Wasser – mit viel zu viel von diesem Element hatten die Organisatoren schon vor Jahren zu kämpfen. Leider endete der nächste Jahrhundertsommer nach dem letzten Jahrhundertsommer kurz vor dem Treffen in Ferropolis abrupt – und damit ging zunächst auch mein Auftaktplan baden.
Wasser – mit viel zu viel von diesem Element hatten die Organisatoren schon vor Jahren zu kämpfen. Leider endete der nächste Jahrhundertsommer nach dem letzten Jahrhundertsommer kurz vor dem Treffen in Ferropolis abrupt – und damit ging zunächst auch mein Auftaktplan baden.
Von der Stadt des Stahlbetons mit Glasfassaden in die Eisenstadt – kalkuliert hatte ich als leidgeprüfter Frankfurt-Leipzig-Pendler viereinhalb Stunden, um Raekwon noch zu sehen. Die erfahrenen Splasher wissen: ein guter Plan ist alles, denn alles kann man sowieso nicht sehen. Aber in der Regel gelingt es, die selbst gesetzten Benchmarks einzuhalten. Diesmal nicht, denn über mehrere hundert Kilometer begleiteten mich rabenschwarze Wolken.
Viel zu spät für den Wu Tang-Soloauftritt betrat ich den Festacker und wurde an ein VIP-Bändchen gefesselt. Neben Mr. Vegas um 23 Uhr auf der Aruba Stage hatte ich mein nächstes Kreuz gestrichen; das könnte noch klappen. Dachte ich zunächst. Splash! ist längst in eine Liga aufgestiegen, in der professionell gespielt wird. Aber eine VIP-Shuttleverbindung aus ortsansässigen Reiseunternehmen, die sonst meist Rentner zu Beschissveranstaltungen kutschieren, verblüffte mich. Mein Shuttle fuhr gerade ab, nachdem ich meinen Wiesenparkplatz besetzt hatte. Er war voll mit volltrunkenen persons, die wohl very important waren, weil sie beim präsentierenden Hüpf-Dudler »VIP-Karten« gewonnen hatten. Da warte ich gern auf den nächsten Kleinbus. Der komme in etwa zehn Minuten, sagte ein freundlicher Ordnungshüter. Etwa zehn Minuten müsste ich laufen, wenn ich nicht warten wolle.

»Junior Gong« ist zunächst einmal Sohn und mehr Statthalter im Reggae denn Innovator. Mich beeindruckten am meisten seine fast bodenlangen Dreadlocks. Wie schläft der Typ eigentlich? Liegt die Haarpracht neben ihm? Hängt sie aus dem Bett? Und wo wird sie verstaut, wenn eine »sie« neben ihm liegt … Die Band war vorzüglich: Drums, Percussions, Bass – die Musiker machen noch Nebenjobs, wie ein T-Shirts eines hochrangigen Jazzfestivals dokumentierte. Neben uns beiden tanzte Tameeka aus Atlanta, die in Marburg studiert, ungefähr Mitte 20 ist und die (wirklich!) jede Textzeile von Nas kannte. Feiern kann so schön sein… Keine Zugabe, aber Aftershows. Das Samoa-Zelt mutierte zur Großraum-Disse, in der die größten Hip Hop-Klassiker jeweils 30 Sekunden angestimmt wurden. Mir war es zu voll und zudem nicht nach »Hip Hop Hooray-Big L rest in peace-Shimmy Shimmy-Yo«-Kollagen, zumal noch ein Kreuz auf meinem Planer abgearbeitet werden wollte. Die weit abgeschlagene Aruba Stage erwies sich als beste Party-Location. Bei schönem Wetter wäre sie es ohnehin gewesen, direkt am Sandstrand hätten wir eine Beachparty mit dem Pow Pow Movement gefeiert, von der wir noch unseren Enkeln erzählt hätten. Wenn Sommer gewesen wäre. Jetzt wurde es eine Beachparty wie bei Ebbe auf dem Watt, aber die hatte es trotzdem in sich! Für mich leider nur kurz, denn in der Leipziger kreuzer-Redaktion wartete die Tastatur.

