anzeige
anzeige
Kultur

Das Dok Leipzig 2022 im Überblick

Ukraine ja, Corona eher nicht – Ausblick aufs diesjährige Dok Leipzig

  Das Dok Leipzig 2022 im Überblick | Ukraine ja, Corona eher nicht – Ausblick aufs diesjährige Dok Leipzig

Am 17. Oktober startet das Dokumentarfilmfestival Dok Leipzig in die 65. Ausgabe. Christoph Terhechte, Intendant und Geschäftsführer, gibt einen Ausblick auf thematische Trends.

Für Christoph Terhechte waren die vergangenen zwei Jahre in der Rolle als Chef von Dok Leipzig wahrlich nicht einfach. Die Pandemie legte das traditionsreiche Festival lahm, ein aus der Not geborenes Hybridfestival bündelte alle menschlichen und auch finanziellen Ressourcen. Und auch im dritten Jahr ist keine Entspannung in Sicht: »Die Situation wird immer schwieriger angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation durch den Krieg in der Ukraine«, sagt Terhechte. »Dadurch bleiben Sponsoren aus, die selbst keine Mittel weitergeben können.« In diesem Jahr sei das Festival finanziell noch abgesichert. Wie es im kommenden Jahr aussehen wird, ist allerdings unklar.

Der andauernde Konflikt in der Ukraine schlägt sich auch im Programm der 65. Festivalausgabe nieder: »Da wäre zum Beispiel ›Hamlet Syndrome‹, der die Proben einer Theaterinszenierung begleitet, an der viele Veteranen des Kriegs im Donbass teilnehmen«, sagt Terhechte. »Der Film rückt über die Arbeit an dem Stück die Traumata in den Blick. Die Aufarbeitung funktioniert hier unglaublich gut.« Der Kurzfilm »When Will the Winter of 2022 End?« begleitet eine Frau in ihrer Wohnung in Kiew, die die gegenwärtige Situation reflektiert und überlegt, ob sie gehen soll, ob sie bleiben kann oder bleiben sollte. Mit den »Docu Days« in Kiew verbindet das Dok eine lange Freundschaft. Als Zeichen der Solidarität will man der diesjährigen Filmauswahl des Kiewer Festivals eine Bühne bieten. »Wir zeigen das Programm, das sie eigentlich im März zeigen wollten, was aber aufgrund der gegenwärtigen Situation nicht möglich war.«

Die Corona-Pandemie spielt dagegen im Programm nur eine Nebenrolle. Selbstreflexive Lockdown-Filme bleiben uns erspart, sagt Terhechte. »Es gibt zwar Filme, in denen man Masken sieht, aber solche, die sich wirklich mit der Situation auseinandersetzen, sind eher wenige. Die Ausnahme bildet ›A Provincial Hospital‹ über ein bulgarisches Krankenhaus, wo zur Zeit des Drehs vornehmlich Corona-Infizierte auf Station lagen.« Regisseur Ilian Metev gewann 2012 mit »Sofia’s Last Ambulance« die Silberne Taube im Internationalen Wettbewerb.

Es sei spürbar, dass sich mehr Filmemacher und -macherinnen wieder mit dem eigenen direkten Umfeld beschäftigen, mit der Familie, mit den Eltern oder Großeltern, stellt Terhechte fest, insbesondere im deutschen Dokumentarfilm: »Eine gewisse Rückbesinnung auf die eigene Klein- oder Großstadt, einen Lebensraum, der einem vertraut ist – da lassen sich auch spannende Geschichten erzählen.«

Der Leipziger Regisseur Tilman König porträtiert in »König hört auf« seinen Vater, den Jenaer Jugendpfarrer Lothar König (siehe kreuzer 12/20) und dessen Eintritt in den Unruhestand. In »Blauer Himmel Weiße Wolken« beschließt die Filmemacherin Astrid Menzel, mit ihrer Großmutter eine Kanutour zu machen. Dabei wird sowohl eine Familiensituation gezeigt, der Umgang mit Demenz, als auch der Lebensraum, der sie prägte. »Die toten Vögel sind oben« von Sönje Storm setzt sich mit dem Großvater auseinander, der bedeutende Tierstillleben fotografiert hat, die sich als ausgestopfte Präparate entpuppen. »Darüber wird auch Zeitgeschichte erzählt, und es ist formal spannend, weil die Frage nach der dokumentarischen Wahrheit behandelt wird.«

Weit gereist ist hingegen Regisseur Rainer Komers, der nach Japan ging, nur um dort auf einen Gelsenkirchener zu treffen, einen Kleinkünstler, der sich bei einem Auftritt in Kyoto verbrannte, im Krankenhaus landete und schließlich blieb. Dreißig Jahre später lebt er mit einer Japanerin zusammen und schnitzt Bambusflöten – Komers’ »Miyama, Kyoto Prefecture« sei »ein herrlicher Film, der zeigt, wie anpassungsfähig wir Menschen sind«, schwärmt Terhechte.

Ein Anspruch, mit dem der Festivalchef angetreten ist, war und ist es, dem Animationsfilm mehr Raum zu schaffen. In diesem Jahr gibt es daher einen größeren Aufschlag mit vielen Sonderprogrammen, unter anderem zum slowenischen Animationsfilm. Außerdem soll es mehr Begegnungen zwischen Dokumentar- und Animationsfilmemachern und -macherinnen geben, um den Austausch zu fördern. »Gerade auch, weil Animations- und Dokumentarfilm immer näher zusammenrücken.«

Eindrucksvoll zu sehen ist das etwa im diesjährigen Eröffnungsfilm »No Dogs Or Italians Allowed«. Er erzählt die Geschichte einer italienischen Familie, die in den 1920er Jahren durch extreme Armut gezwungen war, ins Exil nach Frankreich zu gehen. Wieder ist es der Enkel – Alain Ughetto –, der die Erinnerungen des Großvaters mit dem Mittel der Puppenanimation lebendig werden lässt. Für das kommende Jahr wünscht sich Terhechte dann endlich einen eigenen Wettbewerb für den animierten Langfilm, sofern der finanzielle Rahmen stimmt.

LARS TUNÇAY

>> 65. Internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm: 17.–23.10., Cinémathèque in der Nato, Cinestar, Passage-Kinos, Schauburg, Schaubühne Lindenfels u. a.

>> Noch mehr Dok gibt es auf unserem DokBlog.

Foto: Christoph Terhechte, Alain Ughetto (Regisseur „No Dogs or Italians Allowed“) und Dolmetscherin Martina Kemp-Oberhettinger auf der Bühne; Copyright: DOK Leipzig 2022 | Viktoria Conzelmann


Kommentieren


0 Kommentar(e)