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Abgehängtes Aushängeschild

Dem HCL droht die Insolvenz und Spielerinnen verlassen den Verein

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Heute treten die Spielerinnen des Handball-Clubs Leipzig (HCL) im Heimspiel gegen den VfL Oldenburg an: der Siebente gegen den Achten der ersten Bundesliga. Doch Platzierungen sind für den HCL derzeit Schall und Rauch. Denn schließlich droht die Insolvenz.

»Simply wunderbar«

Seit einer Woche werben große Plakate für die Handball-Weltmeisterschaft der Frauen, die Anfang Dezember in der Leipziger Arena mit dem Spiel Deutschland gegen die Niederlande startet. Der Veranstalter wirbt mit dem Slogan »simply wunderbar«. Wenn Frauenhandball mal so einfach wäre, denkt sich wohl manch Leipziger bei diesem Plakat und mit Blick auf das aktuelle Geschehen vor Ort.

Neben Verletzungssorgen machen dem HCL derzeit Gerüchte um finanzielle Probleme zu schaffen. Ausgerechnet 17 Jahre nach der Gründung des Vereins im November 1999 mehren sich Presseberichte über eine drohende Insolvenz, die bereits im Mai existierten, und ausstehende Löhne der Spielerinnen. Der langjährige Teammanager Kay-Sven Hähner möchte darüber keine öffentliche Debatte führen. RB Leipzig delegierte Anfang Dezember schnell Sportdirektor Ralf Rangnick und Cheftrainer Ralph Hasenhüttl zu einem HCL-Sponsorenabend.

Das Echo

Leipzigs Sportbürgermeister Heiko Rosenthal bekräftigt, dass der HCL über Jahre hinweg das sportliche Aushängeschild der Stadt gewesen sei und die Stadt daher den Nachwuchs finanziell fördere, weil an den Erfolg geglaubt werde. Ein Scheitern des Vereins ist für den Sportbürgermeister überhaupt nicht denkbar.

Auch Adam Bednarsky, Linken-Stadtrat und Mitglied des Sportausschusses, positioniert sich auf kreuzer-Anfrage klar: »Der HCL ist das Team, das am längsten in der Bundesliga aktiv ist. Er verkörpert seit Jahren die Leistungsfähigkeit des Frauensports in Leipzig und bietet regionalen Nachwuchssportlerinnen immer eine sportliche Chance. Wenn es denn eine Schieflage geben sollte, steht die Stadt Leipzig mit in der Verantwortung. Ganz besonders vor dem Hintergrund, dass der Frauensport es auch weiterhin in Leipzig nicht gerade einfach hat. Beispielsweise bei der Akquise von Sponsoren.«

Realitätssinn fordert Spielerberater Erik Göthel, der sechs HCL-Spielerinnen betreut. Was nichts anderes heißt, als dass der Verein seine eigenen Mittel und Optionen anerkennen muss, die sich vor allem im Hinblick auf die stärker gewordenen Gegnerinnen im Ligaalltag zeigen.

Dazu gehören auch die aus Leipzig abgewanderten Spielerinnen. Zuletzt verabschiedete sich Anfang Oktober Kreisläuferin Luisa Schulze – seit 2006 für den HCL spielend – in Richtung Süddeutschland zum derzeitigen Tabellenführer SG BBM Bietigheim. Und es bedarf keines Kaffeesatzes, um zu erahnen, dass sich andere Leistungsträgerinnen – wie die Nationalspielerinnen Anne Hubinger oder Saskia Lang – perspektivisch neue sportliche Herausforderungen suchen werden.

Das Aushängeschild

Dabei war der HCL war jahrelang das Aushängeschild des Leipziger Profisports, heimste Titel und Pokale ein, als von erstklassigem Männerhandball und -fußball nur die Allerkühnsten träumten. Die Vereinswurzeln liegen im Jahr 1963. Damals schlossen sich die Mannschaften des SC Lokomotive Leipzig und der BSG Rotation Leipzig-Mitte zum SC Leipzig zusammen. Bis 1992 gewann die Mannschaft mehr als zehn DDR-Meistertitel, drei Mal den FDGB-Pokal, zudem vier internationale Titel. Danach ging das Team zum VfB Leipzig (als Nachfolger von Lok Leipzig), von dem es sich 1999 löste. Nach der Wende schlagen bisher sechs Deutsche Titel (der letzte 2010) und sieben DHB-Pokalsiege zu Buche.

Allerdings ändern sich die Zeiten. Mit dem SC DHfK spielt das Männerhandballteam in der zweiten Erstligasaison und bestreitet im April erstmals das Halbfinale um den DHB-Pokal. RB Leipzig schreibt seine ganz eigene Geschichte als finanzstarker Aufsteiger in der Fußballbundesliga. Nicht zuletzt wegen der erstklassigen Männermannschaften samt direkter Zuschauerkonkurrenz in der Stadt begann der Stern des HCL zu sinken. Und das obwohl der Verein zu den traditionsreichsten Frauenhandballmannschaften in Deutschland gehört, in der letzten Saison den Pokal gewann und die Bundesligasaison als Dritter abschloss. Bereits da ließ sich die im Vergleich zum Männerhandball sehr übersichtliche Zuschauermenge bei Heimspielen in der Arena nicht leugnen. Für Teammanager Hähner war das jedoch kein Grund, vor der Saison die Ziele herunterzuschrauben: Deutsche Meisterschaft, Pokalfinale, Qualifikation Europapokal und Champions League standen auf dem Plan.

Die Saison

In der Champions League angetreten, verabschiedete sich der Verein bereits nach der Gruppenphase – Herausforderer wie Vardar Skopje fegten den HCL mit einer 22:45 Niederlage aus der eigenen Halle.

Verletzte Leistungsträgerinnen wie Anne Hubinger und Shenia Minevskaja sowie die gestern verkündete Schwangerschaft von Kapitänin Karolina Kudłacz-Gloc führen dazu, dass der 16-köpfige Kader erheblich geschmälert in das heutige Spiel geht. Tamara Bösch dagegen spielt nach dreimonatiger Verletzungspause wieder. An Tabellenplatzierungen hat Hähner deshalb gerade kein Interesse; er bemüht die allseits bekannte Parole »Von Spiel zu Spiel denken«. Der Meistertitel scheint daher reichlich weit entfernt – was er aber nicht schlimm finde, konstatiert er die aktuelle Situation gegenüber dem kreuzer. Vielmehr hoffe er auf einen Platz, der es erlaube, in der nächsten Saison wieder europäisch spielen zu können. In den Wettbewerb um den EHF-Pokal startet der HCL am kommenden Samstag mit dem Heimspiel gegen Brest Bretagne Handball.

HCL gegen den VfL Oldenburg: 19.30 Uhr, Arena Leipzig
http://www.hc-leipzig.de

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