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Kultur

Zwischen antisemitischem Grundrauschen und Solidarität

Ruben Gerczikow und Monty Ott kommen mit ihrem Buch über jüdische Lebenswirklichkeiten im Fußball ins Conne Island

  Zwischen antisemitischem Grundrauschen und Solidarität | Ruben Gerczikow und Monty Ott kommen mit ihrem Buch über jüdische Lebenswirklichkeiten im Fußball ins Conne Island  Foto: Verein Fußballfans gegen Antisemitismus


Wer durch Leipzig läuft, sieht öfter mal den Schriftzug »JDN Chemie«, bei dem der Gegner des Regionalligisten BSG Chemie Leipzig antisemitische Stereotype nutzt. Gleichzeitig sind in der Stadt auch öfter grün-weiße Sticker wahrzunehmen, auf dem der Davidstern und das Logo der BSG Chemie vertraut Seit an Seit zu sehen sind.

Wie es woanders rund ums und auf dem Fußballfeld um jüdische Lebenswirklichkeiten bestellt ist und welche Rolle dabei der 7. Oktober 2023 spielt, untersuchen Ruben Gerczikow und Monty Ott in ihrem gerade erschienenen informativen Buch »Juden auf dem Platz. Juden auf den Rängen« über »Jüdische Lebenswirklichkeiten und Antisemitismus im Fußball heute«.

Ruben Gerczikow arbeitet als Autor und Publizist zu antisemitischen Strukturen im analogen und digitalen Raum, der Politik- und Religionswissenschaftler Monty Ott beschäftigt sich mit Antisemitismus, Erinnerungskultur, Intersektionalität und Queerness.

Ihr Buch gliedern die beiden in drei Kapitel: 1. Tradition und Aufbruch, 2. Jüdischer Sport und Fankultur in Deutschland, zwischen Deutschland und Israel sowie 3. Theorie und Praxis mit jeweils einzelnen Beiträgen von anderen Autoren oder Interviews.

Die Herausgeber betonen gleich zu Beginn: »Fußball ist politisch und die Fankurven sind es auch«, wie nicht erst nach dem 7. Oktober 2023 zu spüren war. Eine 2021 veröffentlichte Studie zu Antisemitismuserfahrungen von jüdischen Vereinen zeigte, dass Mitglieder nicht nur einmal mit solchen Erfahrungen konfrontiert werden. Gerczikow und Ott ist wichtig, dass die mittlerweile historische Aufarbeitung von jüdischer Sportgeschichte – wie beispielsweise das von Yuval Rubovitch mit Gerlinde Rohr erarbeitete Buch zur Geschichte des jüdischen Sportvereins Bar Kochba Leipzig von 2020 – den Blick auf die Gegenwart etwas in den Hintergrund treten lässt. Auch wenn hier noch mal kurz die Geschichte von körperlichen Aktivitäten von der Makkabi-Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts, dem Verbot jüdischer Vereine im November 1938, die Ligen der Displaced Persons nach 1945, die ersten Anfänge in Köln und Düsseldorf dargestellt werden. Dies führt zum Interview mit den Verantwortlichen von Makkabi Berlin. Der Verein feierte in diesem Mai sein 60-jähriges Bestehen und nahm in der Saison 2023/24 als erster jüdischer Verein am DFB-Pokal teil.

Das Buch möchte die Leerstellen »hinsichtlich gegenwärtiger jüdischer Fußballleidenschaft« schließen, erzählt von den Fußballspielern, die seit den Siebzigern in der Bundesliga spielten, sowie über jüdische und israelische Fußballspielerinnen der letzten Jahre.

Die Haltung von Vereinen und Fankurven nach dem 7. Oktober 2023 nimmt einen großen Raum im Buch ein, um von den Aktivitäten und Solidaritätsaktionen zu berichten und wie diese sowohl in Deutschland als auch in Israel wahrgenommen wurden, wie deutsch-israelische Fanfreundschaften entstanden und mit Leben gefüllt werden. Persönliche Berichte erzählen, wie jüdische Identität und das Fan-Dasein bei Hertha BSC oder beim 1. FC Nürnberg zusammenpassen. Wenn es im Absatz zu Theorie und Praxis um die Wichtigkeit von antidiskriminierender Politik im Stadion geht, um der neuen Rechten keinen Zugriff auf Vereine zu geben, zeigt sich, dass sich das Buch um sehr wichtige Allgemeinplätze dreht. Denn so wissen die Herausgeber: »Antisemitismus ist im Fußball ein stets latentes Grundrauschen, das sich im Kontext spezifischer Gelegenheitsstrukturen des kulturell hegemonialen Männerfußballs manifestiert.« Eine sehr wichtige Rolle spielt daher politische und erinnerungskulturelle Bildungsarbeit, wie sie im Buch anhand des BVB geschildert wird, denn – und das darf auch nie vergessen werden: »Fußballclubs, insbesondere die bis heute mitgliedergeführten Vereine«, stellen »ein Sinnbild demokratischer und politischer Mitbestimmung« dar. Und das bedeutet gesellschaftliche Verantwortung, da Politik im Stadion heute präsenter denn je ist.


> Ruben Gerczikow, Monty Ott (Hg.): Juden auf dem Platz. Juden auf den Rängen. Jüdische Lebenswirklichkeiten und Antisemitismus im Fußball heute. Bielefeld: Verlag Die Werkstatt 2025. 192 S., 22 €
> Lesung und Gespräch mit Ruben Gerczikow und Monty Ott: 12.11., 19 Uhr, Conne Island
> Yuval Rubovitch unter Mitarbeit von Gerlinde Rohr: Mit Sportgeist gegen die Entrechtung. Die Geschichte des jüdischen Sportvereins Bar Kochba Leipzig. Leipzig: Hentrich & Hentrich 2000. 162 S., 17 €


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