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Es braucht erst Polizeigewalt

Warum kamen plötzlich so viele zu Antirassismusdemonstrationen? Ein Gastkommentar von Nhi Le

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Die Autorin Nhi Le über die Black-Lives-Matter-Demo und Alltagsrassismus in Leipzig

Es ist 2014 und ich schreibe mit Ali. Ali bloggt auf trollbar.de aus seiner afrodeutschen Perspektive. Er ist auf meinen Blogartikel aufmerksam geworden, in dem ich mich darüber beschwere, exotisiert zu werden. »Gebohrt wird in der Regel so lange, bis das nichtweiße Element im Stammbaum identifiziert wurde. Und wehe, man wagt es, nicht erschöpfend Antwort zu geben. Weiße glauben, dass sie einen Anspruch darauf haben«, kommentierte er. Nun texten wir auf Facebook. Ali erzählt mir vom Rassismus, den er als Schwarzer Leipziger erfährt. Naiv frage ich, ob sich das nur auf bestimmte Stadtteile bezieht, doch er verneint. Es sei überall so und mittlerweile zu kräftezehrend, so dass er beschlossen habe, wegzuziehen. Bei der »Leipziger Rede« berichten Schwarze und People of Color von ihren Rassismus-Erfahrungen in der Stadt. Mit einer »unversöhnlichen Rede« zeigt Ali allen im Rathaus den rhetorischen Mittelfinger, bevor er der Stadt für immer den Rücken kehrt. Ich bin traurig, dass mein scheinbarer Traumort doch nicht so traumhaft ist.

Die Autorin kniet vor einer grauen Wand

Nhi Le stammt aus Thüringen und lebt in Leipzig

Es ist 2016, ich stehe im Rathaus an einem Pult. Seitdem ich vor zwei Jahren im Publikum war, hat sich meine Sichtweise geändert. Ich spreche über Rassismus, Legida, den Angriff auf Connewitz, wie Sachsen rechte Gewalt relativiert, wie fast alle in Leipzig Rassismuserfahrungen in Frage stellen. Ich fange an, vor Wut zu weinen. Meine Tränen sind mir peinlich, aber meine Wut berechtigt. Das sagt zumindest eine Freundin, nachdem ich mich zurück auf meinen Platz setze und sie meine Hand hält.

Es ist 2020 und ich treffe meine Freundinnen am Willy-Brandt-Platz. Wir wollen an der Black-Lives-Matter-Demonstration teilnehmen und trotz Coronakrise tun es uns Tausende Menschen gleich. Der MDR wird berichten, dass mehr als 15.000 Protestierende auf der Straße waren. Es ist voll. So voll, dass wir eineinhalb Stunden lang am Bahnhof stehen, bevor wir uns in Bewegung setzen können. Alle sind energisch. Ich freue mich, dass Schwarze Menschen gehört werden, und ich hasse es, wenn die Sambagruppe manche Worte übertönt. Auch wenn mich die Massen beeindrucken, empfinde ich Zweifel.

Wo war dieses Interesse an Rassismus vorher? Wo waren diese weißen Menschen, als es darum ging, das Klima in der Stadt zu gestalten, so dass Menschen wie Ali nicht wegziehen müssen? Wo sind sie, wenn am 24. Oktober Kamal Kilades gedacht wird? Wissen die überhaupt, dass Kamal 2010 am Hauptbahnhof von Neonazis ermordet wurde? Wo waren sie bei der Gedenkveranstaltung für die neun Opfer von Hanau? Warum hat es erst Polizeigewalt in den USA gebraucht, dass gegen Rassismus, 
einen ebenso deutschen Zustand, in diesem Ausmaß protestiert wird?

Meine zynische Antwort ist, dass die amerikanischen Verhältnisse so weit weg scheinen. Man kann sich selbst etwas beruhigen, wenn man mit dem Finger auf andere zeigt. »Das ist ja ganz schön schlimm in Amerika!«, wird gesagt, »so ist es hier ja nicht« dann gedacht. Das würde zumindest erklären, warum in Zusammenhang mit den USA immer von Rassismus und hierzulande nur von Fremdenfeindlichkeit oder anderen Euphemismen die Rede ist. In den vielen klugen Redebeiträgen wird immer betont, dass Rassismus überall bekämpft werden muss. Wer zuhört, wird die Demo im Optimalfall mit diesem Verständnis verlassen.

Meine hoffnungsvolle Antwort ist, dass die Kontinuitäten von Rassismus und Rechtsradikalismus erkannt worden sind und man dem etwas entgegensetzen will.

Da kann diese Demo nur ein Schritt sein. Antirassistische Haltung hört nicht auf, wenn die schwarze Kachel auf Instagram verschwindet. Der Gedanke, dass jemand den Protest nutzen will, um sich auf dem imaginierten Image des weltoffenen Leipzigs auszuruhen, schüttelt mich.

Seit Jahren höre ich, dass Marginalisierte hier ja immer noch etwas besser als in anderen Teilen Sachsens oder gar Ostdeutschland behandelt werden. Aber warum genau sollte man sich dafür auf die Schulter klopfen, das Beste vom Schlechten zu sein? Es ist an der Zeit, das Leipziger Rassismusproblem anzupacken. Weg von der Romantisierung, hin zur Realität. Ali wird das nicht zurückbringen, aber vielleicht sind wir irgendwann an dem Punkt, an dem sich rassifizierte Menschen nicht mehr gezwungen sehen, diese Stadt zu verlassen.

Dieser Beitrag ist aus dem kreuzer-Heft 7/20

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