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Kultur

»Mich interessiert dieses Aufrechterhalten einer Illusion«

Kristin Höller über »Leute von früher«, ihren zweiten Roman, der bei Suhrkamp Nova erschienen ist

  »Mich interessiert dieses Aufrechterhalten einer Illusion« | Kristin Höller über »Leute von früher«, ihren zweiten Roman, der bei Suhrkamp Nova erschienen ist  Foto: Christiane Gundlach

Kristin Höller hat in Dresden, wo sie auch studierte, unter anderem als Ankleiderin am Theater gearbeitet. Was zum Faible fürs Kulissenhafte der 1996 Geborenen und in Bonn Aufgewachsenen beitrug. Auch in ihrem zweiten Roman »Leute von früher« untersucht Höller das Verhältnis von Illusion und Realität: Die Hauptprotagonistin Marlene heuert als Verkäuferin in einem Erlebnisdorf an, in dem alles so wirken soll wie um 1900. Wir sprachen mit Kristin Höller, die seit fünf Jahren in Leipzig lebt, über versunkene Inseln, existenzielle Lebensfragen und erste graue Haare.


Von Bands heißt es oft, dass sie nach ihrem erfolgreichen Debüt-Album keinen Zugang zum zweiten finden, so als sei der kreative Prozess dann verflucht. Ging es Ihnen mit Ihrem zweiten Roman ähnlich?

Ja, das wurde mir im Verlag schon als Vorwarnung für den Schreibprozess mitgegeben. Und es stimmt schon. Der Schreibprozess ist kein gänzlich anderer, aber natürlich ist es so, dass der Druck ein anderer ist, weil man das Schreiben plötzlich als den eigenen Beruf wahrnimmt. Mein erstes Buch habe ich zu großen Teilen in der Uni-Bibliothek und meinem WG-Zimmer in Dresden geschrieben. Und in dem Moment, als ich das selbst ernster genommen habe, lag natürlich auch die Messlatte höher. Beim ersten Buch habe ich einfach gedacht: Mal schauen, was passiert. Und nun, beim zweiten, hat man schon konkrete Vorstellungen.
 

Wie kamen Sie auf die Idee, den Roman auf einer Nordseeinsel spielen zu lassen, die eigentlich schon 1634 von einer Sturmflut auseinandergerissen wurde?

Verschiedene Umstände führten dazu, dass der Roman in einem Museumsdorf auf der Nordseeinsel Strand spielt. Ich war 2019 auf Spiekeroog im Urlaub. Da gibt es auch einen wunderschönen, kleinen Ortskern, aber die Leute, die da in der Hochsaison arbeiten, wohnen gar nicht mehr in diesem Ortskern, weil dort alles an Tourist:innen vermietet wird. Das fand ich befremdlich und sehr kulissenhaft, aber gleichzeitig auch spannend. Mich interessiert an Kulissen dieses Davor und Dahinter, dieses Aufrechterhalten einer Illusion. Ich wollte aber keine bestehende Nordseeinsel nehmen, weil ich dann wahnsinnig eingeschränkt gewesen wäre und weil dieses Setting so vom Regio-Krimi dominiert ist. Und dann habe ich recherchiert und bin auf Strand gestoßen, das sich als perfekter Schauplatz herausstellte. Man weiß nämlich noch, wie es dort ausgesehen hat, allerdings eher grob – so hatte ich die Möglichkeit, einen quasi-realen Ort für meine Zwecke zu verwenden.
 

Ihre Protagonistin Marlene verbarrikadiert sich ja auch ein bisschen gegenüber ihrer eigenen Realität. Ist das ein zentrales Motiv Ihrer Arbeit, dieses Verhältnis von Illusion und Realität?

Zumindest habe ich eine große Begeisterung oder ein Faible dafür. Zum Beispiel arbeite ich gerade an einem Theaterstück für Jugendliche, das in einem mobilen Geisterhaus spielen soll. So etwas ist im Schreiben einfach sehr ergiebig. Und Marlene empfindet inmitten all dieser Illusionen ein plötzliches Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit. Das stellt für sie eine große Umwälzung dar, auch persönlich. Sich ein halbes Jahr in einer Kulisse aufzuhalten, wirft einen natürlich stark auf sich selbst zurück und auf Fragen wie: Was ist real? Wer bin ich? Welche Rollen spiele ich, auch im Alltag?
 

