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Kultur

»Ich rechne mit bis zu zwei Jahren«

Gewandhausdirektor Andreas Schulz über Kultur in der Krise und Einzigartigkeit der Musik

  »Ich rechne mit bis zu zwei Jahren« | Gewandhausdirektor Andreas Schulz über Kultur in der Krise und Einzigartigkeit der Musik

kreuzer: Nehmen Sie einen Publikumsschwund wahr?
Andreas Schulz: Nach dem Beginn des Ticketverkaufes für die neue Spielzeit zeichnet sich eine im Vergleich zu den Vorjahren zurückhaltende Nachfrage ab. Diese Entwicklung war bereits bei den Veranstaltungen in den letzten Monaten erkennbar und setzt sich weiterhin fort. Interessenten halten sich derzeit auch noch zurück, da unser Publikum den Pandemie- und Grippeverlauf im Herbst/Winter als unsicher einschätzt und erneute Hygieneauflagen oder Zutrittsbeschränkungen vermeiden möchte. Das Publikum kauft viel kurzfristiger, weil die Gäste ihre persönliche Situation länger beobachten und dann spontan entscheiden.

Können Sie das beziffern?
Die meisten der verlorenen Gäste sind oder waren Abonnenten. Diese bilden seit jeher eine starke Basis unserer Auslastungszahlen. Vor Corona hatten wir 12.500 Abonnenten. Diese Abo-Verträge mussten wir in der vergangenen Spielzeit auf Eis legen, weil wir ja nurmehr vereinzelt Veranstaltungen anbieten konnten. Dennoch sind uns über 7.000 Abonnenten treu geblieben und haben ihr Abonnement für die kommende Saison »aufgetaut«. Die Abo-Neuabschlüsse laufen derzeit erfolgreich, sodass wir heute knapp 10.000 Abonnenten verzeichnen.

Wie erklären Sie sich die Zahlen?
Zum einen ist das Kultur- und Städtereisen-Geschäft noch nicht wieder auf Vor-Pandemie-Niveau, was sich bei einem Touristenmagneten wie dem Gewandhausorchester deutlich in den Auslastungszahlen niederschlägt. Unser Publikum ist im Durchschnitt etwas älter und die Gäste zählen zum verletzlichsten Personenkreis in der Pandemie. Das hat Ängste ausgelöst, die bis heute nachwirken. Zum Beispiel, sich nicht in größere Menschenmengen begeben. Ein Teil unseres Publikums ist aufgrund der Auswirkungen der Pandemie tatsächlich verloren gegangen. Die Pandemie hat das kontinuierliche Nachwachsen des Publikums für einen Moment angehalten. Darüber hinaus führt die derzeitige Inflation zu einer weiteren Kaufzurückhaltung.

Erwarten Sie, dass dieses ein nur kurzfristiges Phänomen ist?
Ich rechne mit bis zu zwei Jahren, bis wir wieder Auslastungszahlen von durchschnittlich 96 Prozent haben werden. Die allererste Aufgabe ist also, dass Publikum wieder zurück zu gewinnen.

Was wünschen Sie sich vom Publikum und von der Politik?
Die Begeisterung für klassische Musik ist meiner Meinung nach beim Publikum ungebrochen, aber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen Konzerte stattfinden, werden die Inhalte und die Art der Produktion verändern. Die Welt der Klassik wird sich voraussichtlich, ausgelöst durch Überlegungen zum Klimaschutz, durch Corona und den Krieg in der Ukraine schneller verändern, als sie es bisher getan hat: Rezeptionsverhalten ändert sich, das betrifft Formen genauso wie Rezeptionskanäle. Ich bin sehr dankbar, dass die Stadt Leipzig ohne Einschränkungen zum Gewandhaus und anderen Kultureinrichtungen der Stadt stand und steht, sodass es zu keinen gravierenden Einschnitte in der künstlerischen Produktion kommen musste. Ich hoffe, dass der Konzertbesuch wieder einen festen Stellenwert im Herzen sowie im Kalender aller musikbegeisterten Menschen bekommt.

Wie schauen Sie grundsätzlich auf den Winter?
Was die sich anbahnenden Preiserhöhungen der Energieversorgung angeht, werden auch wir davon betroffen sein, sodass die Kosten für die künstlerische Produktion dadurch steigen. Gemeinsam mit den anderen Eigenbetrieben haben wir deswegen Maßnahmen eingeleitet, die den Energieverbrauch um weitere 20 Prozent senken – von den vielen Maßnahmen abgesehen, die wir in den vergangenen Jahren bereits umgesetzt haben, um die Energiekosten des Hauses zu senken. Auch die Inflation wird nicht spurlos an uns vorüber gehen und die Kaufzurückhaltung der Gäste wird dadurch für eine gewisse Zeit bestehen bleiben, selbst wenn das Thema Corona irgendwann in den Hintergrund treten sollte. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass die Menschen unsere Musik wieder für sich entdecken werden. Von ihr geht eine starke emotionale Kraft ausgeht, die nach einem Konzertbesuch lange nachwirkt und die – neben der unendlichen Vielfalt innerhalb eines Genres – ihre Einzigartigkeit ausmacht. Ich bin absolut davon überzeugt, dass klassische Musik neben ihrem bloßen Unterhaltungswert die Menschen auf eine komplexe Art anregt, die unbewusst wirkt oder bewusst rezipiert werden kann. Wenn es gelingt, diese Kraft zu verbinden mit einer programmatischen Planung, die auch gesellschaftliche Themen transportiert, also eine Relevanz herstellt für die Gäste, ist der Besuch eines klassischen Konzerts ein absolut attraktives Angebot für jeden. Es ist aber natürlich wichtig, dies alles ins Bewusstsein potenzieller Zuhörerinnen und Zuhörer zu bringen, zum Beispiel durch Musikvermittlung und durch eine Kommunikation, die auch jüngere Menschen anspricht.


Titelfoto: Andreas Schulz. Copyright: Gert Mothes.


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