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Ein wenig Erinnerung

In der Elsterstraße weist eine Gedenktafel auf das Schicksal eines jüdischen Sportklubs hin – nicht ganz faktentreu

Die Anlage des Sportclubs in den 30er Jahren. Größeres Bild

Ein dynamisch wirkender Mann springt in die Luft und versucht einen Fußball zu spielen. Er trägt Sportkleidung und auf seinem Obertrikot ist das Emblem des jüdischen Sportklubs Bar Kochba Leipzig zu sehen. Darunter befindet sich eine Tafel, die folgende Auskunft gibt:

»An diesem Ort unterhielt der jüdische Sportverein Bar Kochba sein Jugendhaus und seine Geschäftsstelle. In der Pogromnacht wurde das Haus von Gestapo verwüstet. Unter der NS-Diktatur löste sich der Verein unter Zwang 1939 auf. Viele Vereinsmitglieder wurden verhaftet, mussten fliehen, verloren ihre Heimat oder wurden ermordet.«

Michael Fischer-Art gestaltete die Tafel, die das Erich-Zeigner-Haus und der Stadtverband des DGB vor der Elsterstraße 7 initiierten. Spuren jüdischen Lebens aus der Zeit von 1933 bis 1945 finden sich zwischen den DDR-Experimentalplatten des Kolonnadenviertels und den Altneubauten einer Wohnungsgenossenschaft nicht mehr viele. Erst seit 1933 wird im Leipziger Adressbuch ein Haus mit der Nummer 7 im Besitz des Rechtsanwalts Weigelt geführt. Hier waren das Jüdische Handwerkerheim, das Jüdische Jugendheim, der Jüdische Pfadfinderbund, der Jüdische Jugendbund »Franz Rosenzweig«, der Sportklub Bar Kochba und die Besta Elektrizitäts Gesellschaft Pook & Botteler beheimatet. Als die Straße 1939 nach Ludendorff umbenannt wird, ist nur noch das Jugendheim und die Elektrizitäts Gesellschaft im Haus gelistet, später anstelle des Jugendheimes das Heeresbauamt Leipzig.

Die Erinnerungsstele in der Elsterstraße.

Foto: Britt Schlehahn

So wichtig eine lebendige Erinnerungskultur in der Stadt ist, die Gedenkstele zeigt viele blinde Stellen auf, verzerrt die Geschichte und ignoriert, was in der Stadt über den Sportverein in den letzten Jahren sichtbar wurde. Man kann den Künstler dafür kritisieren, dass er das Emblem an die rechte Stelle des Trikots setzt. Eigentlich befinden sich die Logos in Herznähe – links. Das ist auch auf den wenigen noch existierenden Mannschaftsfotos zu sehen. Der Fußballer auf der Tafel wiederum suggeriert, dass es sich bei Bar Kochba um einen männlichen Fußballverein handelt, auch das entspricht nicht den historischen Fakten.

Jüdischer Sport in Leipzig
1919 gründete sich Bar Kochba als jüdischer Sportverein. Drei Jahre später eröffnete der Sportplatz im Leipziger Norden an der Delitzscher Straße, den der Architekt Wilhelm Haller geplant hatte. Auf der Entwurfszeichnung sind ein Fußballfeld mit Laufbahn darum  sowie ein Handballfeld nebenan zu sehen. Der Verein unterhielt mehrere Sportsparten: Boxen, Hand- und Fußball, Leichtathletik, Schach, Tanzen, Tischtennis, Tennis, Wandern, Wassersport.

Anlässlich des 15. Jahrestages der Gründung waren 1934 im Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig die Beweggründe für einen neuen Verein nachzulesen: »Wir hatten die Bedeutung des Sportes für unsere Jugend begriffen, insbesondere für uns Juden, die wir in der Großstadt zusammengeballt, von manueller Arbeit losgelöst und noch mit dem Erbe eines jahrhundertelangen Ghetto-Lebens belastet waren, in dem jeder Sinn für Kraft und Schönheit verlorengegangen war. Wir hatten gesehen, dass man uns gegenüber, die wir körperlich trainiert waren, kein Aufhebens machte; rückte aber einmal ein Jude ein, der schwach und ungeschickt war, so war es eben ›der Jude‹. Mit dieser Bewertung der Juden wollten wir wenigstens auf dem Gebiete des Sportes Schluss machen.«

