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Kultur

»Du bist einfach du in deinen Gedanken«

Eine Neuentdeckung aus Tschechien übers Erwachsenwerden, toxische Obsession und die Kraft der Kunst

  »Du bist einfach du in deinen Gedanken« | Eine Neuentdeckung aus Tschechien übers Erwachsenwerden, toxische Obsession und die Kraft der Kunst  Foto: privat


Bisher arbeitete Dorota Am­bro­žo­vá vor allem als Journalistin. Für das Projekt »Memory of Nations« sammelte sie die Geschichten von Menschen aus dem turbulenten 20. Jahrhundert. In diesem Herbst erscheint die deutsche Übersetzung ihres Romans »Göre«, in dem sie sich dem Aufwachsen im 21. Jahrhundert widmet. In Tschechien wurde der Roman bereits 2024 veröffentlicht. Mit dem logbuch sprach Am­bro­žo­vá über die Unterschiede zwischen Dokumentation und Fiktion, das Erwachsenwerden und die erdrückende Macht gesellschaftlicher Konventionen.


Sie kommen aus dem dokumentarischen Bereich, wo Sie mit realen Stimmen und Geschichten arbeiten. Welche Freiheiten eröffnet Ihnen das Schreiben eines Romans?

Das Schreiben eines Romans ist eine ganz andere Tätigkeit, weil ich während des Prozesses völlig allein bin. Aber ich genieße diese Art von Einsamkeit. Ich tauche dann ganz in die Arbeit ein. Für mich ist das der größte Unterschied zwischen dokumentarischer Arbeit und dem Schreiben von fiktionalen Texten. Es scheint so, als bedeute das Schreiben eines Romans völlige Freiheit und als könne ich einfach schreiben, was mir gerade in den Sinn kommt. Ich habe aber eine andere Erfahrung gemacht. Wenn ich schreibe, habe ich manchmal das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Als würde ich gar nicht selbst schreiben. Die Geschichte entwickelt und formt sich dann wie von selbst. Solche Momente gab es nie, als ich noch dokumentarisch gearbeitet habe.


Hat Ihre Erfahrung als Dokumentaristin Einfluss auf den Roman genommen?

Dokumentarisch zu arbeiten, bringt einem bei, Beobachterin zu sein. Ich nehme diese Position auch gerne ein, wenn ich schreibe. Ich liebe es, meine Charaktere zu beobachten und dabei zuzusehen, was sie tun und was sie sagen. Die Geschichte entfaltet sich durch ihre Handlungen.


»Göre« ist eine Coming-of-Age-Geschichte – davon gibt es ja einige. Mit welchen besonderen Herausforderungen muss die Protagonistin Hanka umgehen?

Hanka ist keine außergewöhnliche Protagonistin. In vielerlei Hinsicht ist sie eine typische Jugendliche. Wenn ich schreibe, beschäftigt es mich nicht so sehr, ob ein Thema originell ist oder nicht. Ich interessiere mich vielmehr für die Essenz eines Themas. In diesem Fall ging es für mir nicht so sehr um die Frage, mit welchen besonderen Herausforderungen Hanka konfrontiert wird, sondern darum, wie man die Atmosphäre des Jugendlichseins einfängt. Die Erkenntnis, dass die Welt nicht so ist, wie man erwartet hat oder wie Autoritäten es einem gesagt haben.


Der Begriff Göre changiert oft zwischen Frechheit, Eigensinn und Vorurteilen. Welche Rolle spielen gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder in Ihrem Roman?

Nun, ich denke, dass Hankas persönliche Rebellion von ihrem Widerstand gegen gesellschaftliche Erwartungen angetrieben wird. Von klein auf spürt sie, dass viele der Erwartungen und Konventionen, die uns auferlegt werden, gesellschaftliche Konstruktionen sind. Sie nimmt die subtilen Formen der Manipulation wahr, mit denen Menschen diese Erwartungen rechtfertigen und Kinder dazu bringen, sie zu akzeptieren, und damit auch das, was wir als normal bezeichnen. Sie hat Schwierigkeiten mit dieser Konformität, weil sie sich nach einer ehrlichen Welt sehnt.

Die Frage nach den Geschlechterrollen ist in der Geschichte eher verborgen. Während Hanka heranwächst, lernt sie ihren Körper, ihren Charme und ihren Sex-Appeal kennen. Sie setzt diese Dinge ein, um ihre Ziele zu erreichen. Noch versteht sie nicht, dass es auch eine Kehrseite haben kann, eine Frau zu sein. Für mich wird diese Kehrseite durch ihre Mutter verkörpert, die innerhalb der Familie für sämtliche Aufgaben zuständig ist, während der Vater kaum präsent ist. Dabei geht es nicht nur um die Hausarbeit, sondern auch um die emotionale Arbeit.


