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Cunst und Crempel

Comics über viel Fleisch, Grusel und andere Beängstigungen

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»Warum liegt hier eigentlich Haar?“ – Als sich Jana und Tim diese Frage stellen, ist es bereits zu spät. Da haben sich die beiden Eindringlinge schon zu tief ins dunkle Geheimnis des Leipziger Gemäuers vorgewagt, hat sie der Spuk im Hochhaus gepackt. Eigentlich suchten die zwei jungen Menschen Schutz vor Straßenkrawallen. Jetzt wären fliegende Steine und Fäuste ihr geringstes Problem, als sie zum »Fleisch der Vielen«, zum Teil des Gebäudes werden.

Der Schauplatz von Kai Meyers Comic-Gruselgeschichte könnte zentraler in Leipzig nicht sein. Wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt türmt sich der düstere Koloss auf, der einmal der Gastlichkeit diente. Heute sieht die Hülle des ehemaligen Grandhotel Astoria unwirtlich aus. Vermauert und verrammelt sind die Eingänge. Wo in 350 Zimmern Gäste ihr Bett fanden, dinierten und verweilten, herrscht Leere. Tot und wüst steht der Bau wie ein Fremdkörper im Stadtraum. Im ansonsten durchrenovierten Areal wirkt der Klotz wie ein Fremdling.

Auf neues, aber untotes Leben stoßen die beiden Protagonisten Jana und Tim im Comic. Kai Meyer hat eine gleichnamige Kurzgeschichte für die Gothic-Band ASP geschrieben, welche diese zur Grundlage eines Konzeptalbums machte. Die monströse Astoria-Ruine kennt er aus eigener Anschauung. Als Meyer früher in Halle gearbeitet hat, fuhr er öfter nach Leipzig – und war fasziniert vom in der Zeit festgefrorenen Geisterschiff. Der Grafiker Jurek Malottke hat die Story schließlich in eine Bildgeschichte verwandelt. Die ästhetische Umsetzung ist beeindruckend, bedenkt man, dass es Malottkes erster Comic ist. Er hat einen eigenwilligen Stil gefunden, Gesichter mal mit wenigen Strichen anzudeuten, mal trotz übervollem Gekrakel abstrakt zu bleiben. Natürlich ist der Comic in erster Linie klaustrophobisch, fliegt das Leserauge durch ein Gewirr dunkler Gänge. Gegen das Dunkle tauchen immer wieder helle Komplementärfarben auf, wenn Licht aufscheint und durch kaputte Fenster hineinlugt, oder Flammen aufflackern.

Bestechend ist der Abwechslungsreichtum der grafischen Erzählmittel. Da sind einige Seiten in klassischer Bildrahmenaufteilung gestaltet. Auf anderen Seiten schieben sich die Bildpanele ineinander, teilen eine Szene in Momentaufnahmen auf oder puzzeln sich als Totalaufnahme zusammen. Einige lassen wie schiefe Ebenen die Handlung auch optisch Tempo aufnehmen. Einmal schwirren Details wie lose Gedanken um den Kopf der Protagonistin. Dann zerspringt die letzte Seite wie ein Zerrspiegel, der Horror nimmt für Jana und Tim ein Ende, als überall nur noch Haare herumliegen.

Entfesselter Bildersturm

»Ich werde dich rächen«, wehklagt Xerxes im Angesicht seines sterbenden Vaters – »… mit Flüssen aus Blut.« Es wird anders kommen in »Xerxes«, aber nicht weniger blutig. Einen Hang zu gewalttätigen Darstellungen kann man Comiczeichner Frank Miller schwerlich absprechen. Er interpretierte Batman als Dunkler Ritter. Waffenstarrend ist die »Hard Boiled«-Serie, die Miller schrieb. Graustufen statt ein Schwarz-Weiß aus Gut und Böse beherrschen seine »Sin City«-Reihe, die illustre Bewohner der Sündenstadt porträtiert. Die Filmadaption seines Werks »300« sorgte 2006 für einige Diskussionen: Sie zeigt sehr plastisch und zum Teil an Leni-Reifenstahl-Ästhetik erinnernd, wie 300 Spartaner gegen eine persische Übermacht kämpfen. Deshalb wurde sie als gewaltverherrlichend kritisiert. Außerdem würde der Film Rassismus symbolisch Vorschub leisten, weil weiße, idealisierte Helden anonyme, schwarze Wilde besiegen. Der Film-Schlachtruf »Ahu« jedenfalls, ertönt seitdem in deutschen Stadien. Das Lambda-Symbol der Spartaner wurde durch den Film populär und dient nicht nur der Identitären Bewegung als Erkennungszeichen.

Nun kehrt Frank Miller in die Antike zurück. Um Historik geht es ihm nicht – die Ereignisse dienen bloß als inhaltliche Kulisse für seine Bildmonumente. Miller schildert, wie mit griechischer Raffinesse Perserkönig Dareios nach der Schlacht von Marathon niedergemetzelt wird. Sein Sohn Xerxes will daraufhin nichts mehr von den Griechen wissen – dabei ist er es, der in Wahrheit den Ansturm auf die 300 Spartaner führt. Aber das interessiert Miller nicht mehr. Er lässt Xerxes zur mythischen Gestalt werden, die Gigantisches schafft und schließlich in Alexander dem Großen wieder geboren wird – für neue Heldentaten.

