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Abstrakt, lakonisch

Max Baitinger macht nichts lieber als Comiczeichnen – dafür wird er jetzt ausgezeichnet

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Der Leipziger Comiczeichner und -autor Max Baitinger erhält einen Preis für ein Werk, noch bevor es überhaupt fertig ist.

Heimdall hält die Wacht am Sein. Er hockt in der Himmelsburg am anderen Ende von Bifröst und bewacht den regenbogenfarben-schwankenden Übergang von der Welt der Menschen ins göttliche Asgard. Wenn eines Tages Ragnarök losbricht, dann führt er sein Blashorn zum Mund und warnt Odin, Thor und die Seinen vorm beginnenden Weltenbrand. Klingt kryptisch? Aber so steht es geschrieben – und gezeichnet.

Die Tragträume des allsehenden Wächtergottes »Heimdall« aufzuzeichnen, war die Abschlussarbeit, die Max Baitinger vor sieben Jahren vorlegte. Seitdem hat der Comiczeichner und -autor, er ist hin und wieder für den kreuzer als Illustrator tätig, neben Zines und Drucken zwei weitere grafische Erzählbände herausgebracht. Nun erhält er sogar einen Preis für ein noch unveröffentlichtes, ja: unfertiges Werk.

»Sibylla« heißt der Comic, mit dem Baitinger den Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung 2020 erhält. Die dotierten 20.000 Euro dienen dazu, das Buch zu realisieren, so Baitinger. »Der Preis fördert Comics, die sich wahrscheinlich nicht über den Verkauf finanzieren könnten. Das ist das Beste, was dir als Autor passieren kann.« Sein Band greift die Geschichte der Greifswalder Dichterin Sibylla Schwarz auf. Diese hochgebildete junge Frau aus dem 17. Jahrhundert verstarb früh. Viel weiß man nicht von ihr, was Baitinger als Freiheit auffasst. »Ich kann mir die 
Sachen vorstellen, wie sie gewesen sein könnten. Sibylla war immer Projektionsfläche, auch für den männlichen Blick, und das greife ich kritisch auf.« So habe sich eine ganze Germanistengeneration darum gestritten, ob sie lesbisch war.

In der Preisbegründung heißt es: »›Sibylla‹ spielt mit verschiedenen Text- und Zeitebenen und bricht so hintergründig die lineare Biografie der früh verstorbenen Lyrikerin Sibylla Schwarz und setzt sich gleichzeitig mit der Lebenswirklichkeit des Dreißigjährigen Krieges, mit Vertreibung und Exil, Sittenlehre und religiösen Bekenntnissen auseinander.« »Es beginnt mit meiner Ignoranz dem Thema gegenüber«, sagt Baitinger. Die Reflexionen aus der Gegenwart, seine eigene Recherche fließen mit hinein. Das schütze den Comic auch davor, ein reines Biopic zu sein, wie es im Genre gerade en vogue ist.

Der 1982 in Oberbayern geborene Baitinger absolvierte zunächst eine Schreinerlehre, wo er das Technische Zeichnen erlernte. Comics habe er halt gelesen, vor allem »Asterix«, »Lucky Luke« und »Lustiges Taschenbuch«. »Das ist keine Linie, der ich gefolgt wäre. Sie waren einfach Normalität wie Videospiele für mich.« Er sei in keinem Umfeld aufgewachsen, wo es normal war, dass Menschen mit Kunst Geld verdienen. Er aber wollte es dann wissen und wagte das Studium. Dass es Leipzig traf, war eher Zufall. »Hamburg ist auch schön.« An der Hochschule für Grafik und Buchkunst war er dann ab 2006 Feuer und Flamme fürs grafische Erzählen. »Ich erfuhr, dass Comics ganz anders sein können und man Größeres erzählen kann.« Er kam mit Anna Haifisch, James Turek und anderen zusammen, die einen losen Zirkel bildeten – später auch das Independent-Fest »Millionaires Club« jährlich parallel zur Buchmesse veranstalteten. So fand er seinen Weg. »Eigentlich will ich nichts anderes als Comics zeichnen.«

Baitingers Stil kann man abstrakt und lakonisch nennen. In »Heimdall« sind es zunächst grobschlächtige, an Piktogramme erinnernde Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die an die ästhetische Naivität archaischer Steinzeichnungen erinnern. Beim genaueren Hinsehen zeigen sich witzige Details, versprühen die Panels Esprit und Poesie. »Wenn ich eine komplexe Erzählung zeichne und will, dass mich jemand versteht, muss ich abstrakt arbeiten«, sagt Baitinger. Mit klaren Linien und Formen hat er das Leben des Eremiten »Röhner« (2016) und der Verwaltungsangestellten »Birgit« (2017) festgehalten. Wobei er im letzten Fall Farbflächen jenseits der Schwarz-Weiß-Grafik verwendete.

Im März bringt Max Baitinger »Happy Places« (Rotopol) mit Szenen und Strips pünktlich zum »Millionaires Club« heraus. Dann taucht er in »Sibylla« ab; dass die Geschichte schon skizziert ist, stört ihn nicht. »Das Storyboard ist noch sehr roh, da wird mir nicht langweilig beim Zeichnen.«

■ »Millionaires Club«: 13.–15.3., Conne Island, http://www.themillionairesclub.tumblr.com

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