Die schnelle Entwicklung der Mitgliederzahlen gab ihnen Recht. 1930 gründete sich zudem ein jüdischer Arbeiter Turn- und Sportverein, der ebenfalls über mehrere Sparten verfügte. Im Schulmuseum findet sich in der Dauerausstellung  eine Fotografie von Schülerinnen der Carlebach-Schule bei Übungen auf dem Bar Kochba-Platz. Wer im Fundus des Sportmuseums nach historischen Objekten von Bar Kochba sucht, dem fallen die Schwarz-Weiß Fotografien von Mädchen und jungen Frauen auf. Ein Mannschaftsfoto zeigt junge Frauen mit einem Hand- und einem Fußball. Es legt nah, dass die weibliche Handballmannschaft auch Fußball spielte, bevor der DFB Frauenfußball 1936 verbot.

Kein Sport für Juden
Die Machtübernahme führte dazu, dass im Mai 1933 die Schachabteilung, die immerhin den Sächsischen Schachmeister stellte, aus dem Leipziger und dem Deutschen Schachverband ausgeschlossen wurde. Der Einspruch von Vereinsseite hatte keinen Erfolg. Im Juni 1933 organisierte der Verein ein Sportfest, um – wie im Gemeindeblatt nachzulesen ist – »allen uns bisher fernstehenden Turnern und Sportlern beiderlei Geschlechts eine Heimstätte bei uns zu bieten.« Bereits wenige Monate später startete der Verein einen Spendenaufruf, um den einzigen Sportplatz zu erhalten.

Die Bedeutung des Platzes erhöhte sich nicht nur durch den Ausschluss aus allen nichtjüdischen Sportvereinen, sondern durch die repressive Politik der Stadtverwaltung, die früher als in anderen Städten den Besuch von Grün-, Schwimm- und anderen Sportanlagen verbot. Das führte dazu, dass 1935 fünf Tennisplätze auf dem Gelände eröffnet wurden.

Im Stadtgeschichtlichen Museum sind in der aktuellen Sonderausstellung »In Bewegung« die Formulare für den letzten internationalen Wettkampf im Sommer 1937 zu sehen. Ende Juni organisierte Bar Kochba ein Sportfest mit Hand- und Fußballspielen, Leichtathletikwettkämpfen und Gruppengymnastik. Das Handballspiel bestritten Bar Kochba und Makkabi Petach-Tikwah. Ein Jahr später wurde der Verein zwangsaufgelöst. Seit 1940 ist im Adressbuch die Stadt Leipzig als Eigentümer des Sportplatzes genannt. Nach 1945 nutzte eine Betriebssportgemeinschaft den Platz.

Die Erinnerung
Am 10. November 2013 fand der Anstoß der Erinnerung an das letzte sich befindliche Fußballtor auf dem ehemaligen Bar Kochba-Platz zwischen Delitzscher Straße und Dübener Landstraße statt. Zum damaligen Zeitpunkt waren noch die Sichtmauer, Fahnenmaste, die Eingangstreppe und der historische Baumbestand vorhanden. Davon sieht man heute nichts mehr. Im Februar 2016 wurde der Platz beräumt. Die neuen Bauherrn schafften Tatsachen. Die Bäume wurden gefällt und die Mauer aus Naturstein, die mit einem unscheinbaren Judenstern die Zeiten bisher überstanden hatte, wurde entsorgt. Das Gelände war vom Landesamt für Denkmalpflege nicht als Kulturdenkmal erfasst. Auf kreuzer-Anfrage gab die Stadt 2016 bekannt, dass sie »ein großes Interesse besitzt, um die Erinnerung wachzuhalten. Prinzipiell kann sich die Stadt an einer noch zu findenden Form des Gedenkens auch finanziell beteiligen.«

Die Mauer aus Natursteinen mit dem Judenstern war laut Stadt nicht mehr zu bergen, da sie bereits im März 2016 entsorgt war, teilte die Stadt auf Anfrage von Christopher Zenker (SPD) im April diesen Jahres mit. Laut Kulturamt soll der Sportplatz als Station in die Leipziger Sportroute aufgenommen werden. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk von über zwanzig Orten in und um Leipzig, die Einfluss auf die Entwicklung des Sports genommen haben. Als Einweihung wird der 100. Jahrestag der Platzweihe am 29. Oktober 2022 vorgeschlagen. Positiv pragmatisch gedacht – bleibt da noch etwas Zeit, um die Geschichte genau zu studieren.

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