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»Das gute Leben gibt es schon hier und heute«

Gemeinsame Ökonomie bedeutet, als Gruppe alle Einnahmen zu teilen – fernab von Beziehung oder Familie. Kann das funktionieren?

  »Das gute Leben gibt es schon hier und heute« | Gemeinsame Ökonomie bedeutet, als Gruppe alle Einnahmen zu teilen – fernab von Beziehung oder Familie. Kann das funktionieren?  Foto: Symbolbild/Pixabay


Es gibt Menschen, die ihre Einkommen als Gruppe teilen und nach einzelnen Bedürfnissen nutzen. Das Modell der »gemeinsamen Ökonomie« (Gemök) soll ein Gegenentwurf zum Kapitalismus sein. Fiete Theiler (Name von der Redaktion geändert) ist 25 Jahre alt und lebt seit mehreren Jahren nach diesem Prinzip. Außerdem begleitet er Gruppen, die das Konzept ausprobieren wollen. Gemeinsam mit drei weiteren Personen hat er zudem ein Handbuch herausgebracht: »Nie mehr pleite und allein« heißt es und erklärt die ersten Schritte hin zur gemeinsamen Ökonomie. Im Interview erzählt er, wieso ihn die Idee überzeugt und warum er keine Sorge vor Altersarmut hat.

Was genau ist eine »gemeinsame Ökonomie«?

Im Grunde geht es darum, sich mit einer Gruppe von Leuten sein Einkommen zu teilen. Es geht alles in einen Topf, aus dem sich dann alle das herausnehmen, was sie zum Leben brauchen – nach Bedürfnissen und Fähigkeiten, getreu dem Motto: Gib was du kannst, und bekomm, was du brauchst. Meistens startet man damit, sich nur alltägliche Einnahmen und Ausgaben zu teilen, Angespartes und Vermögen bleibt erst mal außen vor. Die gemeinsame Ökonomie ist kein Theoriegebilde – wir müssen nicht erst die sozialistische Weltrevolution hinter uns bringen und dann kommt das gute Leben, sondern das gute Leben gibt es schon hier und heute. Zumindest teilweise.

Wie funktioniert das Konzept bei Ihnen?

Wir sind gerade zu dritt. Eine Person arbeitet ganz klassisch. Nicht unbedingt, weil wir das Geld bräuchten, aber weil es Menschen natürlich Struktur gibt. Die zweite Person ist selbstständig und ich mache freie Bildungsarbeit. Dort gibt es manchmal Geld und manchmal nicht. Durch die gemeinsame Ökonomie kann ich unabhängig vom Honorar entscheiden, ob ich einzelne Projekte annehme.


Aber braucht es nicht immer jemanden, der mehr verdient, um das auszugleichen?

Wir stellen uns in der Gemök immer die Frage der Suffizienz, also die Frage: Was brauche ich eigentlich wirklich? Denn im Grunde ist Konsum in dieser Gesellschaft immer auch mit Ausbeutung von Menschen, Tieren oder den Ökosystemen verbunden. Deshalb versuchen wir ohnehin, mit wenig auszukommen. Manchmal ist eher das Problem, dass sich mehr Geld auf dem Konto sammelt, als wir drei brauchen. Dann suchen wir nach Möglichkeiten, das Geld dorthin umzuverteilen, wo es gerade dringender gebraucht wird. Zum Beispiel an andere gemeinsame Ökonomien, bei denen gerade Geldnot herrscht, oder an politische Projekte. So entsteht ein Netzwerk der gegenseitigen Hilfe und Fürsorge, bei dem ich großes Vertrauen habe, dass es auch uns mal auffängt, sollten wir in finanzielle Schwierigkeiten geraten.


Hat jede und jeder einen bestimmten Betrag zur Verfügung?

Nein. Wir haben alle Zugriff auf das gesamte Geld und schauen gemeinsam, dass wir genug Kohle haben. Die alltäglichen Ausgaben werden nicht abgesprochen. Wenn eine größere Ausgabe ansteht, besprechen wir das. Aber das ist dann meistens keine Frage von ob, sondern wie wir das möglich machen. Allerdings haben wir vor der Gründung der gemeinsamen Ökonomie über unseren Konsumstil gesprochen. Das ist ein extrem wichtiger Teil des Prozesses, weil es auch die unterschiedlichen Lebensrealitäten aufdeckt, aus denen wir kommen.


Können Sie das genauer erklären?