Die Umbaupause für Gentleman nutzte ich für einen Abstecher in ein kleines Zelt, das ein Kippendreher für seine Imagebildung gekapert hatte. In der Mitte, umringt von einer Handvoll Leute, stand ein DJ. Dachte ich. Nach ein paar Sekunden war mir klar: das war kein DJ, sondern ein Turntable-ist. Wie sich später herausstellte, war es nicht nur ein Turntable-ist, sondern der sechsfache Weltmeister Rafik, der ein Aufwärmprogramm für seine spätere Party absolvierte. Es war kühl geworden, aber Gentleman und Band bewiesen, dass Deutsche mittlerweile nicht nur guten Fußball spielen können, sondern auch Reggae. Satter Bandsound, solide Backgroundsängerinnen und ein Gentleman an der Front, der eine Präsenz wie Xavier Naidoo entwickelt. Sympathisch: ein Musiker aus der Backing Band engagiert sich für ein soziales Projekt, das in Afrika Brunnen baut. Gentleman bat um die Pfandbecher, die darauf hin zu Dutzenden in Richtung Bühne geschleudert wurden. Etwa 100 Euro sollten zusammengekommen sein; eine Summe, die bereits viel bewirken kann.

Ich habe mich die ganze Zeit auf Kid Capri gefreut, sein »The Tape« und der 1998 von Poke and Tone mitproduzierte »Soundtrack to the streets« bestimmten lange mein Bordprogramm; das DJing für »Hot 97« in New York sorgte für Berühmtheit. Der Mann aus der Bronx versteckte zunächst sein Haupt hinter einem weißen Handtuch und wirkte wie ein Scheich unter Kopfhörern. Das Set enttäuschte jedoch gut 20 Minuten, denn Capri machte auf Party-DJ und servierte ein Hitmedley, das von ramp talks unterbrochen wurde. Erst als er das Handtuch wegwarf, zeigte er, was er wirklich kann. Zumindest ließ er sein Können aufblitzen. Keine Frage, Capri rockte das Haus. In einem Hip Hop-Set Nirvanas »Smells like teen spirit« nicht nur anzuhooken, sondern auszuspielen, traut sich höchstens Afrika Bambaataa (der in der Distillery schon mal Max Werners »Rain in May« inkludierte). Leider überspannte der Star-DJ den Bogen und schoss mit Fedde La Grand sowie zwei, drei uninspirierten Dance-Pfeilen über das Ziel hinaus. Vielleicht hat der Mann das Splash!-Publikum einfach unterschätzt, es hätte eines seiner NY-Sets sicher goutiert.
Capri sagte mir nach der Show, dass er immer für eine Überraschung wie Nirvana gut sei. Dann entschwand er im Backstage-Bereich mit zwei süßen Teenies, die ihn eben erst angequatscht hatten. Wie diese Geschichte ausging, weiß ich nicht. Selbst wenn ich es wüsste, würde ich es natürlich nicht in mein Festivaltagebuch schreiben. Die Party ging weiter, denn der mehrfache World Champion DJ Rafik zauberte einen Hasen nach dem anderen aus dem Hut. Irgendwie sympathisch und ohne Rockstarpose.

Bilal selbst trat –das erste Mal überhaupt- nur mit einem DJ auf, präsentierte die Achtungserfolge, die er auch in Deutschland hatte und stellte frisches Material vor vom Album, das im September erscheinen soll. Die ersten Minuten brauchte der Mann, um sich einzusingen, danach packte die etwa fünf Dutzend vor der Bühne der Soul. Susanne Jones aus Berlin war extra wegen Bilal mit ihrem amerikanischen Ehemann nach Ferropolis gefahren; sie kannte nur einen Song, den sie mal im Radio gehört hat, wollte den Künstler aber unbedingt live erleben. Auch das war eine Facette vom Splash! 2010, das mit Samy und Missy noch zwei hinreichende Gründe bot, bis weit nach Mitternacht zu bleiben.

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