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Shed Ballet

Sie machen, was sie wollen

  Shed Ballet | Sie machen, was sie wollen  Foto: Annabell Goldacker

»Baum gegen Toastbrot«. Macht damit, was ihr wollt …, aber das ist eine Spitzen-Antwort. Vor allem, wenn man als Musikerin gefragt wird, wer denn auf das Kind aufpasst, während du gerade auf der Bühne stehst. Das Leipziger Trio Shed Ballet macht schwangerschaftsbedingt gerade eine Pause. Guter Anlass, um bei einem Treffen über Carearbeit im Rock zu sprechen. Die Frage stellt sich für Hannah Becker, Doris Riedel und Kerstin Peupelmann tatsächlich nicht zum ersten Mal. Und sie wurden durchaus schon gefragt, wo sie denn die Kinder abgegeben haben.

»Baum gegen Toastbrot« war da zwar wohl noch nicht erfunden, aber der Geist des Spruchs auf jeden Fall: Frag doch nicht so dummes Zeug. »Baum gegen Toastbrot« ist auch die Unlust, sich überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Eine all female Band zu sein, war nie Thema bei Shed Ballet, als sie vor zwölf Jahren begannen, sagt Hannah Becker: »Für uns spielen unsere Freundschaft und die gegenseitige Wertschätzung eine Rolle. Unsere Konstellation war nie Ansage oder Verkaufsstrategie, es ist passiert. Kann schon sein, dass der Umstand Mutterschaft bei uns einen höheren organisatorischen Aufwand als bei all male Bands erfordert.«

Deswegen gibt es bei Shed Ballet auch keinen »Kopf der Band«. Sie entscheiden gemeinsam, welche Lieder veröffentlicht werden und wie sie veröffentlicht werden. Mit dieser entspannten und demokratischen Haltung haben sie sich 2014 bewusst so zu dritt zusammengefunden. Dafür haben sie auch Make New Maps hinter sich gelassen, das Quasi-Vorgängerprojekt, mit allerdings gemischter Besetzung. Hannah beschreibt das besondere Gefühl der Zusammenarbeit von Shed Ballet: »Zuerst hatte ich mit Doris Musik gemacht, Kerstin war in Hannover arbeiten. Da hatten wir erst eine andere Schlagzeugerin. Als Kerstin dann aber wieder nach Leipzig kam, war klar: Das ist jetzt unser Ding. Da geht es auch darum, dass wir uns safe miteinander fühlen.«

Daraus entsteht eine erste EP in Eigenproduktion mit sechs Songs irgendwo zwischen Indiepop, Art-Rock und Garage. Wie es dann weitergeht, ist wieder geprägt vom Masterplan, den Shed Ballet nicht haben. Und von ungebetenen Ratschlägen. Die EP wird wahrgenommen, gespielt und besprochen – weil die Musik gut ist, weil die drei Musikerinnen schon in verschiedenen Projekten gespielt haben und deshalb nicht unbekannt sind. Eigentlich hätte es schnell weitergehen müssen. Das weiß Hannah, fügt ein Aber hinzu: »Normalerweise geht es eben nicht nur um die Musik, sondern es bedeutet halt auch Netzwerken und Instagram-Content. Da musst du schauen, wo und wann du was platzierst. Dann kommen Ratschläge, dass man doch mal noch mehr Remixe machen sollte und, und, und. Ja, meinst du, da sind wir selbst nicht auch schon draufgekommen? Aber das ist halt nicht unser Weg und auch nicht unser Ziel. Das ist einfach nicht das Projekt dazu.«

Entsprechend entscheiden sie sich bewusst, das Debütalbum »Claim« 2024 bei Ketzer Pop herauszubringen und nicht bei einem anderen Leipziger Label. Die Möglichkeit hätten sie durchaus gehabt, denn sie sind gut vernetzt. Vor allem mit dem Ilses Erika. Hannah erzählt, dass Jörn Drewes quasi ihr musikalischer Ziehvater war und sie zu L.A. Love geholt hat. Ein wichtiger Schritt auch, um Erfahrung als Sängerin zu sammeln, auch für Shed Ballet. Durchs Theater hat Hannah zwar schon Bühnenerfahrung, aber nicht am Mikro und in einer selbst gewählten Rolle: »Bei Shed Ballet habe ich ewig lange gehadert, was ich sein will: die unnahbare Rockerbraut oder, so wie Bernadette La Hengst, eher nahbar.«

Mittlerweile ist die Linie ziemlich klar: Die drei machen, was sie wollen und was gerade passt. Musikalisch haben sie sich im Indierock eingerichtet mit Gitarre, Schlagzeug und Orgel, manchmal Synthesizer. Dabei haben sie sich auch bei der musikalischen Bildung zwischen autodidaktisch beibringen (Hannah) und intensiv lernen (Kerstin) aufeinander eingespielt.

Einen klaren Masterplan haben sie immer noch nicht, sondern nutzen eher Gelegenheiten: Gelegenheiten für Auftritte, für Zusammenarbeiten und für Veröffentlichungen. Und diese Haltung ist der Feminismus bei Shed Ballet, weniger die Texte. Wenn ihnen jemand ungefragt erklären will, wie und was sie als Band zu machen haben, gibt es eben ein »Baum gegen Toastbrot« an den Kopf geknallt. Aber die traurige Wahrheit ist, dass sich ein großer Wunsch für Shed Ballet wahrscheinlich so bald nicht erfüllen wird, auch wieder rollen- und strukturbedingt: Auf eine längere Tour werden sie im kommenden Jahr vermutlich nicht gehen können. KERSTIN PETERMANN


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