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Heureka!

Die Erfindung der Nato in den achtziger Jahren

  Heureka! | Die Erfindung der Nato in den achtziger Jahren  Foto: Peter Oehlmann


Am 7. Mai 1982 beginnt an der Karl-Liebknecht-Straße 46–48, Ecke Körnerstraße eine neue Zeitrechnung. Die Gruppe Heureka spielt ihre »Folk Kammer Musik auf alten und neuen Instrumenten« im Kulturhaus der »Nationalen Front« aus SED und den sogenannten Blockparteien der DDR. Dieses wurde 1955 bis 1957 auf den Grundmauern eines kriegszerstörten Mietshauses errichtet, nachdem dort ab 1949 bereits ein Holzpavillon mit gleicher Funktion gestanden hatte, der im Volksaufstand am 17. Juni 1953 niedergebrannt wurde. Tagsüber gibt es in der Aufklärungs- und Bildungseinrichtung Mitarbeiterversammlungen des Stadtbezirks Süd, Tanzunterricht und den Schachklub, aber auch die Sprechstunde des Abschnittsbevollmächtigten und die Ausgabe von Pässen und D-Mark an die in den Westen oder nach West-Berlin Reisenden. 

Im Jahr 1979 wird Jutta Duclaud Stadtbezirksrätin der Abteilung Kultur im Stadtbezirk Süd und stellt die Weichen für personelle Veränderungen in den Kultureinrichtungen des Leipziger Südens: Zwei Jahre später übernimmt Brigitte Schreier-Endler die Leitung vom Jugendklubhaus Arthur Hoffmann (später Haus Steinstraße) und organisiert im Klubhaus Nationale Front Aufführungen, die in der Steinstraße aus Platzgründen nicht stattfinden konnten. Götz Lehmann tritt 1982 die Stelle als Hausmeister im Klubhaus Nationale Front an (siehe kreuzer 8/2025) – und organisiert mit Brigitte Schreier das eingangs erwähnte Heureka-Konzert am 7. Mai sowie später den »Klub an der Ecke«, um Auftrittsgenehmigungen für Veranstaltungen beschaffen zu können. Am Abend spielen nun nicht nur Jazz- und Punkbands in der wohl ab 1984 so genannten Nato auf, sondern ist auch Platz für Filmprojektionen und andere multimediale Aufführungen, die im offiziellen DDR-Kunstbetrieb eigentlich gar nicht vorgesehen waren. 

So etwa die der Gruppe 37,2 – benannt nach dem Terminus aus der Informationstheorie, der einen Überraschungswert benennt – um HGB-Absolvent Hans-Joachim Schulze, Maler Hartwig Ebersbach, Fotograf Peter Oehlmann, Psychologin Annelie Harnisch, Problemanalytikerin und Kybernetikerin Brunhild Matthias sowie einige Musiker. Der Gruppe ging es um Kunst als Produktionskraft – zum Beispiel in ihren Aufführungen »Akustische Aspekte I, II und III« oder im »Ichs Apokalyptus – Monolog für Free Jazz Theater« von Tohm di Roes (Thomas Roesler) am 6. Mai 1983 gemeinsam mit der Gruppe FINE.

Als Lutz Dammbeck für sein als Experimentalfilm geplantes »Herakles-Konzept«, das sich mit dem Faschismus auseinandersetzt, von der DEFA keine Erlaubnis erhält, organisiert er daraus eine Mediencollage im Raum: Zur Aufführung am 24. Juni 1984 von »La Sarraz« tanzt Fine Kwiatkowski (die mit ihrer Gruppe FINE & Musikbrigade zu der Zeit oft in der Nato auftritt), werden 16-mm-Filme und Dias mit Arno-Breker-Plastiken gezeigt – Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler und Thomas Hertel spielen live Jazz dazu, Olaf Wegewitz, Hans-Hendrik Grimmling und Lutz Dammbeck treten mit einer Mal-Aktion auf. Zu hören sind Zarah Leander und Richard Wagner. Weitere Beteiligte sind der Fotograf Dietrich Oltmanns sowie der Maler und Grafiker Norbert Wagenbrett. Es folgen weitere Dammbeck-Aufführungen bis zu seiner Ausreise in die BRD 1986. In der Nato wird ein alternativer Kunstpreis vergeben. Die Reparatur der 1986 ausgefallenen Heizung dauert bis 1989 – die Veranstaltungen weichen in die Moritzbastei oder ins Kino Schauburg aus. 


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