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Die Sportkolumne zu bewegten Körpern und dem ganzen Drumherum

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Politik raus oder rein in die Stadien? Die einen Fußballvereine wollen nicht, dass ihre Mitglieder die AfD wählen, die anderen wollen gar keine Politik – treffen sich aber mit dem österreichischen Bundeskanzler. Die Sportkolumne zu Nazis, AfD und Fußball.

An die letzte Sportkolumne von September kann nahtlos angeschlossen werden. Dort standen die Auswirkungen des Regionalligaspiels zwischen dem SV Babelsberg 03 und dem FC Energie Cottbus im Mittelpunkt. Das war zum einen der Kurzsichtigkeit des Sportgerichts des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) geschuldet, das einige Monate brauchte, um eindeutig rassistische und antisemitische Äußerungen und Gesten der Cottbuser Anhänger im Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadion auch als das zu deuten, was sie waren. Im Gegenzug akzeptierten die Babelsberger das Urteil nicht, weil darin die Äußerung eines Babelsberger Fans »Nazischweine raus« so geschrieben war, als wäre sie keine Reaktion auf die Cottbuser gewesen.

#nazisrausausdenstadien

Warum die Passage noch im Urteil zu finden ist, obwohl sie angeblich keinen Einfluss auf das Strafmaß besitzt: Ganz einfach – erklärte der Vorsitzende des NOFV-Sportgerichts Stephan Oberholz im Deutschlandfunk: »Teilweise machen wir das copy and paste.«

Der Verband und Babelsberg 03 wollen sich nun Anfang März treffen, um »die Möglichkeit der Vorbereitung einer lösungsorientierten Gesprächsführung« zu finden. Babelsberg hat bereits die Kampagne »Nazis raus aus den Stadien!« begonnen.

Mut vs. Ignoranz

Andernorts positionierte sich ein Vereinspräsident ebenfalls sehr klar: Peter Fischer, der wiedergewählte Präsident von Eintracht Frankfurt, erklärte es als einen Widerspruch, Eintracht-Mitglied und AfD-Wähler zu sein. »Bei uns kann niemand Mitglied sein, der diese Partei wählt, in der es rassistische und menschenverachtende Tendenzen gibt.«

Bei einer Sendung im Bezahlfernsehen traf Fischer auf RB-Sportdirektor Ralf Rangnick. Letzterer fand die Aussage »mutig und ehrenwert«. Nachgefragt beim Trainer Ralph Hasenhüttl auf der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel gegen Eintracht Frankfurt, was er von Fischers Position halte, verfinsterte sich schlagartig seine Miene und eine sehr steile Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen. Im Gegensatz zu Rangnick positionierte sich Hasenhüttl nicht, sondern antwortete sehr kurz angebunden, dass er dies nicht wahrnahm.

Wegen des RB-Manifests, dass Politik im Stadion nichts zu suchen habe? Aber warum traf sich Hasenhüttl dann vor einigen Wochen mit dem neu gewählten österreichischen Bundeskanzler? Über ihn urteilte der Trainer sehr eindeutig: Sebastian Kurz (ÖVP) sei »eine sehr große Persönlichkeit«: »Ich bin stolz, dass wir in Österreich so einen Bundeskanzler haben.« (Dass Kurz ebenso die Sympathien vom Red Bull-Eigentümer Dieter Mateschitz besitzt, soll hier nur am Rande bemerkt werden.)

Die Rasenballisten – der »Leipziger Kurvenverein« und laut Selbstdefinition die Heimstätte »für Fußballfanatiker, die ihren Verein nicht konsumieren, sondern leben« und dabei keine Zwangsidentifizierung »mit dem Produkt« wollen – bemerken auf kreuzer-Anfrage zur Ignoranz vom RB-Coach: »Ärgerlich ist es natürlich, dass Hasenhüttl nicht die Gelegenheit genutzt hat, um sich klar gegen die AfD auszusprechen.« Die Rasenballisten vermuten dahinter das Leben in der »Blase Profi-Fußball«.

Aber auch die besitzt einige Öffnungen – wie der Präsident Hubertus Hess-Grunewald von Werder Bremen zeigt: »Unser Ziel ist es, klare Kante gegen Nazis zu zeigen, gerade weil wir in einer Zeit leben, in der die Trennschärfe zwischen rechtsradikalen Parolen und bürgerlich-konservativem Gedankengut immer mehr verschwimmt. Massenwirksame Bühnen wie die Fußballstadien unseres Landes dürfen nicht von Nazis missbraucht werden«.

Und so schließt sich auch der Kreis zum Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadion, denn Werder Bremen solidarisierte sich mit dem Verein und bot ein Freundschaftsspiel an. Auch andere Vereine sind an Benefizspielen interessiert – etwa der BVB, der FC Köln und der VfB Stuttgart.

Soliwelle

Wie Babelsberg 03 auf seiner Homepage bekannt gibt, wird es perspektivisch »weiterhin größere Ausgaben für Verfahrens-, Prozess- und Anwaltskosten« geben. Dafür verkaufen sie weiter die Stoffbeutel und T-Shirts mit der Aufschrift »Nazis raus aus den Stadien!«, sammeln Spenden und stellen Soli-Mitgliedschaften für mindestens zwölf Monate zur Verfügung. Bisher fanden sich so 230 Soli-Neumitglieder. Außerdem sollen Vereine und Initiativen, die sich vor allem im ostdeutschen Hinterland gegen Nazis organisieren, finanziell unterstützt werden.

Auch die Rasenballisten zeigten Banner zur Unterstützung von Babelsberg, zum Beispiel beim Spiel gegen Köln Anfang Oktober: »Gegen Nazis und Verbände, die sie decken – Yalla SVB«. Andere RB-Fans waren davon gar nicht angetan. Sie kommentierten diese Aktion mit den Worten: »Geht nach Hause mit euren Parolen. Das hat nichts in unserem Block zu suchen. Nur der RBL«. Einfach, gemütlich und sehr weltfremd ist diese Nichthaltung, über die sich nicht nur Mateschitz freuen wird. Trotzdem planen die Rasenballisten weitere Aktionen – auch bei Heimspielen, um eine »klare Position zu beziehen«. Das kann man den anderen nur wünschen.

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