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Pleiße ans Licht

Wo soll die Pleiße wieder oberirdisch fließen?

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Der Pleißemühlgraben soll am Goerdelerring wieder oberirdisch fließen. Darüber herrscht Einigkeit. Zum genauen Flussverlauf gibt es aber unterschiedliche Ansichten. Bis zum Jahresende können die Bürger noch Wünsche abgeben

»Wasserstadt Leipzig« ist ein Etikett, das auf den ersten Blick gerne Amüsement hervorruft. Das Meer ist weit weg, und es fehlt der große Strom, der das Stadtbild prägt, wie man es aus London oder Florenz kennt. Auf den zweiten Blick wird klar: Es ist kein Zufall, dass sich dereinst Leute dort niederließen, wo Pleiße, Parthe, Luppe und Weiße Elster sich treffen – und neben ihnen weitere kleine Fließgewässer. Hier und da blitzt die historische Relevanz noch durch Straßennamen. So gäbe es heute keine Kohlgartenstraße, hätte nicht die Östliche Rietzschke dafür gesorgt, dass das damalige Dorf Reudnitz zum Kohlgarten der Stadt avancierte. Und die katholische Kirche gegenüber dem Neuen Rathaus wäre gezwungen, ausgerechnet am Martin-Luther-Ring zu residieren, gäbe es nicht die Nonnenmühlgasse auf der Rückseite des Gotteshauses. Die Mühle der Nonnen ist Geschichte, der Pleißemühlgraben ist immer noch da. Ab der B2 taucht er immer wieder auf und unter, fließt oberirdisch unter anderem am Bundesverwaltungsgericht vorbei.

Natürlich waren der Pleißemühlgraben und die anderen Gewässer in Innenstadtnähe nicht immer unsichtbar. Sie wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert und in der Mitte des 20. Jahrhunderts überwölbt, kanalisiert oder verfüllt – einerseits, um Baufläche zu erhalten, andererseits, weil die Gewässer industriell stark belastet waren. Ende der achtziger Jahre gründete sich eine später »Neue Ufer« genannte Initiative, die sich dafür starkmachte, die Gewässer wieder freizulegen, Mitte der neunziger Jahre begannen die ersten Arbeiten. Die Offenlegung der Leipziger Fließgewässer ist seit 1992 beschlossene Sache.

Einer der Abschnitte, die noch in Angriff zu nehmen sind, liegt am Goerdelerring, hinter der Hauptfeuerwache und dem Gebäude der IHK. Die Hauptfeuerwache muss saniert werden, schon im November dieses Jahres sollen die Bauarbeiten starten. Die Planung sieht vor, dabei auch den Pleißemühlgraben zwischen Käthe-Kollwitz-Straße und Ranstädter Steinweg zu öffnen. Dabei soll dessen Verlauf geändert werden, nicht mehr hinter den Gebäuden entlangführen, sondern davor, also direkt am Ring.

Diese Planung bleibt nicht ohne Kritik: »Gerade beim Pleißemühlgraben gab es in der Vergangenheit nur unmaßgebliche Veränderungen des Verlaufs«, sagt Heinz-Jürgen Böhme vom Verein Neue Ufer. »Das ist ein Wert an sich.« Dem Verein gehe es darum, dass der Fluss und die historischen Bezüge der Stadtentwicklung erlebbar werden und Wertschätzung erfahren – darum solle der Fluß weiter hinter der Feuerwache verlaufen.

Allerdings braucht die Feuerwehr die Flächen, die sich derzeit auf dem unterirdisch durch Rohre fließenden Gewässer befinden, und bevorzugt darum die Variante, in der der Fluss vor dem Gebäude verläuft: »Bei einer Freilegung des Pleißemühlgrabens in der Zufahrt sowie hinter der Feuerwache würden die Bewegungsflächen für die dort stationierten Rettungsmittel sowie die für die Logistik der Hauptfeuerwache nötigen Liefer- und Entsorgungsfahrzeuge gekappt werden«, heißt es aus der Branddirektion. Der Platz wäre nicht mehr ausreichend zum Ausrücken der Fahrzeuge, als Notlandeplatz für Hubschrauber oder als Bereitstellungsraum bei Katastrophen.

In der Variante, die Neue Ufer bevorzugt, bliebe auch ein Platz, auf dem Fahrzeuge der Feuerwehr stehen und ausfahren können und der Hubschrauber landen kann, beteuert der Verein. Das Areal erhielte eine durchgehende Uferpromenade und Grünflächen, hinter der Feuerwehr – auf der anderen Seite des Flussufers – entstünden ein Wohnhof und eine Kita. Das Amt für Stadtgrün und Gewässer sieht Vorteile in einer Flussverlegung, die darüber hinausgehen, dass die Anforderungen der Feuerwehr erfüllt sind. Der »etwa zehn Meter breite Flusslauf ist beidseitig flankiert von baumbestandenen Grünstreifen mit Radfußwegen bzw. Böschungen und wird entlang des Goerdelerrings stadtbildprägend. Sowohl der Fleischerplatz als auch der Pleißemühlgraben werden somit wieder in das Bewusstsein der Leipziger Bevölkerung zurückgeholt, neu erlebbar und nutzbar gestaltet.«

Neue Ufer kritisiert außerdem die mangelnde Einbindung der Öffentlichkeit. Das stößt auf Widerspruch in der Stadtverwaltung. Das Amt für Stadtgrün und Gewässer erklärt, schon 2012 sei die Offenlegung dieses Abschnitts geplant worden, und zwar zusammen mit Anliegern und Vereinen. Und das Stadtplanungsamt ergänzt, dass der neue Lauf des Pleißemühlgrabens sowohl Teil des 2013 beschlossenen städtischen Landschaftsplans als auch des seit 2015 wirksamen Flächennutzungsplans ist: »Zu beiden grundlegenden Planwerken erfolgte eine umfassende Beteiligung der Öffentlichkeit über Foren und öffentliche Ausstellungen. Zur Neuführung des Pleißemühlgrabens am Promenadenring sind keine Anregungen eingegangen.«

Mehr zum Verlauf des Pleißemühlgrabens und die Möglichkeit, detailliert Wünsche anzugeben: http://www.pleissemuehlgraben.de/
Im Februar gibt es dann eine Abstimmung.

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