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Die sprechende Stadt

Der Audiowalk des Studio Urbanistan lässt den diffusen Charakter der Stadt erlebbar werden

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Wie klingt die Stadt? In einem performativen Audiowalk fragt die Gruppe Studio Urbanistan spazierend, welche Regeln die Architekturen uns aufdrängen und führt anschaulich vor Augen, wie die Stadt nicht nur ihr Gesicht, sondern auch den Charakter wandelt.

Der öffentliche Raum gehört allen. So schlicht die Aussage, umso schwieriger fällt es einigen Menschen dies auch zu akzeptieren. Oftmals sieht sich eine gesellschaftliche Gruppe in der Rolle des Bestimmers und meint, der Stadtgesellschaft an sich damit einen großen Gefallen zu tun. Leipzig ist reich an solchen Missverständnissen. Meistens geht es darum, dass sich die Stadt schön historisch den Gästen darbietet und der Rest möge verschwinden oder soll mittels unterschiedlicher Strategien zum Gehen veranlasst werden.

Ein performativer Audiowalk vom Studio Urbanistan führt nun zu vielen Orten, die sich in den letzten Jahren wandelten, um entweder hübsch ohne Mehrwert für die Allgemeinheit zu existieren oder zu Instrumenten – wie Stadtmöbilierungen, die die Disziplinierung und Kontrolle immer diffuser erlebbar werden lassen. Am Mittwochnachmittag feierte der Audiowalk Premiere.

Studio Urbanistan sind Julia Lehmann und Clara Minckwitz, die mit einer Reihe von performativen Arbeiten im öffentlichen Raum verschiedenen Fragen nachgehen: Wer hält sich wie im Stadtzentrum auf? Wie erfährt man den Stadtraum? Verändert er sich? Und wenn ja, warum und mit welchen Auswirkungen? Die Idee für den Audiowalk entstand, als die Pläne zum Umbau des westlichen Hauptbahnhofsgeländes in die Öffentlichkeit gelangten – und damit auch der Abriss, der bisher von Obdachlosen genutzten Baracken.  Seit August recherchierten sie intensiv zum Thema.

Die Tour beginnt im Museum der bildenden Künste. Anderthalb Stunden wird man von dort aus durch die Innenstadt geführt, oft sehr weit weg von den allseits bekannten touristischen Hot Spots. Während des Gehens hört man viele Gäste, die ihre Sicht auf die Stadt vorstellen – etwa Obdachlose, Passanten, Kippe-Verkäufer, Streetworker, Kriminologen oder Stadtplaner. Während man an einzelnen Orten verweilt, schaut man ganz anders auf die Umgebung und fragt sich, was ist hier eigentlich inszeniert?

Dabei könnte vor allem die Stadtverwaltung eine Antwort auf diese Frage geben, schließlich ist sie bestens ausgestattet, um den Wandel des öffentlichen Raums im Blick zu behalten: Leipzig erlaubte als erste Kommune die Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Im April 1996 begann ein vierwöchiger Testlauf in der Richard-Wagner-Straße. Es folgten der Rossplatz und seit 2003 das Connewitzer Kreuz. Eine wissenschaftliche Begleitung, die Daten erhebt und auch aufzeigen könnte, ob und wie sich die Orte veränderten, sucht man allerdings vergebens.

Doch die wachsende Überwachung im Innenstadtbereich ist nur einer von zahlreichen Aspekten, die der Rundgang offenlegt. Die Tour zeigt auch, wie sich die Stadt selbst verändert; nicht immer zum Guten. Die sitzunfreundlichen Bänke auf Freiflächen stellen nur eine Variante dar. Wenn vom Audiokommentar zwecks Orientierung die Normaluhr in der Grimmaischen Straße genannt wird, diese aber nicht mehr zu finden ist, fällt die Schnelllebigkeit der Stadt besonders auf. An ihrer Stelle findet sich nur noch der Sockel, nun von einem Bauzaun gesichert. Stattdessen leuchtet die Uhr der Hauptpost nun wieder. Und auch jenseits der Audiospur kann viel entdeckt werden und die Besucher zeigten sich sehr begeistert. Daher bleibt zu hoffen, dass Studio Urbanistan und seine Mitstreiter eine Wiederholung längst planen.

http://studiourbanistan.de/

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