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Kultur

Geschichten 
für die Ohren

Seit 20 Jahren begeistert der Verein Leselust Kinder fürs Vorlesen – 
im August auch wieder mit seinem Festival im Clara-Park

  Geschichten 
für die Ohren | Seit 20 Jahren begeistert der Verein Leselust Kinder fürs Vorlesen – 
im August auch wieder  mit seinem Festival im Clara-Park  Foto: Leselust Leipzig e.V.

»Liest Albert wirklich?«, fragt Annika Beckmann in die kleine Runde. »Nee, nicht in echt!«, kommt es von den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern zurück. Sie haben auf den Zeichnungen im Buch erkannt, dass Hauptfigur Albert träumt, statt zu lesen. Die Gruppe sitzt auf einer großen grünen Plane im Innenhof eines Wohnblocks in der Südvorstadt. Darauf große Polster, Hocker und Matten zum Sitzen. Drumherum flitzen Kinder auf Fahrrädern vorbei, einige schwingen sich über das Klettergerüst, Erwachsene sitzen im Schatten und trinken Kaffee. Aber die kleine Gruppe rund um Annika Beckmann hört aufmerksam zu, ob es Albert doch noch schafft, in Ruhe sein Buch zu lesen. Beckmann ist Vorlesepatin beim Verein Leselust. In Kooperation mit der Baugenossenschaft BGL wird in den Sommermonaten seit 2021 einmal pro Monat ein Vorlesenachmittag im Innenhof organisiert. Anschließend dürfen die Kinder heute noch Kräutersalz mischen. Dafür stellt Andrea Rübsam schon mal duftendes Basilikum und Rosmarin auf einer Biertischgarnitur bereit. Rübsam ist seit 2014 beim Verein Leselust, seit 2019 als Vorstandsvorsitzende. »Manche Kinder sehen bei uns zum ersten Mal ein Buch. Zu Hause gibt es bei ihnen keine«, erzählt sie. Dabei ist Vorlesen extrem wichtig für die Sprachentwicklung von Kindern, das zeigen Studien: Wer früh vorgelesen bekommt, hat einen größeren Wortschatz und lernt leichter Lesen. Das merkt Rübsam auch an den Rückmeldungen zur Vereinsarbeit: »Lehrkräfte bestätigen uns immer ­wieder, dass die Kinder einen wahnsinnigen Schub machen, wenn unsere Vorlesepaten regel­mäßig kommen. Zum Beispiel bei der Konzentration oder der Abstraktionsfähigkeit.« Auch bei Kindern, die noch nicht gut Deutsch sprechen, führten die Bilderbücher und das Vorlesen dazu, dass es mit dem Sprachelernen schneller geht

Die Zielgruppe des Vereins sind Kinder bis zehn Jahre. »Danach wird das eigene Lesen interessanter«, erklärt Rübsam. Aber oft komme es vor, dass ältere Kinder ihre kleinen Geschwister zu den Vorleseveranstaltungen begleiten und immer noch aufmerksam zuhören, weil sie es aus der eigenen Kindheit kennen. Etwa 150 aktive Patinnen und Paten engagieren sich im Verein, manche lesen regelmäßig in Kitas oder Schulen, manche nur zu besonderen Veranstaltungen wie der Lesewerkstatt auf dem Weihnachtsmarkt oder dem Vorlesefest, das jeden Sommer im Clara-Park stattfindet. Auch in den Stadtbibliotheken können Kinder regelmäßig lauschen – im letzten Jahr fanden dort 179 Lesungen mit insgesamt 2.069 Gästen statt. »Und die Vorleseorte stehen Schlange«, erzählt Rübsam. Nicht alle können mit den ehrenamtlichen Patinnen und Paten abgedeckt werden. Da diese vor allem wohnortnah eingesetzt werden sollen, gibt es Bezirke wie Volkmarsdorf oder Paunsdorf, in denen der Bedarf das Angebot weit übersteigt.

Auch für die Entwicklung des Sozialverhaltens ist Vorlesen wichtig: »Es ist zwischenmenschlich ganz anders, als zum Beispiel einen Film zu schauen. Lesen entschleunigt. Und Vorlesen ist interaktiver, das Beieinander ist ein ganz anderes«, betont Rübsam. Dabei geht es nicht darum, dass Kinder nur still dasitzen und zuhören. Das Vorlesen gleicht im Verein eher einem Schauspiel, wenn die Stimmen je nach Handlung verstellt werden, oder einem Gespräch, wenn die Kinder erzählen dürfen, was sie auf den Bildern sehen. »Gutes Vorlesen animiert zum Mitmachen«, erklärt Annika Beckmann in einer ruhigen Minute, und zwar nicht nur Kinder, sondern auch die begleitenden Erwachsenen. »Die sollen ja auch unterhalten werden und wollen nicht zum zehnten Mal Peppa Wutz hören.« Bei einem eintägigen Workshop lernen angehende Vorlesepaten genau das. »Gutes Vorlesen bedeutet auch, dass man auf die Kinder eingeht und sie sich darin wiederfinden«, ergänzt Andrea Rübsam.

Laut dem Vorlesemonitor der Stiftung Lesen, der seit 2007 regelmäßig Zahlen zum Vorlesen in Deutschland erhebt, ist die Zahl der Eltern wieder leicht gestiegen, die ihren Kindern regelmäßig vorlesen. Doch immer noch bekommt jedes dritte Kind nicht oder nur selten vorgelesen. Als Gründe geben befragte Eltern hauptsächlich Unruhe beim Kind, aber auch Zeitmangel an. Signifikant scheint der Einfluss des Bildungsstandes zu sein. Bei formal niedriger Bildung der Eltern wird zu Hause seltener vorgelesen. Deutlich wird auch: Wem als Kind nicht vorgelesen wurde, der wird es selbst seltener tun. Auch dort hilft die Arbeit des Vereins. »Manchmal liest sich die Zielgruppe hinterher auch gegenseitig vor«, erzählt Rübsam. Passend dazu hat sich eines der älteren Mädchen inzwischen ein Buch geschnappt und liest es einem anderen Kind vor. Gemütlich auf ein großes Polster gekuschelt, entdecken die beiden gemeinsam, was auf den bunten Seiten passiert.

Der Verein ist komplett ehrenamtlich organisiert und finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spendengelder. Für Sonderformate wie das Leselust-Festival werden Projektgelder beantragt. Als diese im letzten Jahr wegen der angespannten Haushaltslage auf der Kippe standen, konnte der Verein über Spenden genug Geld sammeln, um das Fest unabhängig von städtischen Geldern zu finanzieren. »Natürlich wäre es toll, eine feste Stelle zu haben, die das Ehrenamt entlastet«, sagt Rübsam. Aber das ist finanziell derzeit nicht möglich. Für das 20-jährige Jubiläum sind nun einige Sonderlesungen geplant, zum Beispiel in der Polizeidirektion. Getreu dem Vereinsmotto: »Überall ist Platz für eine Geschichte.« 


> Vorlesefest »Leselust im August«: 6.–9.8., 10–18 Uhr, Wiese am Musikpavillon im Clara-Park

> Sonderlesungen zum Jubiläum: 10.8., 10–12 Uhr, Inspirata, 28.8., 15–16.30 Uhr, E. A. Seemann Henschel Verlag und 28.10., 17–18 Uhr, Polizeidirektion Leipzig


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