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Mit Kanonen gegen Wasserbomben

Die Leipziger Polizei sucht in Mannschaftsstärke bei einem Chemie-Fan nach Luftballons

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Es mutete an wie ein Großeinsatz, als die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss die Wohnung eines Connewitzers durchsuchte. Der Vorwurf gegen ihn: Er soll dabei gewesen sein, als Wasserbomben auf Deutschlandfans geworfen wurden.

Polizeiautos und Mannschaftswagen reihen sich um kurz nach sieben Uhr entlang der Brandstraße auf. Eine Anwohnerin wird sich später beschweren, Beamte hätten sich unter falschem Vorwand (»Post«) Zugang zu einem der Gebäude verschafft. Kriminalpolizei, Stadtordnungsdienst und mindestens eine Gruppe der Bereitschaftspolizei sind in einem Einsatz, den mehrere Nachbarn im Leipziger Süden als »massives Aufgebot« oder »Großeinsatz« schildern werden.

Zum exakten Umfang des Einsatzes vermag der Leipziger Polizeisprecher Andreas Loepki mit dem Verweis auf fehlende Dokumentation der Bereitschaftspolizei keine Angaben zu machen, rechnet aber vor, man rede diesbezüglich von »maximal zehn Bereitschaftspolizisten und zwei Fahrzeugen« – zusätzlich zu Kriminalpolizei und Ordnungsdienst –, die an diesem Morgen eine Hausdurchsuchung durchführten bzw. absichern sollten.

Polizei war auf der Suche nach »Verpackungsmaterial von Wasserbomben«

Auf der Suche waren die Beamten, laut dem kreuzer vorliegenden Beschluss, unter anderem nach »Wasserbomben«, »Verpackungsmaterial von Wasserbomben« und »Kaufbelegen bzw. Unterlagen zum Kauf bzw. zur Bestellung von Wasserbomben«. Auch Computer, elektronische Speichermedien und Handys sollten sichergestellt werden, da »Bestellungen heutzutage oft über das Internet durchgeführt« werden und man sich daher entsprechende Hinweise auf den Datenträgern erhoffe. Auch wenn dies im gesamten Schreiben keineswegs eindeutig ausgeführt wird, zielte der Einsatz wohl tatsächlich nicht auf die gleichnamigen Kampfmittel, die meist gegen U-Boote eingesetzt werden, sondern auf die umgangssprachliche Bezeichnung für handelsübliche Luftballons.

Denn Hintergrund des Einsatzes ist ein Vorfall am Abend des 17. Juni, bei dem während eines WM-Vorrundenspiels der deutschen Nationalmannschaft eine Gruppe von Fußballfans im Gemeinschaftsraum des »Luxus-Studentenwohnheims« Staytoo mit Wasserballons und rohen Eiern beworfen wurde und Sätze wie »Deutschland ist scheiße« oder »Ihr verdammten Yuppies« gefallen sein sollen. »Zudem spritzte einer der Mittäter Bier aus einer Bierflasche in Richtung der Zeugen«, heißt es in der offiziellen Schilderung des Tathergangs. Eine Bewohnerin des Wohnheims wurde tatsächlich von einem der Wasserballons getroffen und »erlitt kurzzeitig Schmerzen«. Daraus ergibt sich für die ermittelnden Behörden der Tatvorwurf »gefährliche Körperverletzung in Tateinheit mit Hausfriedensbruch und tätlicher Beleidigung«.

Ungeachtet der Personalnot – Polizeisprecher verweist auf »eigenständige Kräfteplanung«

Aufkommenden Zweifel, ob ein solcher Hintergrund tatsächlich einen Einsatz dieser Größe rechtfertigt, entgegnet Polizeisprecher Loepki, »dass sich die Polizeidirektion Leipzig erlaubt, anstehende Maßnahmen mit einer Prognose und einer eigenständigen Kräfteplanung zu unterlegen« und verweist auf Aspekte der Eigensicherung, die Videodokumentation des Einsatzes und die Vorüberlegung, die Wohnung notfalls gewaltsam öffnen zu müssen, um eine mögliche Vernichtung von Beweismitteln zu verhindern.

Für das prognostizierte Gefährdungspotenzial und die Strafbarkeit sei es auch unerheblich, dass dem Beschuldigten bisher lediglich vorgeworfen wird, Wasserbomben an andere Personen gereicht zu haben. »Er ist damit gemäß § 25 StGB ein Mittäter.« Nachdem Sachsens GdP-Vorsitzender Hagen Husgen letztes Jahr noch moniert hatte, dass aufgrund massiver Personalnot bei der Polizei »über 70.000 Straftaten im Freistaat Sachsen« unbearbeitet blieben, wird nun zumindest in diesem Fall anscheinend nicht an eingesetztem Personal gespart.

Chemie-Anhänger vermutet »Strukturermittlung« – Polizei dementiert nicht

Dass die Ermittlungsbehörden tatsächlich davon ausgehen, auf den sichergestellten Geräten Hinweise auf den Kauf von Luftballons oder eine generalstabsmäßige Anschlagsplanung zu finden, ist für den Beschuldigten nur schwer zu glauben. Er verweist auf seine Zugehörigkeit zur aktiven Fanszene von Chemie Leipzig, die in den letzten Jahren in den Fokus der Behörden gerückt ist. Erst kürzlich wurde in diesem Zusammenhang erneut eine umfassende Telefonüberwachung zahlreicher Fans bekannt.  Sein Interesse für die BSG Chemie Leipzig sei auch während der Durchsuchung von eingesetzten Polizisten thematisiert worden. Neben Handy und Computer wurden bei dem Einsatz auch mehrere politische Zeitschriften sichergestellt, angeblich um eine Personenstrukturanalyse zu erstellen. Wasserbomben, also kleine Luftballons, wurden dagegen nicht gefunden.

Mit dem Vorwurf einer politischen Dimension der Ermittlungen konfrontiert, lässt Polizeisprecher Loepki in seiner Antwort deutlichen Spielraum offen: »Woraus Sie oder der Beschuldigte aus Beschuldigung und Durchsuchung auf Strukturermittlungen schließen, darf Ihr Geheimnis bleiben und es sei die Gegenfrage gestattet, ob solches bei Verdachtsmomenten eigentlich generell verboten wäre. Dies wäre mir dann nämlich neu.« Auch auf eine erneute Nachfrage war statt eines eindeutigen Dementis nur zu erfahren, er werde sich hüten, »bejahende/verneinende Auskünfte bezüglich eventueller Strukturermittlungen« gegen den Beschuldigten zu geben.

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