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Kultur

Die Reparatur der Welt

»Ich summe, um das Bersten zu übertönen« der Forward Dance Company tanzt das Leben in der Verletzung

  Die Reparatur der Welt | »Ich summe, um das Bersten zu übertönen« der Forward Dance Company tanzt das Leben in der Verletzung  Foto: Tom Dachs


Wohnst du noch oder lebst du schon? Vom Einrichten in der Welt handelt die neue Produktion der Forward Dance Company. Dabei geht es nicht um Raumplanung oder Labyrinthgänge im Möbelhaus, sondern um die Beschäftigung mit der beschädigten Welt. Das hat einen zusätzlichen Reiz, weil im Ensemble Menschen ohne Normkörper tanzen.

Die aus sechs Tanzenden bestehende Company ist am Lofft angesiedelt und arbeitet mit wechselnden Choreografinnen und Choreografen zusammen. Sie wurde 2020 gegründet und ist damit die erste Mixed-abled-Tanzcompany an einem freien deutschen Produktionshaus. Als künstlerischer Projektleiter ist Gustavo Fijalkow von Anfang an dabei: »Ich hatte immer geahnt, wie wertvoll die Vielfalt ist. Dieser Fächer an Diversitäten, an Behinderungen und Verhinderungen, die dennoch nicht repräsentativ sind, ist faszinierend.«

Dies sofort zu entfalten, sei schwer gewesen. Denn die Gründung der Company fiel mit dem Beginn der Corona-Pandemie zusammen. Das schränkte nicht nur den Publikumskontakt ein. Entmutigen ließen sich die Tänzerinnen und Tänzer aber nicht. »Die Arbeit ist heute viel klarer geworden«, lobt Fijalkow. Die Gruppe verlässt auch mal die Theaterräume, bespielte beispielsweise das Völkerschlachtdenkmal. Im Jahr 2024 eröffnete sie den Deutschen Pavillon der Internationalen Architekturausstellung »La Biennale di Venezia«. Im vergangenen Jahr tanzte sie auf dem Weimarer Theaterplatz das Eröffnungsstück fürs Kunstfest. (s. kreuzer 10/2024) Zur »Carmina Burana« eroberten die Tänzerinnen und Tänzer zwischen sich frei bewegendem Publikum die Fläche, die für Goethe und Schiller, aber auch für die Weimarer Demokratie und für Buchenwald steht.

Nun geht es in der Produktion um die Reparatur der Welt, erklärt Fijalkow. »Aufhänger war die Wahrnehmung, dass bei uns und in vielen Gesellschaften ringsum die Totalitarismen zunehmen.« Was mit den Menschen passiere, wenn man sie einzwängt und ihre Freiräume einengt – diese Frage berühre Brechen, Verbrechen und Zerbrechen. Fijalkow verbindet sie mit jüdischer Philosophie und einem Gedanken aus der japanischen Kultur: »Tikkun Olam« benennt den Zustand, dass die Welt immer schon zerbrochen ist. Daraus leitet sich das ethische Mandat ab, sie immerzu zu reparieren. Dem traditionellen Kintsugi-Konzept zufolge erhält Keramik einen Mehrwert, wenn sie nach einer Beschädigung geklebt wird. »Die Wunde stellt einen Wert an sich dar«, sagt Fijalkow. »Die notwendige Reparatur ist keine Schande und kein Makel, sie wird als Schönheit wahrgenommen.«

Mit diesem Grundgedanken wandte er sich an Elsa Artmann, bisher in der Forward Dance Company tanzend. Nun übernimmt Artmann die Choreografie und sagt darüber: »Es ist etwas Besonderes, nun mit Menschen, die man als Kolleg:innen kennt, anders zusammenzuarbeiten. Uns geht es um Zuspitzung und Verschärfung, wir sind kein politisches Theater, liefern keine politische Analyse, aber nehmen diese Momente des Gebrochenen aus der Gegenwart mit.« Das Bewegungsmotiv bildet dabei der Crash, der Unfall. »Aber es gibt nichts vor dem Crash. Und doch lautet unsere Frage, wie wir dahin gekommen sind.« Eine »Anti-Dystopie« nennt Artmann das. Es sei keinesfalls ein Abgesang, sondern die Anerkennung, dass es kein Leben ohne Verletzung gibt.

Der künstlerische Leiter Gustavo Fijalkow unterstreicht: »Es geht nicht ums Zurück, es ist keine Flucht in die Vergangenheit. Denn die Erkenntnis von der verletzten Gegenwart heißt nicht, dass es jemals besser war.« Die »Retrotopia« ist hier also nicht das Ziel – damit bezeichnete Zygmunt Bauman in seinem letzten Buch eine vorherrschende Rückwärtsgewandtheit, die vergangene Zeiten als Heilsversprechen inszeniert, auch wenn es damals gar nicht so muggelig war – »imaginierte Gemeinschaften« (Benedict Anderson) wie die Nation werden dabei zum letzten Bollwerk erklärt, wenn man nicht gleich wieder das Stammesfeuer der Sippe sucht. Das enge Wir schließt alle anderen aus. Bauman sah uns vor ein Entweder-Oder gestellt: »Entweder wir reichen einander die Hände – oder wir schaufeln einander Gräber.«

»In den Ruinen leben« nennt Elsa Artmann das. Die Choreografie überträgt filmische Mittel wie Zurückspulen und Verlangsamen auf die Körperbewegungen. Spannend findet Artmann die Verbindung zu den Besonderheiten der Mixed-abled-Company: »Die Gegensätze von heil und verletzt, gesund und krank sind hier ja ausgehebelt.«


> »Ich summe, um das Bersten zu übertönen«: 27.2., 20 Uhr (Premiere), 28.2., 20 Uhr, 1.3., 18 Uhr, Lofft


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