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Diese Kandidaten treten für die SPD an

Die Direktkandidatinnen und -kandidaten für die beiden Leipziger Wahlkreise im Porträt

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Im September wird ein neuer Bundestag gewählt. Bis dahin stellen wir die Leipziger Direktkandidatinnen und -kandidaten der verschiedenen Paretein vor. Heute: SPD.

Ein Mann für alle

Der Vorsitzende der SPD Leipzig Holger Mann hat genügend Ideen

»Ich traue mir nun mehr zu«, sagt Holger Mann, wenn man ihn nach den Gründen seiner Bundestagskandidatur fragt. Und was ist nach zwei Jahren an der Spitze der SPD-Leipzig und zwölf Jahren im Landtag schon mehr, als bei den Großen mitzumischen? Ganz selbstbewusst ist der SPD-Politiker noch nicht, vor jede Antwort schiebt er ein »falls«. Das ist ihm nicht zu verübeln: In seinem Wahlkreis Leipzig Nord hat zuletzt 2005 ein SPDler das Mandat geholt. Nun versucht Mann es. Bei der Mitgliederversammlung der Leipziger SPD am 20. März auf der Tribüne der Galopprennbahn Scheibenholz wählten ihn die Anwesenden mit 66 Prozent zu ihrem Kandidaten.

Holger Mann, Foto: Hammermännchen

Er habe im Landtag vieles tun können für Leipzig, sagt er, besonders in der Hochschulpolitik. »Aber in Sachen Digitalisierung, Wirtschaftspolitik und Technologie, mit denen ich mich seit einigen Jahren beschäftige und wo ich noch mehr bewegen möchte, spielt die Musik im Bundestag«, erklärt Mann. Er hat hehre Ziele, möchte dazu beitragen, dass Leipzig »wieder ein Forschungsstandort mit globaler Ausstrahlung wird«. Die wissenschaftlichen Voraussetzungen dafür seien zwar da, es fehle aber ein Umfeld, in dem auch Gründerinnen und Firmen die Chance haben, am Standort zu wachsen, etwa durch höhere Löhne und eine Mietpreisbremse.

Sein Lebenslauf scheint auf diese Kandidatur hinausgelaufen zu sein. Der 41-Jährige ist bereits seit seiner Jugend Mitglied in der Partei, hat in den Jahren 2004 bis 2009 die Jusos Sachsen geleitet. Nach dem Wehrdienst studierte er in Leipzig Politik, Journalistik und Geschichte. Bevor er 2009 in den Landtag einzog, arbeitete er als Geschäftsführer einer Entwicklungsgesellschaft im Leipziger Neuseenland. Seit 2018 leitet er die Leipziger SPD. »Ich habe die Partei in unruhigem Fahrwasser übernommen«, erinnert sich Mann. Sein Vorgänger Hassan Soilihi Mzé war wegen parteiinterner Streitereien zurückgetreten und schlug in einem LVZ-Interview harte Töne an: »Die SPD bekommt es einfach nicht hin, den Scheinwerfer auf die Themen zu richten, die die Menschen tatsächlich bewegen, frustrieren und zum Schäumen bringen.« Dem widerspricht Holger Mann heute. Sie seien jetzt viel präsenter und verträten starke Positionen. Es gebe zwar nach wie vor umstrittene Themen in der Partei, zum Beispiel Innere Sicherheit – »wir wären aber nicht die SPD, wenn es anders wäre«, sagt Mann.

