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Kultur

»Ich hoffe, dass in allem, was ich schreibe, ein Gefühl von Glück steckt«

Miroslav Hlaučo im Gespräch

  »Ich hoffe, dass in allem, was ich schreibe, ein Gefühl von Glück steckt« | Miroslav Hlaučo im Gespräch  Foto: Marta Nováková

In seinem Roman »Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt« schreibt Miroslav Hlaučo über ein kleines Dorf, in dem die Zeit trotz der sich anbahnenden Industrialisierung stehen geblieben zu sein scheint. Gab es diese Zeit jemals wirklich? Immerhin können die Dorfbewohner über Wasser laufen oder sprechen mit Heiligen. Doch alles ändert sich, als der tot geglaubte Odysseus ins Dorf kommt und mit ihm die Regeln einer neuen Weltordnung.


Woher kam die Idee, eine Geschichte über Wunder und religiöse Motive in der Zeit der Industrialisierung zu erzählen?

Es geht gar nicht wirklich um diese Zeit. Ich glaube tatsächlich, dass wir in einer sehr ähnlichen Zeit leben. Wir erleben eine neue Art von technologischer Revolution, bei der unsere Köpfe, unser Geist oft gar nicht hinterherkommen. Wie die Figuren in meinem Buch können wir nicht wissen, was die Zukunft bringen wird. Die Wahl des historischen Settings kam mehr durch den Charme der Zeit.


Auch weil die Zeit der Industrialisierung als eine Zeit der Abkehr von Mythen und Religion gesehen werden kann?

Ich würde nicht von einer Abkehr sprechen. Generell glaube ich, dass Religion und Mythologie für viele Menschen immer noch eine ganz natürliche Anziehung haben. Ich selbst bin atheistisch, aber ich weiß, dass unsere Menschheitsgeschichte und auch die Art, wie ich denke, von Religion und Mythen beeinflusst sind. Religionen und Mythen basieren ja in erster Linie auf Geschichten, die uns etwas sagen wollen.


Auch wenn Mythologie und Religion unsere heutigen Geschichten und unseren Alltag beeinflussen, sind diese Dinge wohl nicht so präsent wie bei den Figuren in Ihrem Buch, die auf Odysseus treffen oder über Wasser gehen können. Sie schreiben über diese Dinge, als wären sie normal und alltäglich. Ist der Begriff dafür nicht magischer Realismus?

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es der klassischen Definition von magischem Realismus entspricht, aber ich mag magischen Realismus sehr gerne! Literatur muss sich nicht darauf beschränken, was realistisch möglich ist. Eine gute Geschichte muss nicht realistisch oder wahr sein, sie muss sich beim Lesen nur so anfühlen. Literatur kann ganz neue Wahrheiten aufzeigen und im magischen Realismus entsteht so ein Gefühl ganz natürlich. Ich glaube, dass Autoren aus diesem Bereich, wie Gabriel García Márquez oder Michail Afanassjewitsch Bulgakow, mich definitiv beeinflusst haben. Und auch weniger bekannte tschechische Autoren wie Karel Čapek oder der slowakische Autor František Švantner.


Was in Ihrem Buch ist besonders tschechisch?

In der tschechischen Originalfassung ist das Buch in einer etwas alt anmutenden Sprache geschrieben. Ich glaube, der Text hat auch einen speziellen tschechischen Sinn für Humor.


Wie würden Sie den beschreiben?

Der Humor ist etwas ironisch übertrieben. Wir gehen oft auf leichte Weise mit ernsten Dingen um. Die Tschechen haben eine sehr poetische Seele. Die Slowaken übrigens auch. Mich interessiert diese Kombination aus Poetik, Ironie und Humor sehr. Ich glaube, das kommt in der tschechischen Kultur ganz oft auf eine sehr natürliche Art und Weise zusammen. Natürlich ist das auch sehr individuell. Sie müssen wissen, ich bin in der Slowakei geboren und habe dort 22 Jahre gelebt, seit 35 Jahren lebe ich in Tschechien. Natürlich ist das alles ein Teil von mir.


Nun lernen auch viele Leserinnen und Leser außerhalb Ihrer Heimat Ihr Buch kennen. Wie ist das?

Ich war schon überrascht, dass sich das Buch in Tschechien so gut verkauft hat. Das fühlt sich manchmal komisch an, weil viele gänzlich unterschiedliche Menschen mein Buch lesen. Das wurde für mich auch deutlich, als eine Lesung des Buchs im Radio übertragen wurde. Da haben 420.000 Menschen zugehört. Aber es zeigt mir auch, dass ich diese Menschen erreichen kann, auch wenn sie mich gar nicht kennen oder ganz anders sind als ich.


Denken Sie beim Schreiben an Ihre potenziellen Leser?

Ich stelle mir beim Schreiben verschiedener Kapitel unterschiedliche Leser und Leserinnen vor. Manche Textstellen erfreuen oder interessieren eventuell verschiedene Personen. Aber natürlich ist das Lesen eines Buches eine sehr individuelle Erfahrung. Echte Literatur findet im Kopf statt. Aus einzelnen Buchstaben und Wörtern entsteht im Kopf eine ganz eigene Welt. Jeder Leser, jede Leserin hat seine ganz eigene Interpretation im Kopf. Das macht Literatur interessanter als Filme, und das sage ich als Person, die Filme liebt und auch Film studiert hat.


Wie denken Sie in diesem Kontext über die Verfilmung Ihres Buches, die sich in Produktion befindet?

Dazu darf und möchte ich noch gar nicht so viel sagen. Nur, dass ich einen Vertrag unterschrieben habe. Aber ich bin gespannt, da es ja eine Adaption sein wird. Man kann den Text natürlich nicht einfach so auf die Leinwand übertragen. Es gibt immer einen Adaptionsprozess und das finde ich tatsächlich sehr spannend. Ich freue mich darauf, zu erleben, wie jemand anderes diese Geschichte auf seine eigene Art erzählen kann. Und ich hoffe, dass der Film das Publikum glücklich machen wird.


Was, hoffen Sie, nimmt das Publikum aus Ihrer Geschichte mit?

Ich möchte den Lesenden ein bisschen Hoffnung schenken. In unserer aktuellen Zeit voller Konflikte lassen uns viele Dinge mit einem unguten Gefühl zurück. Und das ist ganz normal. Aber manchmal tut Optimismus gut. Ich würde mich als Optimist bezeichnen, und ich würde sagen, dass auch mein nächstes Buch optimistisch wird. Ich hoffe, dass in allem, was ich schreibe, ein Gefühl von Glück steckt.


> Miroslav Hlaučo: Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt. Aus dem Tschechischen von Raija Hauck. Berlin: Anthea 2026. 421 S., 26 €


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