Die Konkurrenz zwischen Frauen spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Roman. Ist diese Rivalität Ausdruck gesellschaftlicher Erwartungen oder eigener Unsicherheit?

Ich muss da zuerst an Hanka und Anna denken. Ich glaube nicht, dass es zwischen ihnen wirklich eine Rivalität gibt, denn Hanka ist natürlich in den Arzt – Annas Ehemann – verliebt. Aber am Anfang ist diese Liebe noch sehr platonisch und kindlich. Im Laufe der Geschichte, als es komplizierter wird, verändern sich Hankas Gefühle gegenüber Anna stark. Für Anna ist Hanka keine Rivalin, weil sie sie als Kind betrachtet. Die Beziehung ist, würde ich sagen, komplizierter als eine bloße Rivalität.

Mit anderen weiblichen Figuren hat Hanka jedoch ein schwieriges Verhältnis, und ich glaube, dass das ein Zeichen ihrer inneren Unsicherheit ist. Unterbewusst ist Hanka sich der Grenzen bewusst, die ihr aufgrund ihres Geschlechts auferlegt werden, und auch, wie Weiblichkeit von der Gesellschaft definiert wird. Ich denke, dass ihre Unsicherheit und ihr Verhalten anderen weiblichen Figuren gegenüber aus diesem Bewusstsein hervorgehen.


Zu Beginn des Romans verliebt sich Hanka in den 18 Jahre älteren Arzt. Geht es dabei um den Wunsch nach echter Liebe oder um eine toxische Obsession?

Es handelt sich im Verlauf der Geschichte eindeutig um eine toxische Obsession. Aber am Anfang sind ihre Gefühle noch platonischer. Sie träumt davon, eine Beziehung mit dem Doktor einzugehen, und stellt sich eine Version von ihm vor, die eigentlich gar nicht existiert. Ich glaube, sie ist eher in eine Vorstellung von ihm verliebt ist als in den tatsächlichen Menschen.

Vielleicht hofft sie, dass er ihr dabei helfen wird, mit ihren Unsicherheiten umzugehen. Wahrscheinlich vermisst sie ihren Vater, der in ihrem Leben nicht wirklich ist, und sehnt sich nach einer erwachsenen männlichen Bezugsperson. Ich denke also, dass ihre Gefühle für den Doktor teilweise eine Projektion dieser Bedürfnisse und Sehnsüchte sind.


Kunst wird für Hanka zum eigentlichen Zufluchtsort, während menschliche Beziehungen oft schmerzhaft oder enttäuschend bleiben. Ist das nicht deprimierend?

Ja, das ist es. Aber ich denke, dass Hanka in der zweiten Hälfte des Romans realisiert, dass sie nicht in völliger Isolation leben kann. Sie probiert es anfangs, aber hält es nicht lange durch. Gegen Ende des Romans öffnet sie sich für Beziehungen. Sie wird nachsichtiger gegenüber den Unzulänglichkeiten anderer Menschen und den Grenzen der Kommunikation, insbesondere in der Beziehung zu ihrer Mutter und zu ihrem Freund, dem Literaten. Am Ende ist Kunst nicht unbedingt ein Zufluchtsort, sondern vielmehr ein Ort der Reflexion und zum Innehalten.


Die Protagonistin bleibt lange namenslos. Erst gegen Ende des Romans wird sie von einer Lehrerin mit ihrem Namen angesprochen. Warum?

Ich habe die ganze Geschichte aus ihrer Sicht geschrieben. Wenn man über sich selbst nachdenkt, nennt man sich selbst nicht beim Namen. Du bist einfach du in deinen Gedanken. Deshalb habe ich sie nicht beim Namen genannt. Aber am Ende des Romans gibt es ein Gespräch zwischen Hanka und ihrer ehemaligen Lehrerin. Das ist ein wichtiger Moment, weil Hanka beschließt, ihrer Lehrerin zu sagen, was sie fühlt. Es ist das erste Mal, dass Hanka ihre Gefühle laut ausspricht. Bis zu diesem Moment hat sie alles nur in ihren Gedanken kommentiert und nicht verbalisiert.


Der Roman erschien bereits 2024 in Tschechien. Denken Sie, dass ein deutschsprachiges Publikum den Roman anders aufnehmen wird?

Ich habe keine besonderen Erwartungen, weil es das erste Mal ist, dass ein Text von mir übersetzt wird. Ich bin gespannt.


>Dorota Ambrožová: Göre. Hamburg: Arche Literatur 2026. 240 S., 22 €


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