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Nicht eingeknickt

Der Streik bei der Neue Halberg Guss GmbH schreibt Rekorde: Mit 48 Tagen war er der längste seit der Wende in Sachsen

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Der Osten streikt nicht, der Osten ist froh, wenn er Arbeit hat. So hieß es lange Zeit. Die Belegschaft eines Leipziger Gießerei-Betriebs hat gezeigt: Diese Zeiten sind vorbei

Wer diesen Sommer von Westen aus nach Berlin fuhr oder unterwegs war zum schwedischen Möbelhaus, konnte die Aufsteller am Straßenrand am hinteren Ende der Merseburger Straße nicht übersehen. »Wir streiken!«, stand drauf. Im Dreischichtbetrieb verharrten die Arbeiter und wenige Arbeiterinnen vor der Zufahrt der Neue Halberg Guss GmbH (NHG). Die Gießerei in Leipzig sollte geschlossen werden, am Standort Saarbrücken hatte die Geschäftsführung Ende Mai einen massiven Stellenabbau angekündigt. Gleichzeitig – in Sachsen und im Saarland – traten die Gießer, Putzer, Elektriker, die Mitarbeiterinnen der Verwaltung und das Reinigungspersonal in den Streik. Schon die Ost-West-Interessengemeinschaft ist ein Novum und dieser Streik sollte Rekorde schreiben: Mit 48 Tagen war er der längste seit der Wende in Sachsen. Außerdem, so sagt Bernd Kruppa, Chef der IG-Metall Leipzig, sei er ein notwendiger Beweis der Kampfstärke der Branche gewesen. »Lässt man dem Unternehmen das durchgehen, dann fallen alle Hemmschwellen«, meint der Gewerkschafter. Wer schon länger dabei ist, musste sich schon einiges bieten lassen. Die Stückzahlen hatten sich in den letzten 30 Jahren versechsfacht. Die Gusstechnik steht, abgesehen von kleineren Innovationen, noch genau so da, wie sie japanische Ingenieure in den achtziger Jahren aufgebaut hatten. Damals in der DDR ging man nur fünf Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche los, heute muss im Dreischichtbetrieb eine 38-Stunden-Woche absolviert werden. Harte körperliche Arbeit, erzählt Sven Krumpholz, Arbeiter, Mitte dreißig. »Es ist sehr sehr heiß, immer wieder treten auch gefährliche Gase aus und immer wieder kommt es auch zu schweren Verletzungen.«

Rebellion gegen VW
Im Leipziger Werk werden aus speziellen Metalllegierungen Motorblöcke für LKWs gegossen. Hauptabnehmer ist die Volkswagen AG, die damit die eigene LKW-Sparte Scania und MAN ausstattet. Die Autoindustrie versucht möglichst viele Produktionsschritte auf Zuliefererbetriebe auszulagern, um so zu sparen. Sie umgehen die vergleichsweise guten Löhne, die beispielsweise bei VW gezahlt werden müssen, und setzen die Zulieferer unter Druck, noch billiger zu produzieren. Als das bosnische Familienkonglomerat Hastor über seine Prevent-Gruppe die Neue Halberg Guss aufkaufte, sollte der Spieß umgedreht werden. Prevent nutzte eine temporäre Monopolstellung in dem Segment aus und erhöhte die Preise. VW konnte auf die Schnelle keinen Ersatzproduzenten für die speziellen Legierungen finden, wollte aber auch den höheren Preis nicht zahlen, so dass es im April zu ersten Lieferstopps kam. Ähnliche Methoden wendete Prevent bereits beim Zulieferer ES Automobilguss Guss in Schönheide an, was im Sommer 2016 zu einem Produktionsausfall bei VW führte. VW kündigte schließlich den Vertrag mit der NHG. Zur großen Überraschung der Belegschaft kündigte die NHG-Geschäftsführung daraufhin die Schließung des Leipziger Standorts für 2019 an. Als die Prevent-Gruppe die Gießerei-Betriebe übernommen hatte, seien noch Investitionen in Produktionsanlagen und die Erweiterung des Sortiments versprochen worden, erinnert sich Krumpholz.

Der Streik
Angetreten zum Streik sind die Arbeiter, um für einen Sozialtarifvertrag zu kämpfen. Das Unternehmen sollte Abfindungen und Qualifizierungsmaßnahmen zahlen. Diese Forderungen spielen heute keine Rolle mehr. Nach 48 Tagen Streik waren die Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Betriebsrat auf der einen und Geschäftsführung auf der anderen Seite gescheitert. Die IG Metall bot dem Unternehmen daraufhin die Schlichtung an, die von Unternehmerseite nach wenigen Sitzungen abgebrochen wurde.
Die rund 600 Mitarbeiter waren währenddessen in die Werkshallen zurückgekehrt. Nicht weil man eingeknickt wäre, sagt Krumpholz, sondern »aus taktischen Gründen«. Immer habe die kleine Hoffnung bestanden, dass Prevent hinschmeißt und die Gießerei-Betriebe verkauft. Deshalb sei es wichtig gewesen, auch zu zeigen, dass der Betrieb läuft, wenn die Bedingungen stimmen. Egal wie es ausgeht, die Erfahrungen des Streiks will Krumpholz nicht missen. »Zwischen den Belegschaften aus West- und Ostdeutschland gab es vorher kaum Kontakte, das ist jetzt ganz anders. Die Vertrauensbeziehungen haben sich verfestigt. Es ist viel selbstverständlicher, dass wir uns über Probleme auf der Arbeit austauschen.« Beeindruckend sei auch die Unterstützung von außen gewesen, »das war in Sachsen nicht immer so«, meint Krumpholz. Mitarbeiter anderer IG-Metall-Betriebe aus dem gesamten Bundesgebiet und anderen Branchen, Politikerinnen, außerparlamentarische linke Initiativen, Wissenschaftlerinnen, sogar ganze Schulklassen und ehemalige Leiharbeiter kamen zu Besuch in die Merseburger Straße.

Das Ende
Wie es aussieht, geht die Sache gut aus für die Belegschaft an beiden Standorten und vor allem in Leipzig. Laut dem Leipziger IG-Metall-Chef Kruppa liegt das Kaufangebot eines neuen Investors vor, Prevent müsse nur noch unterschreiben. »Die Kunden sind bereit, weiter Komponenten von der NHG zu beziehen, weil die Qualität stimmt.« Allerdings nicht, solange Prevent die Geschäfte führen würde. Außerdem sind die Landesregierungen des Saarlandes und von Sachsen wohl bereit, mit einem zweistelligen Millionenbetrag zu bürgen. Denn Investitionen in neue Technologien seien notwendig, sagt Kruppa, um beim Umbruch in der Automobilbranche vorne mit dabei zu sein. Ob diese Erneuerung der NHG mit einem neuen Investor gelingen wird, ist offen. Auch was das im Detail für die Belegschaft bedeutet. Denn ein Problem bleibt: Das Zuliefersystem gefährdet aufgrund des Preisdrucks Arbeitsplätze und damit die Lebensverhältnisse der Arbeiter. An diesem strukturellen Problem kann auch ein Eigentümerwechsel nichts ändern.

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