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Leipzig ist nicht überall links

Rechte Strukturen zwischen Klamottenläden und Fastfoodketten

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Im Rahmen einer Aktionswoche machen Aktivistinnengruppen auf rechte Orte in der Innenstadt aufmerksam. Ein Spaziergang von der Moritzbastei zum Landgericht.

Leipzig ist eine linke Insel. Das fällt auf, wenn man sich die Karte der letzten Landtagswahl anschaut. Die blauen Einschläge kommen näher und näher. Doch selbst die linke Trutzburg Leipzig ist von rechts unterwandert – Neonazis mitten in der Innenstadt. Das Bündnis »Ladenschluss« gründet sich 2007 mit dem Vorhaben, über neonazistische Strukturen aufzuklären. Mit einem Antifaschistischen Stadtspaziergang will es an diesem Herbsttag im Oktober darauf aufmerksam machen. Von solchen Orten gibt es nämlich mehr, als die Einkaufsstraßen vermuten lassen.

Der Spaziergang findet im Rahmen der Kritischen Einführungswochen der Universität Leipzig statt, der selbstorganisierten Ergänzung zu den »normalen« Einführungswochen. Anlass sind die Aktionswochen in Gedenken an Kamal K., dessen Todestag sich zum zehnten Mal jährt. Zwei Neonazis erstachen den 19-Jährigen am 24. Oktober 2010 in der Nähe vom Leipziger Hauptbahnhof. Ein rassistisches Tatmotiv sah die Staatsanwaltschaft Leipzig darin nicht. Erst das Gericht erklärt die Tat zu einem Hassverbrechen und verurteilt die Täter wegen Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Eine rassistische Tat, die kein Einzelfall ist.

Spazieren gegen rechts
An der Moritzbastei, wo sich sich einige Menschen tummeln, stehen schon die Polizeiwagen bereit. Auf dem Transpi der Demonstrierenden steht die ernüchternde Realität zum Mitschreiben: »Im Osten nichts Neues« Über den Lautsprecherwagen ertönt eine Stimme, die Nachhilfe im Demo-1×1 gibt. Bezugsgruppen bilden und keine Aussagen bei der Polizei machen. Die Demonstrierenden laufen über belebte Einkaufsmeilen wie der Grimmaischen Straße, während Sprecherinnen die Passantinnen zum Spaziergang einladen. »Ich war positiv von der Resonanz der Passanten überrascht« heißt es von einem Ordner hinterher.

Leipzig als rechtes Zuhause
Der Spaziergang hält als erstes vor dem »Yakuza« -Bekleidungsgeschäft am Brühl. Das Unternehmen schreibt auf seiner Website: »Mit Hingabe verarbeitet Yakuza das Zeitgeschehen unter einem anderen Blickwinkel, als es in unserer Gesellschaft üblich ist«. Auf der Homepage posiert ein Model mit einer Wurfgranate. Der Redebeitrag, der vom Lautsprecherwagen über die Menschenmenge weht, kritisiert die Marke wegen Verbindungen zur Nazi-Szene. Die Gründer bemühen sich, eine Verstrickung in diese Milieus zu dementieren. Aus zwei rechtsradikalen Geschäften habe man die Marke aus dem Sortiment genommen. Recherchen der ZEIT und der Sächsischen Zeitung zeigen, wie einer der Gründer, Markus Eisold, Kontakt zum Anführer der sächsischen Hammerskins hatte, die wiederum Kontakte zu Combat 18 und der NSU pflegen.

Der Demozug an der Thomasgasse Foto: Leonie Ziem

Ein paar Häuser weiter dann die Große Fleischergasse 4. Inmitten des Alltagstrubels ein Ort, der als Treffpunkt von Hooligans und Legida-Anhängern gedient haben soll. »Wir dürfen nicht vergessen, dass neonazistische Netzwerke sich jederzeit reaktivieren können«, erinnert die Ansage. Der Spaziergang führt zurück über den Markt, es schallt Musik aus den Boxen. »the past keeps living on for way too long / it’s not history if we can’t learn«. Eine Zeile aus »Nazi Scum has Gotta Die«. In der Nähe der Thomaskirche liegt die Anwaltskanzlei von Christopher L.. Er ist ein »Alter Herr« der rechten Burschenschaft Germania, die mit Hakenkreuzen als Kronleuchter rechte Fantasien bediene, so die Aussage der Protestierenden. Namhafte Nazis sollen aus der Burschenschaft hervorgegangen sein. Der Anwalt Christopher L. soll 2015 eine E-Mail versandt haben, in der er dazu aufruft, den Buchladen der Mutter von Linken-Politikerin Juliane Nagel anzugreifen. Statt des Buchladens attackierten Unbekannte ein halbes Jahr später das Privathaus Nagels Mutter.