Marlene schreibt ihrer Großmutter Postkarten und bekommt einige Tage später SMS zurück – diese Texte wirken sehr harmlos, fast oberflächlich.

Ich mag diese Passagen sehr und sie sind auch an die Konversationen mit meiner eigenen Großmutter angelehnt. Da findet so ein Kuratieren des eigenen Lebens statt, Marlene teilt eine entschärfte Version ihres Alltags mit der Großmutter. Sie profitiert aber auch davon, weil das einen beruhigenden Effekt hat, das eigene Leben so reduziert darzustellen und ein Stück weit zu entdramatisieren.
 

Mit 28 beobachtet Marlene an sich selbst erste Anzeichen des Älterwerdens. Warum haben Sie diesen Aspekt akzentuiert?

Sie kommt gerade aus einer scheinbar endlos verlängerten Jugendphase, den Zwanzigern. Über diese Zeit kann man sich hinwegretten, ohne sich selbst darüber zu befragen, was man im Leben möchte. Marlene hat sich das sehr wenig gefragt, und das fällt ihr nun auf die Füße. Sie hat ja eine befreundete Arbeitskollegin auf der Insel, Dascha, die ist 19 und hat gerade erst Abi gemacht. Und Dascha nimmt diesen Altersunterschied zwischen den beiden sehr stark wahr, während Marlene sich ihr anfangs ebenbürtig fühlt. Erst mit den Konflikten, die sie teilen oder eben nicht teilen, fällt ihr auf: Na ja, das ist schon ein Jahrzehnt her, dass ich an diesem Punkt war. Das ist für mich aber nicht negativ konnotiert, weil es eine Erinnerung an die eigene Sterblichkeit ist, die ja auch energetisierend sein und einem den Weg aus festgefahrenen Situationen zeigen kann. Und klar erlebe ich das auch selbst: Als ich vor zwei Jahren mein erstes graues Haar entdeckt habe, hatte ich eine kleine Krise. (lacht) Und jetzt denke ich mir, dass es in Ordnung ist und dass ich froh bin, nicht für immer 19 zu sein – das wäre ja die Hölle.
 

Dieses Verlängern der Jugend und sich nicht so viele Gedanken über die ernsten Themen machen – hat Marlene da vielleicht etwas gemeinsam mit den beiden Protagonisten aus Ihrem Debütroman »Schöner als überall«?

Vielleicht bilden sie eher eine Klammer um diese Zwanziger herum. Martin ist Anfang zwanzig und ihm steht quasi noch alles offen, wovon er ein bisschen erschlagen ist. Und Marlene hat sich in ihrem Schwebezustand eingerichtet und muss jetzt den Absprung schaffen.
 

Marlene ist ja dann auch wahnsinnig verliebt.

Ja, sowohl der Ort als auch diese neue Person, Janne, die sie dort kennenlernt, machen sehr viel mit ihr und ihrer Wahrnehmung der Welt.
 

Die Dialoge Ihrer Figuren fallen oft zögerlich, fast spärlich aus. War diese Einsilbigkeit eine bewusste Entscheidung oder hat sich das mit den Figuren entwickelt?

Zwischen den beiden Romanen habe ich viel szenisch geschrieben, Hörspiele und Theaterstücke. Und beim zweiten Roman hatte ich dann den Anspruch, dass die Figuren sich echten Menschen so weit annähern wie möglich, sprachlich gesehen. Dass fiktive Dialoge eh nie so klingen wie echte Gespräche, ist klar – das ist einfach viel zu mittelbar, um es völlig auf Papier festzuhalten. Aber ich mag es nicht, wenn Figuren in belletristischen Texten so wahnsinnig pointiert und schlagfertig miteinander sprechen, weil das so realitätsfern ist.

 

> Kristin Höller: Leute von früher. Berlin: Suhrkamp 2024. 316 S., 22 €


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