine Geburtstagsparty geplant, wie Veranstalter Thomas Richter vor Jahren gegenüber dem kreuzer mit einem Gerücht aufräumte. »Ich hatte immer schon mit Musik zu tun, machte Metal-Diskos und Konzerte. Als bei vier Untergrundbands 300 Leute den Laden fast sprengten, dachte ich, mit denen könntest du auch ein kleines, schnuckliges Open Air machen.« Richter buchte mal eben 17 Bands – nur 200 Besucher rückten an. Eine längere Zeit der Verluste begann. »Das ist ja mein Hobby, ich sparte eben privat an anderer Stelle. Außerdem lief’s ja super. Alle, die da waren, waren begeistert.« Die Begeisterung hält bis heute an.


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