Zum Beispiel könnte es eine Person geben, die im Alltäglichen extrem viel spart, auf der anderen Seite eine Person, die selbstverständlich jeden Tag in den Bioladen geht und gar nicht über die Preise nachdenkt. Interessanterweise hängt das nicht nur von unserer finanziellen Situation ab, sondern davon, wie wir sozialisiert wurden und wie wir gelernt haben, mit Geld umzugehen. Gerade für Menschen, die ein permanentes Mangelgefühl haben, kann die gemeinsame Ökonomie eine Chance sein, sich zu entspannen.


Führen solche unterschiedlichen Lebensstile nicht zu einem Ungleichgewicht in der Gruppe?

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen, die mehr Geld geben, auch einen größeren Anspruch fühlen, darüber zu bestimmen. Das erzeugt natürlich Hierarchien, über die man sich austauschen muss. Es muss eine gemeinsame Bestrebung geben, tauschlogikfrei zu denken und zu leben sowie nach den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Einzelnen zu schauen. Es gibt viele Gründe, warum Menschen nicht viel Geld verdienen: weil sie keinen guten Abschluss haben, sich im Angestelltenverhältnis unwohl fühlen oder strukturell benachteiligt sind. Gerade sie können durch gemeinsame Ökonomie lernen, dass sie trotzdem wichtig sind, auch wenn sie für dieses zerstörerische Wirtschaftssystem keinen »Wert« produzieren.
Oft ist es auch so, dass Menschen mit viel Geld sich schämen, genauso wie Menschen mit wenig Geld sich schämen. Ich kann beides nachvollziehen. Und das ist ein ganz klassisches Phänomen bei Privilegien. Die Frage ist, wie man aus der Scham rauskommt. Wenn man darüber spricht, entstehen schöne Momente und man merkt: Die Ungerechtigkeit sitzt im Raum und wir haben sie jetzt sichtbar gemacht. Daraus kann große Solidarität erwachsen.


Warum leben Sie persönlich in einer gemeinsamen Ökonomie?

Ich wurde durch Fridays for Future politisiert. Dort habe ich viele Demos mitorganisiert und schnell gemerkt: Auf der Welt ist ganz schön was im Argen. Das hat in mir den Wunsch geweckt nach einem sinnerfüllteren Leben als das. Ich bin dann auf Menschen gestoßen, die ein aktivistisches Leben führen, von dem ein Aspekt die gemeinsame Ökonomie war. Das hat mich total abgeholt.

Dank der gemeinsamen Ökonomie habe ich nun mehr Zeit für das, wofür ich intrinsisch motiviert bin. Außerdem bietet das Modell Lernräume für neue Umgangsweisen miteinander. Natürlich lässt sich die kapitalistische Realität nicht ausblenden. Ich kann meinem Vermieter vermutlich nicht unser Handbuch geben und fragen, ob er sich das mit den 400 Euro kalt für ein WG-Zimmer nochmal überlegen will. Aber untereinander können wir die Grausamkeit von da draußen ein bisschen abpuffern.


Apropos Fridays for Future: Was würde passieren, wenn ein Mitglied Ihrer gemeinsamen Ökonomie eine Flugreise antreten möchte?

Wenn dieser Wunsch bei einem Mitglied aufkäme, müssten wir darüber reden. Dann müsste ich versuchen, nicht an meinen moralischen Vorstellungen festzuhalten, mit denen ich über eine Person bestimmen würde. Aber ich würde auf jeden Fall formulieren, dass es krasse Widerstände in mir auslöst. Vielleicht wäre das auch der Punkt, an dem wir feststellen, dass wir nicht mehr gut in einer gemeinsamen Ökonomie funktionieren. Denn geteilte Werte sind für mich eine wichtige Grundlage dieses Konzepts. Gleichzeitig herrscht bei uns sehr viel Vertrauen. Wenn also ein Mitglied das braucht, vertraue ich ihm oder ihr. Selbst wenn ich das nicht cool finde.


Wie blicken Sie aufs Thema Altersvorsorge?

Ich will nicht ausschließen, dass ich in Altersarmut leben werde, aber das erleben ja aktuell auch Menschen, die ihr Leben lang in die Rentenkasse eingezahlt haben. Da erscheint es mir lohnenswerter in Beziehungen zu investieren. Es gibt aber durchaus gemeinsame Ökonomien, die das Thema behandeln und zum Beispiel ein gemeinsames Vermögen aufbauen.


> Die Online-Version des Handbuchs gibt es hier zum Downloaden: www.nie-mehr-pleite-und-allein.net



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