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Should I stay or should I go?

Ist es an der Zeit auszuwandern?

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Leipzig gilt als weltoffene Stadt, in der man sich gegenseitig auf die Schulter klopft, weil man einst Legida in die Schranken gewiesen hat. Doch weniger als ein Jahr vor der Landtagswahl ist die AfD zweitstärkste Partei und will in die Regierung. Wie denken Menschen in Leipzig über Abwanderung?

Was wäre wenn? Kaum jemand kann es sich vorstellen, ausmalen möchte sich das auch niemand. »Aber das kann doch dann nicht einfach so weitergehen!«, sagt Ralf Donis. Er ist in Leipzig geboren, hier groß geworden und als Musiker, DJ, Entertainer zum Lokalmatador des Leipziger Nachtlebens herangewachsen. Donis hat die Vopos der DDR überlebt, auch die Neonazis der neunziger Jahre konnten ihn nicht verjagen – ebensowenig der Leipzig-Hype der jüngsten Zeit. Wenn so einer jetzt im Ilses Erika am Tresen sitzt und laut darüber nachdenkt, im Falle des Falles seine geliebte Stadt zu verlassen, dann ist es ernst.

Gestern lobten sich noch alle gegenseitig im weltoffenen Leipzig, die Studierenden, die Stadtoberhäupter, sogar führende Unternehmen wie BMW waren dabei. Da hat man Legida in die Schranken gewiesen und gezeigt, wem hier die Straße gehört. Jetzt sieht es so aus, als könnte die gesamtsächsische Wählergunst die AfD an die Regierung bringen.
Dann serviert das Ressentiment von Dresden aus und dann könnte es auch in der Komfortzone Leipzig ungemütlich werden, so die Furcht besorgter Bürgerinnen und Bürger an Leipziger Stamm- und Küchentischen. Man stelle sich nur vor, die Kulturförderung würde nach dem Gusto der AfD verteilt, in den Schulen würde gelehrt, was die AfD denkt, Personalentscheidungen in Museen, Universitäten und Theatern würden in AfD-Ministerien getroffen und die AfDler sprängen mit der Staatsmacht im Rücken so mit den Menschen um, wie sie jetzt über diese reden.

Für alle, die nach Migration aussehen, ist die Stadt auch heute nicht die Insel der Glückseligen. Egal wie lange sie hier leben, sie fallen auf, werden nicht selten als »Flüchtling« adressiert. Noch vor Merkel und allem, was mit dem Wort Gender zu tun hat, sind die für die Anhänger der Rechtspopulisten bekanntlich das größte Übel der Zeit. Die Studentin Vanessa Fuguero sitzt im Senat der Uni Leipzig und kennt diese Blicke schon ihr ganzes Leben lang. Die Familie ihrer Mutter lebt seit Generationen in Sachsen, ihr Vater kommt aus Mosambik. Deshalb das krause schwarze Haar. »Manchmal wollen Leute meine Haare gerne anfassen, das nervt«, sagt Fuguero, es sei aber eine der netteren Zumutungen, die ihr täglich geboten werden. »Ich habe den Eindruck, dass Rassismus in anderen Städten wie Bremen beispielsweise zumindest besser versteckt wird.« Mehr Macht für die AfD würde noch mehr Legitimation für Rassisten und Rassismus bedeuten, fürchtet sie. Deshalb will sie nach ihrem Studium weg, dahin, wo es einen guten Job in einem guten Arbeitsumfeld gibt.

Ralf Donis weiß noch nicht, wohin. Berlin ist zu voll, blökt jemand an der Bar von der Seite. Sachsen-Anhalt? Verloren! Da fürchtet sich die kulturelle Elite ja schon vor einem Feine-Sahne-Fischfilet-Konzert. Auch bei Thüringen gibt es Bedenken: zu öde. Aber möglicherweise könne man dort Asyl beantragen. Oder wenigstens den Hauptwohnsitz dorthin verlegen, um dem AfD-Regime keine Steuern in den Rachen zu werfen. Oder: Leipzig steigt aus, Leipzig gründet einen Stadtstaat (zusammen mit Halle). Ansonsten Ausland.

Abwanderung ist für den Osten nichts Neues

Vor und nach der Grenzschließung der DDR wollten viele Richtung Westen. Bis heute lockt die westdeutsche Wirtschaft junge und qualifizierte Menschen, größtenteils Frauen. Das zeige sich auch in den Wahlergebnissen, wird in einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung berichtet. In von Abwanderung betroffenen Regionen werde eher rechts gewählt, auch weil Männer eher dazu neigen würden, rechte Parteien zu wählen. Kann das politische Klima also zum Push-Faktor werden, so dass Menschen abwandern, weil ihnen das nicht passt?

Tim Leibert vom Institut für Länderkunde glaubt nicht an einen massenhaften Exodus, falls die AfD ab nächstem Jahr Teil der Landesregierung wird. »Wanderung wird tendenziell vermieden«, sagt er. Denn solange Menschen ans Arbeitsverhältnis gebunden sind und ein funktionierendes soziales Umfeld haben, würden sie eher bleiben. Wahrscheinlicher wäre, dass bestimmte Gruppen die Region meiden, wenn sie können. Menschen mit Migrationshintergrund zum Beispiel. »Wenn es an anderen Orten bessere Netzwerke gibt, ist das natürlich ein Faktor für Abwanderung.« Einer AfD in Regierungsposition sei zuzutrauen, ebendiese Vernetzungen empfindlich zu stören. Das könne sich negativ auf die Verfügbarkeit von Fachkräften auswirken. Kristian Kirpal, Präsident der Industrie- und Handelskammer Leipzig, hält sich mit Prognosen bedeckt. Als überparteiliche Interessenvertretung wünsche man sich aber, »noch stärker das Signal auszusenden: Sachsen ist ein weltoffener Standort«. Ganz im Gegensatz zur AfD.

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2 Kommentare

  1. Felix | 12. Dezember 2018 | um 17:00 Uhr

    Mich würde eher interessieren wie viele wegen zugewanderter Kriminalität auswandern. Um Donis wäre es natürlich schade wenn er weggeht. Aber Problem ist nicht die AFD. Sie ist nur Folge der schlechten Politik die von Berlin aus gemacht wird. Lest mal das Interview mit Hillary Clinton im Guardian. Selbst sie meint, dass Europa die Einwanderung drosseln sollte.

  2. Yvonne | 13. Dezember 2018 | um 21:11 Uhr

    Gratulation zu diesem Artikel. Ihr solltet allerdings noch einen Schritt weitergehen. Bietet doch ein Servicetelefon oder gar eine Servicestelle an, wo sich besorgte Menschen über Ausreisemöglichkeiten aus der Stadt informieren können. Sprecht mit der Stadtverwaltung oder besser gleich mit der Bundesregierung über finanzielle Ausreisepakte für Fluchtwillige, da geht bestimmt etwas. Ich freue mich auf eine Stadt ohne besorgte Menschen und somit ein Mehr an gesundem Menschenverstand.
    Danke!!