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»Den Profit steckt der Boss ein«

Tinet Erganzina von der Gewerkschaft FAU über den Arbeitskampf im Gastro-Gewerbe

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Eigentlich war die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) – eine renitente anarchosyndikalistische Mini-Gewerkschaft – schon tot geglaubt. Nicht einmal der Verfassungsschutz erwähnte sie noch. Doch allmählich wächst sie wieder, zusammen mit dem Heer digitaler Tagelöhner der so genannten Gig Economy und anderen prekär Beschäftigten und Freiberuflern. Am Samstag will die Leipziger Regionalgruppe der FAU ihre erste öffentliche Aktion starten. Was die Leipziger Arbeitswelt sonst noch zu fürchten hat, haben wir die Aktivistin Tinet Erganzina gefragt.

kreuzer: Ihr macht eure erste Kundgebung als Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union am Samstag in Leipzig. Was wird da passieren?

TINET ERGANZINA: Ja, es ist eine Soli-Aktion für jemanden aus der Gastronomie, der um einen Großteil seines Lohns betrogen wurde. 4 Euro pro Stunde hat man ihm in einem Restaurant in der Leipziger Innenstadt in der Ratsfreischulstraße versprochen – also weniger als die Hälfte des Mindestlohns. Von diesem Hungerlohn hat er dann nur 200 Euro bekommen für 20 Tage Arbeit. Als er den Lohn eingefordert hat, wurde er noch beleidigt und geschlagen. Wir treffen uns am Samstag um 17.45 Uhr an der Thomaskirche, um gemeinsam zu dem Restaurant zu gehen. Ein typischer Fall: Der Mitarbeiter kommt aus Griechenland. Häufig suchen Gastro-Betriebe gezielt ausländische Arbeitskräfte, auch in der Hoffnung, dass die wenig Ahnung haben vom deutschen Arbeitsrecht, nicht vernetzt sind und so weiter. Genau die werden systematisch abgezockt.

kreuzer: Das klingt nach einem Fall für die Justiz, nach Verstößen, die vor Gericht und nicht auf der Straße verhandelt werden müssen. Warum besorgt ihr nicht einfach einen Anwalt?

ERGANZINA: Ein Verfahren würde sehr lange dauern und ein Anwalt kostet Geld. Das haben Menschen schlichtweg nicht, die in derart prekären Arbeitsverhältnissen sind. Außerdem meinen wir, dass man auch mit öffentlichem Druck was bewegen kann. In Dresden zum Beispiel haben 2014 Mitglieder der FAU eine Kneipe bestreikt, nachdem drei Kolleginnen und Kollegen gekündigt wurde, die sich für eine Lohnerhöhung eingesetzt hatten. Es gab Streikposten vor der Kneipe und so weiter. Letztlich konnten so zwei Kündigungen gekippt werden und die Inhaberin musste öffentlich falsche Anschuldigungen gegenüber den Mitarbeitern zurücknehmen.

kreuzer: Die FAU hat sich in Leipzig erst neu gegründet. Was sind eure Ziele, die euch von klassischen Gewerkschaften unterscheiden?

ERGANZINA: Langfristig wollen wir, dass die Mitarbeiter die Betriebe übernehmen. Mittel- und kurzfristig wollen wir eine Möglichkeit bieten, dass Menschen sich organisieren, die nicht in klassischen Gewerkschaften sind, weil sie in sehr kleinen Betrieben arbeiten und in sehr prekären Beschäftigungen stehen. Wir sind basisdemokratisch und entscheiden alle zusammen. Wir haben keine Funktionäre und Sekretäre, wir sind Leute, die sich gegenseitig helfen – auch Nichtmitgliedern. Wir sind kleiner, wir können schneller und wollen unkonventioneller reagieren.

kreuzer: Seid ihr gezielt in der Gastronomie unterwegs?

ERGANZINA: Wir sind da aktiv, wo wir Mitglieder haben, einige arbeiten eben auch in der Gastro. Wir füllen da eine Nische. Außerdem gibt es sehr viele Probleme in Kneipen und Restaurants. Der Lohn ist sehr schlecht, oft im Bereich Mindestlohn oder sogar darunter, die Arbeitsbedingungen sind mies. Mitarbeiter werden gezwungen, ein Gewerbe anzumelden, also scheinselbständig zu sein und müssen dann Krankenversicherung und so weiter auch noch komplett selbst bezahlen. Vom geringen Einkommen bleibt dann fast nichts übrig.

kreuzer: Und mein Bier? Wird das umso teurer, je stärker die FAU in der Kneipenbelegschaft vertreten ist?

ERGANZINA: Nein, das wollen wir natürlich auch nicht. Die Erhöhung der Löhne kann ja auch von den Profiten der Bosse abgezogen werden und muss nicht aufs Bier draufgeschlagen werden. Der Kneipier will ja Profit machen und versucht bei Ausgaben zu sparen, sehr gerne beim Personal.

kreuzer: Aber selbst für den Gastwirt läuft es ja nicht immer so toll. Wir haben kürzlich über das Hotel Seeblick berichtet. Eine Kneipe, die man immer für eine Goldgrube gehalten hat, die aber trotzdem in die Pleite gerutscht ist. Kümmert ihr euch auch um gescheiterte Kneipiers?

ERGANZINA: Nein, würden wir nicht, weil es ein klares Klassenverhältnis gibt. Wenn es schlecht läuft, wird kein Lohn gezahlt, die Mitarbeiter sitzen auf der Straße. Wenn es gut läuft haben die Mitarbeiter auch nichts davon, den Profit streicht der Boss ein. Wir stehen im Kontakt mit den Kollegen und Kolleginnen vom Seeblick. Konkretes zu Aktionsmöglichkeiten kann ich jetzt nicht sagen. Grundsätzlich aber lohnt es immer, sich über seine Rechte auf der Arbeit schlau zu machen und sich mit seinen Kolleginnen zu organisieren.

Soli-Aktion: 2.6., 17.45 Uhr, Treffpunkt Thomaskirche

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