So zusammengestückelt die Erzählung ist, so überzeugend sieht sich das Album ästhetisch an. Frank Miller erzählt keinen actionreichen Comic, sondern eine dramatische Bildergeschichte, in der die Zeichnungen als Wort-Illustrationen dienen. Ganzseitige Bildflächen herrschen vor, Einzelbilder mit mehreren Perspektiven finden sich ineinandergeschoben. Die Gleichzeitigkeit von individuellen Kampfhandlungen gleicht mittelalterlichen Schlachtgemälden. Die Soldaten dürfen aber auch mal kriegsmüde werden. Xerxes und einige andere Figuren stellt Miller wie ein Mosaik dar: Aus Einzelelementen sind die Körper zusammengesetzt, maskenartig sind die Gesichter. Das gibt dem Perserkönig die Anmutung von einer Skulptur oder Statue. Miller erzwingt das Monumentale: Man kann sich davon überwältigen lassen, wenn man entfesselte Bilderstürme liebt.

Gummimonster

»Nur Männer im Gummikostüm vermitteln ein bestimmtes Gefühl.« Da ist sich der Monsterfilmtricktechniker ganz sicher. Das Publikum liebt Godzilla & Co. allein, weil sie von echten Menschen in Latexhüllen gespielt werden. Nur dann wird das Publikum von jenem erhabenen Grusel erfasst, unbeherrschbaren Naturgewalten ausgesetzt zu sein. Im Comic »Das Ritual« berichtet der namenlos bleibende Tricktechniker von seiner Arbeit am Monster. Auf schräge Weise hält der Zeichner und Autor Nicolas Mahler fest, was hinter den japanischen Kultfilmen der Nachkriegszeit steckt und warum sie die Menschen faszinieren.

Lose orientiert sich mit seiner Figur an Eiji Tsuburaya. Das ist jener Mann, der die analogen Spezialeffekte für die »Godzilla«-Filme schuf und damit ein gigantisches Genre erfand. Im schlanken Hardcover-Bändchen schlägt der mehrfache Träger des Max-und-Moritz-Preises einen hoch lakonischen Ton an. An der Seite einer schlurfigen Gestalt läuft der Leser durch Arrangements aus Gummi und Pappmaché, Bühnenbilder aus Miniaturstädten und gebastelten Arenen für die Naturgewalten. Mit verknautschen Gesichtern stehen die Männer in Gummikostümen missmutig in der Gegend herum, während der Spezialeffekt-Spezialist seine Arbeit erläutert. Sie werden wie Statisten, oder besser noch: Kulissenteile, herumgeschoben auf den Plänen des Monstermeisters. Hauptsache Effekt. Wie die immer wieder gleichen Muster der Tricktechnik, ist das Schauen der Kaijū-Filme fürs Publikum eine Art Ritual. Das lebt von der Wiederholung, von der stets erneuerten heimlichen Absprache zwischen Machern und Zuschauern, an die Monster zu glauben.

Finger weg

Tausend Mal berührt? Hier reicht ein einmaliges Touchieren, schon beginnt das Ungeheure. Das Mädchen Gori Lori bringt ihren Schatz mit, als sie im Haus von Bens Eltern einzieht: ein Schrumpelding unter Glasglocke. Ihr Bruder wird vermisst und sie soll in der neuen Umgebung etwas Ruhe finden. Denn alle in der Schule sind überzeugt, dass das seltsame Mädchen im Gothic-Look Schuld am Verschwinden des Jungen ist. Doch birgt sie ein ganz anderes Geheimnis. Bis Ben schließlich dessen wahren Charakter erkennt, ist es fast zu spät.

Hinter den beinahe niedlichen und recht realistischen Zeichnungen von Timo Grubing verbirgt sich eine finstere Geschichte, die mit Augenzwinkern erzählt wird. Der Zeichner mischt Elemente klassischer Horror- und High-School-Filme originell zusammen. Aus den Panelen spricht das Verneigen vor »Hellraiser«, »Halloween« und »Tanz der Teufel«. Natürlich geht das Grauen in einer US-Kleinstadt um. Ein paar ältere Jungen schielen auf Mädchenblusen, schubsen Ben und seinen Freund herum, werden zum Opfer der Hölle. Auf dem obligatorischen Schrottplatz fletscht ein fieser Köter seine Zähne, im Wald hinten dran haust des Rätsels Lösung: Vertrautes entpuppt sich als Entsetzen. Und weil es eine Filmhommage ist, gibt es natürlich ein Making-of. Diese bekannten Steinchen sind frisch kombiniert, sodass ein ansehnliches Mosaik zum Gruseln entstanden ist. Schwungvoll und doch mit feinem Strich halten die Schwarz-Weiß-Bilder die Geschichte fest. Schön überzeichnet sind die Figuren und bekommen so schon optisch sehr eigene Charaktere. Wortwitz und Rasanz der Story machen das Buch zur fliegenden Unterhaltungslektüre. Ein Scary Comic.

> Timo Grubing: Don‘t Touch it!. Zwerchfell: Stuttgart 2018. 156 S., 16 €
> Nicolas Mahler: Das Ritual. Berlin: Reprodukt. 64 S., 14 €
> Frank Miller: Xerxes. Der Niedergang des Hauses Dareios und der Aufstieg Alexanders. Cross Cult, Ludwigsburg 2019, 112 S., 30 €
> Kai Meyer u. Jurek Malottke: Das Fleisch der Vielen. Splitter Verlag, Bielefeld 2018, 96 S., 19,90 €

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