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Kultur

Buchmesse-Special #5

Lese-Tipps aus der Literaturredaktion

  Buchmesse-Special #5 | Lese-Tipps aus der Literaturredaktion

Schon wieder keine Buchmesse. Immerhin liest Leipzig in diesem Jahr dennoch und die popup-Messe und andere Initiativen geben auch den angereisten Verlagen die Möglichkeit, ihre Novitäten zu zeigen. Wir haben im Vorfeld schon reingelesen: Eine ganze Woche lang, Tag für Tag gibt es an dieser Stelle ein kleines Leseangebot der Literaturredaktion.

Weltgeist und Eisenten

Ein Abenteuerroman der Reporterin Gabriele Riedle

Geprägt von Emma Peel und Winnetous Schwester wächst Gabriele Riedle im braven Stuttgart auf, um irgendwann von dort aufzubrechen und über die schlimmen Dinge, die Menschen tun, zu berichten. In einem vom männlichen Blick geprägten Berufsstand ist sie eine der wenigen Frauen, die in Bombennächten, bei Stromausfällen und dem Geknatter von Maschinenpistolen darauf wartet, mit ihrem Fotografen und einem waghalsigen einheimischen Führer loszurennen, um beispielsweise einem blutrünstigen Kindersoldatengeneral in Liberia das Mikrofon vor die Lippen zu halten.

Lange Jahre war Riedle für diverse Magazine in den Krisengebieten dieser Welt unterwegs, um immer neue Geschichten des Schreckens in unsere Wohnzimmer zu expedieren. Als irgendwann im vom Bürgerkrieg zerrissenen Libyen der englische Fotograf Tim von einer Granate zerfetzt wird, ist das für sie ein Toter zu viel, und sie wird in der Folge für die Chefredakteure unbrauchbar.

Die brettharte Feinironikerin Gabriele Riedle trotzt fortan dem schnöden Unterhaltungsgedanken des Chefs und seiner Eisentenschar (die Herrinnen der Werbeerträge) mit bitterem Witz, bis es nicht mehr geht. Für uns Leserinnen ein Glücksfall, weil in diesem Moment die originäre Romanautorin geboren wurde. Mit ihrer sehr eigenen, unberechenbaren, von Schmerz und Ironie gleichermaßen getragenen, bedrückend schönen Sprache nimmt sie uns eine Weile mit durch das Leid und seine journalistische Verwertung. Ihr mittlerweile dritter Roman ist ein großartiges Buch ohne Gnade und beschreibt ihren Weg in den Abgrund.

FRANK WILLMANN

Gabriele Riedle: In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. Eine Art Abenteuerroman. Berlin: Die Andere Bibliothek 2022. 280 S., 44 €

 

Europas verbrauchte Zimmerluft

In »Operation Kaspar« entkommt Bora Ćosić der Mülldeponie des alten Jahrhunderts

Am 5. April wird der gewitzte Avantgardist Bora Ćosić 90 Jahre alt – guter Anlass für die preisgekrönte Übersetzerin Brigitte Döbert, ein apartes Nebenwerk nachzuholen, das 1998 auf Serbisch erschien. »Roman« steht drauf, doch man erwarte kein plausibles Geschehen mit Menschen aus Fleisch und Blut. »Operation Kaspar« enthält absurdes Theater und eine lichtvolle Utopie, bevor grimmiger Zufall das letzte Wort hat. Der titelgebende Kaspar (Hauser) hat einen Auftritt im Transit zwischen der Hölle auf Erden und dem Paradies. Seine Geschichte ist Vorbild für den Weg, den »der Mann« und »die Frau« gehen: erst isoliert, dann zivilisiert. Man fragt sie, ob sie »interniert« gewesen seien? Zweifellos, ja.

Denn der »Stall« ihres Lebens ist auch ihr Gefängnis, ein mit Krempel verstopftes Zimmer, in dem sie seit Jahrzehnten hausen. Das Telefon wurde abgestellt, das Radio gab den Geist auf, die Uhr blieb stehen, die Fenster sind zu schmutzig, um etwas von draußen zu sehen. Der Mann liest alte Zeitungen und spielt Geige, die Frau fuhrwerkt barfuß durch das Chaos. Es passiert nichts. Umso mehr Gedanken-Raum hat das »Ich« des alles sehenden Beobachters, der klar zu verstehen gibt: Hier wohnt Europa, sein schlimmes 20. Jahrhundert voller Unordnung, Unglück und Ausweglosigkeit.

Doch nun die märchenhafte Wende: Das Paar verlässt mit leerem Koffer (!) den Saustall, kommt in den »Westen« und gerät wie Kaspar an den Humanisten Daumer, der unter freiem Himmel zum »antizimmerlichen« Dasein erziehen möchte. Beim Pflanzen und Ernten im Nutzgarten sollen »zwei tief gebückte Kreaturen« sich aufrichten – die Ideale der Aufklärung sind noch (oder wieder) da. Das klingt durchaus nicht satirisch; seinen Pessimismus aber äußert der unvergleichliche Bora Ćosić in dem Knalleffekt zum Schluss.

SVEN CREFELD

Bora Ćosić: Operation Kaspar. Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert. Frankfurt a. M.: Schöffling & Co. 2022. 128 S., 18 €

 

Dienstplan für zäh verrinnende Gegenwarten

»Nachts wach« im Altenheim

Die in den 1940er Jahren geborene Autorin mit dem Pseudonym Berthe Arlo hat mit ihrer Buchveröffentlichung einen guten Zeitpunkt abgepasst. Der Pflegenotstand ist in Zeiten der Pandemie in aller Munde, zu Recht!

Dabei wirkt der Text eher lyrisch und keineswegs trocken. Schon der Titel ist vieldeutig: »Nachts wach«. Tatsächlich wird auf Inhaltsebene stets Nachtwache gehalten. Das aus zwei Personen bestehende Pflegepersonal des Seniorenheims wechselt, doch immer bewegt es sich durch künstlich beleuchtete Gänge wie durch eine nicht zu verortende, ewig zäh verrinnende Gegenwart. Die Bewohner des Heims wiederum sind zu solchen Uhrzeiten ebenfalls oft umtriebig, wenn auch manches Mal unerreichbar mit den Mitteln der Vernunft. Die Autorin zeichnet eine Vielzahl nahsichtiger Porträts. Selten hat man so viel Groteskes, Widerwärtiges, Zärtliches und Märchenhaftes in einem Text vereint gefunden – ein Text, zu dessen eigenwilligen Formalien außerdem gehört, dass nach jedem Satzende ein Zeilenumbruch eingefügt wurde.

Es bleibt festzuhalten, dass wir es mit einer Mischung aus Versroman, persönlichem Bericht und Sachbuch zu tun haben, die Ansätze nur leider nicht gut ausbalanciert wurden. Zum Beispiel ist gegen eine körper- und zeitlose, allwissende Erzählinstanz, die vorwiegend knapp und im Präsens berichtet, nichts einzuwenden – nur warum wurde hier nicht auf Konsequenz geachtet? Warum sind manche Passagen doch wieder gekennzeichnet als wiedergegebene Rede? Und welche Subjektivität bringt sich wieder und wieder in Form von Kommentierungen, Einschätzungen und Bewertungen ein? Schade! Da hätte das Lektorat noch einiges reißen können!

JULIANE ZÖLLNER

Berthe Arlo: Nachts wach. Mit einem Experten-Interview über die Pflegesituation heute. Berlin: Mikrotext 2022. 200 S., 20 €


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