Geschäftsmänner und Richter
Käthe-Kollwitz-Straße. Hier sind zwei Sicherheitsfirmen und deren Verbindungen in die rechtsextreme Szene Thema. Mal sind es die Firmeninhaber, die eine lange Nazi-Vergangenheit aufweisen sollen – und für Gespräche beim NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag gewesen sein. Mal sind unter den Angestellten Angreifer auf Connewitz, erklären die Protestierenden. Im Jahr 2016 stürmten rund 250 Neo-Nazis das Viertel – die Prozesse gegen die Täter dauern bis heute an.

Letzter Halt des Spaziergangs: Das Landgericht Leipzig. Hier arbeitet ein Richter, der genau wie Anwalt Christopher L. ein »Alter Herr« der Burschenschaft Germania ist, das zeigen die Recherchen des mdr. Richter Axel K. ist Teil der sächsischen Justiz, die mit Beschäftigung eines Mitglieds von Germania nach rechts offen sei — das wollen die Sprecherinnen der Demo zeigen.

Und dazwischen ein RTL-Team
Der Demonstrationszug wird neben der Polizei aber auch von einer Kuriosität begleitet. Der Schauspieler Henning Baum, bekannt als Macker aus »Der Letzte Bulle«, wird von einem RTL-Team gefilmt. Er fährt streckenweise im Polizeiwagen mit und gesellt sich zwischen die Demonstrierenden. Baum ist Teil einer RTL-Show. Und zwar einer Sendung, die den Zuschauerinnen Einblicke in die sächsische Polizei geben will, eine Mitmach-Doku, bei der Baum sich in der Polizei ausprobieren kann. Eine PR-Sendung? Baum erklärt, natürlich ist die Sendung auch kritisch, aber polizeifreundliche Worte folgen schnell: »Die Polizei ist wichtig, wenn es darum geht, Meinungsfreiheit zu garantieren«. Auf den rechten Schatten angesprochen, den die Polizei nicht loszuwerden scheint, möchte er lieber nicht ausführlich antworten. Auf Nachfrage vom kreuzer erklärt Pascal Ziehm, Leiter der Stabsstelle für Kommunikation der Polizei Sachsen, Baum würde nur begleiten. Bei der Demonstration würde er weder Demonstrant, noch Polizei spielen. »Ominös« findet das die Linken-Politikerin Juliane Nagel.

Die kritischen Einführungswochen laufen noch bis zum 8. November. Das restliche Programm ist unter: https://kew-leipzig.de/programm-herbst-2020/ zu finden.

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Dein Kommentar

4 Kommentare

  1. Stefan | 23. Oktober 2020 | um 19:13 Uhr

    Danke für die Berichterstattung. Links ist gut und alles was nicht gut ist ja demzufolge dann schlecht, da eintgegengesetzt links, entgegengesetzt von links ist rechts. Gegenübersitzen von links – spätlateinisch „oppositio = das Entgegensetzen“ – ist rechts. Die Opposition zur eigenen politischen Haltung ist also bei Euch rechts. Rechts ist schlecht, eine Opposition ist schlecht.

    Willkommen im Totalitarismus.

  2. Mephi | 29. Oktober 2020 | um 14:12 Uhr

    Ein herlicher Artikel, danke an die Autorin,

    schön verurteilend, ohne Liebe zum Feind, dazu Begriffsvermengung, reißerisch und mit Wut und auch einer Brise Hass auf alles was rechts von links ist (auch sehr schön mit auch auf den aktuellen medialen Mainstream aufspringend, was man täglich vorserviert bekommt)

    Dazu herrlich spaltend, abgeschmeckt mit einer kleinen Brise Selbstsicherheit.

    Das hier gefallen Mephisto,

    weiter so, Welt brauch mehr Spaltungen.

    Mephisto glücklich.