Mann bringt viel Erfahrung mit, sowohl in der Regierung als auch in der Opposition. »Ich kann Kompromisse schmieden, wenn es schwierig ist, und Interessen trotz wenig Einfluss durchsetzen«, sagt er. Außerdem möchte er Menschen auf Augenhöhe begegnen: »Das ist absolut notwendig, um die Distanz zwischen Menschen und Politik nicht zu vergrößern.« Doch genau das könnte sein Problem werden. In seinen Kernthemen – Hochschulpolitik, Technologie, Digitalisierung – ist er zwar erfahren und vernetzt, sie sind aber auch sehr akademisch geprägt. Genau das hat ihm Andreas Geisler vorgeworfen, der in der Wahl um die Kandidatur gegen Mann verlor: »Wir vertun uns, wenn wir nur noch akademisch und verkopft daherkommen.« Mann sieht das locker. »Ich musste mir schon immer anhören, dass man mit Bildungspolitik keine Wahlen gewinnt«, sagt er. In etwas ernsterem Ton fügt er hinzu, dass in seinen Bereichen durchaus typisch sozialdemokratische Werte stecken: bezahlbares Wohnen, gute Arbeit, nachhaltige Mobilität. Außerdem habe er schon immer den Anspruch gehabt, »Politik für alle« zu machen. »Ich habe genügend Ideen für alle, sowohl für den Arbeiter, der sein Auto braucht, als auch für den Studierenden mit einem anderen Lebensmodell.«

Es scheint, als würde Mann es allen recht machen wollen. »Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein«, widerspricht Mann, »also nein, will ich nicht«. Dass der Anspruch zu idealistisch ist, sei ihm bewusst. »Leipzig ist dafür auch zu vielfältig: Es gibt Gebiete im Wahlkreis, in denen ich auf der Straße Geschenke verteilen könnte, es aber trotzdem schwierig werden würde«, sagt er. Er sei aber trotzdem dazu bereit, dorthin zu gehen und zu reden – auch wenn das dieses Jahr problematisch wird.

Welche Ideen er für den Wahlkampf unter Pandemie-Bedingungen hat? »Ich werde Veranstaltungen über Zoom machen«, sagt Holger Mann, der Sprecher für Digitalisierung und Technologie. Er sei optimistischer gewesen, was das Impfen angeht, und würde lieber »draußen« für sich werben. »So bleibe ich ein Stück weit in meiner Blase und erreiche kaum Leute, die sonst nichts mit Politik zu tun haben.«

SOPHIE GOLDAU

Gegen die Ungleichheit

Die SPD-Kandidatin Nadja Sthamer setzt sich für Sozialstaat, Entwicklungspolitik und Kindergrundsicherung ein

Drei große Themen stehen im Zentrum des Wahlkampfs von Nadja Sthamer. Das erste ist das Soziale. »Ich bin jemand, der sehr viel Wert auf Solidarität und Gemeinschaft legt«, erklärt die SPD-Bundestagsdirektkandidatin dem kreuzer. Die 31-Jährige setzt sich für das Sozialstaatskonzept der SPD ein, das den Sozialstaat völlig neu verstehe. Im Kern gehe es darum, dass nicht die Bürgerinnen und Bürger darum bitten müssen, etwas vom Staat zu erhalten, sondern dass es Grundprinzip des Staates sei, Leistungen zu geben, erklärt die Co-Vorsitzende für den SPD-Ortsverein Leipzig Südost. Die SPD wolle den Menschen so ein »soziales Sicherheitsversprechen« geben. Damit sollen soziale Ungerechtigkeit und Ungleichheit angegangen werden, die sie in Leipzig vor allem auch im Bereich Wohnen sehe. Bei einem Coffee to go auf der Karli erzählt Sthamer, dass Leipzig ihr »Wohlfühlort« sei. Aufgewachsen ist sie in Thüringen, seit 2008 lebt sie in der Stadt.

Nadja Stahmer, Foto: Christiane Gundlach

Ein weiteres Thema, das ihr am Herzen liegt, habe sie schon während verschiedener Praktika und ihres Studiums der Politik- und Religionswissenschaft beschäftigt. »Wir leben nicht losgelöst von den Dingen, die in der Welt passieren, und deswegen sollte uns Entwicklungszusammenarbeit etwas wert sein«, erklärt Sthamer, die seit 2017 als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Abgeordnete im Europa-Parlament Constanze Krehl arbeitet. Sie möchte sich deshalb für eine Entwicklungspolitik stark machen, die koloniale Abhängigkeiten aufarbeitet und überwindet. Vor allem aber den hierarchischen Ansatz ablegt: »Wir bilden die Netzwerkstelle, um PartnerInnen vor Ort zusammenzubringen, weil die Menschen vor Ort am besten wissen, was sie in ihren Regionen brauchen.«

