Liebe Leserinnen und Leser,
vor einer Reise schreibe ich normalerweise Listen. Ich notiere die Orte, Restaurants, Aussichtspunkte, Läden, die ich besuchen möchte, und was ich mitnehmen muss (Klassiker unter den vergessenen Gegenständen ist bei mir der Pyjama – man denkt eben an alles, aber nicht an die Nacht). Aber gerade sitze ich im Flugzeug von Bergen nach Frankfurt, eine viel zu kurze Reise durch Norwegen liegt hinter mir und ich habe noch immer das Bedürfnis, Dinge aufzulisten.
- Zunächst ein Tipp, der Ihnen schon so manches einheimische Herz öffnet: In Norwegen ist es nicht so wichtig, sich vor dem Essen guten Appetit zu wünschen – aber nach der Mahlzeit sollte ein »Takk for maten!« auf keinen Fall fehlen (wahlweise auch ein »Tusen takk for maten«, also: Tausend Dank für das Essen). Das gegenseitige Danken kann in Norwegen schnell in einen kleinen, rituellen Wettbewerb der Höflichkeit ausarten.
- Längst nicht nur der Höflichkeit ist es zuzurechnen, dass Deutschland mehr Bücher aus Norwegen veröffentlicht als jedes andere Land der Welt. Die Deutschen lieben Nordic Noir, also Kriminalromane aus Norwegen. Aber auch die philosophischen Romane von Jostein Gaarder und das autofiktionale Werk Karl Ove Knausgårds erfreuen sich großer Beliebtheit. Und die Dramen des Literaturnobelpreisträgers von 2023, Jon Fosse, werden regelmäßig auf deutschsprachigen Bühnen gespielt.
- Jon Fosse schreibt auf Nynorsk. Bis 1814 gehörte Norwegen zum Königreich Dänemark, daher spricht ein großer Teil des Landes heute Bokmål, eine Abwandlung des Dänischen. Der Philologe Ivar Aasen schuf Nynorsk aus verschiedenen norwegischen Dialekten, um dem Volk seine eigene Sprache zu geben. Bis heute stehen sich die beiden Schriftsprachen eher unversöhnlich gegenüber.
- Eine weitere Sprache mit mehreren Dialekten wird in der Provinz Finnmark im Norden gesprochen: bei den Samen oder Sámi. Das indigene Volk bewohnt schon seit vorchristlichen Zeiten die nördlichen Regionen Norwegens, Finnlands, Schwedens und Norwegens. Als das Konzept von Landesgrenzen aufkam, wurden die nomadisch umherziehenden Rentierzüchter immer mehr eingeschränkt, benachteiligt und unterdrückt. Kathrine Nedrejords neuer Roman »Das Sámi-Problem« erzählt von einer Frau, die mit ihren samischen Wurzeln hadert und gleichzeitig versucht, diesen näherzukommen.
- Wenn Sie nach Bergen kommen und es mal nicht regnet, wandeln Sie durch Bryggen. In das komplett hölzerne Hafenviertel mit seinen engen Gassen, Treppen, Anbauten, Durchgängen und Höfen verirrt sich hinter jeder Ecke auf andere Weise ein Sonnenstrahl und lässt die verschiedenen Rottöne der Häuser leuchten, während sich im Hintergrund das bewaldete Gebirge erhebt.
- In ihrem neuen Roman »Für immer« hält die Bestseller-Autorin Maja Lunde (»Die Geschichte der Bienen« war 2017 das meistverkaufte Buch in Deutschland) die Zeit an: Menschen altern nicht mehr, Babys werden nicht geboren, niemand stirbt. Wem sie das Buch empfehlen könne? »Allen, die den Tod fürchten.«
- Mit der Vergänglichkeit des Lebens und den Konsequenzen für unser Selbstbild setzen sich auch Kjersti Anfinnsen, Wencke Mühleisen und Nina Lykke in ihren neuen Romanen auf ganz unterschiedliche und teilweise unfassbar witzige Art auseinander.
- Achtung: Wikingerhelme hatten keine Hörner. Echt nicht.
- Und wenn Sie den »Schrei« im Munch-Museum in Oslo sehen wollen, bringen Sie etwas Zeit mit: Die drei lichtempfindlichen Versionen des Gemäldes werden abwechselnd immer nur für wenige Minuten gezeigt. Die neue, zweibändige Biografie des Künstlers von Ivo de Figueiredo, die bald auch auf Deutsch erscheint, bleibt Ihnen aber für immer.
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