Am meisten identifiziert sie sich allerdings mit ihrem Ruf nach einer modernen Familienpolitik. Vor allem aufgrund ihrer eigenen Erfahrung: »Ich bin selber Mama von zwei Kindergartenkindern. Mein großes Kind habe ich im Studium bekommen«, erklärt die Politikwissenschaftlerin, die zwei Bachelors und einen Masterabschluss in der Tasche hat. »Ich kann also meine eigene Perspektive einbringen und finde, dass die in der Politik noch zu wenig Berücksichtigung findet.« Aber was bedeutet das konkret? Ihre Antwort: »Kindergrundsicherung«. Bisher gebe es zahlreiche Einzelleistungen, wie Kindergeld, Kinderfreibetrag, Hartz-4-Beträge, die mit Kindern verknüpft sind, oder einen Kinderzuschlag, um nur ein paar zu nennen. Alles Leistungen, die immer wieder neu beantragt werden müssten. Das sei viel zu komplex und mit einem hohen Bürokratieaufwand verbunden.

Die Kindergrundsicherung wolle hingegen eine einheitliche Leistung, die sich nach Einkommen staffelt: »Es soll einen Sockelbetrag Kindergeld geben. Und dieser Betrag wird dann immer höher, je geringer das Einkommen der Familien beziehungsweise der Alleinerziehenden wird.« Gerade finanziell schwächere Familien sollen so abgesichert werden. Außerdem soll eine »Kinderkarte« eingeführt werden, mit der Kindern die Teilhabe an Sport- oder Musikangeboten in Vereinen ermöglicht werden soll.

Aber Sthamer, die als erste weibliche Direktkandidatin der SPD im Leipziger Süden antritt, vertritt viele Standpunkte zu Themen wie Feminismus und Umweltschutz, die auch von anderen Parteien, wie beispielsweise den Linken oder Grünen, vertreten werden. Warum solle man also gerade sie als SPD-Kandidatin wählen? Eine große Abgrenzung zu diesen Parteien erachte sie gar nicht für zwingend erforderlich, da sie die Politik der Bundesregierung in eine progressive Richtung lenken wolle, und das sei »mit der CDU in der Koalition einfach nicht möglich«. Trotzdem solle man in seiner Entscheidung aber auch das bereits erwähnte neue Sozialstaatskonzept honorieren, das ein ziemlicher Paradigmenwechsel sei. Außerdem versuche die SPD bei der Umsetzung der Klimaschutzziele auf realistische Lösungen zu setzen, die »sozial finanzierbar und persönlich bezahlbar« seien. Das heißt übertragen, Ziele, die realistisch auch wirklich umsetzbar sind, wie beispielsweise ihre Forderung nach einem kostenlosen ÖPNV.

Wie passt solch eine Politik aber mit dem Spitzenkandidaten Olaf Scholz zusammen? Immerhin war ihr Ortsverein der erste aus Leipzig, der sich von der Großen Koalition distanziert hatte, deren Säule Olaf Scholz als Vizekanzler und Finanzminister immerhin seit 2018 ist? »Hätte ich es mir im luftleeren Raum aussuchen können, wäre Olaf Scholz wahrscheinlich nicht der Erste gewesen, an den ich gedacht hätte«, sagt sie, ohne zu zögern. Aber ein SPD-Spitzenkandidat könne nie losgelöst von der Partei betrachtet werden. Und Olaf Scholz sei ein Parteimensch, der sich den Werten und Aufgaben sehr verbunden fühle, die ihm die SPD durch Beschlüsse mit auf den Weg gibt. »Auch hat er jetzt gerade in der Krise bewiesen, dass er für unglaubliche Stabilität und Besonnenheit steht.«

EDGAR LOPEZ

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