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Urzelle der Szene

Die Nato als Ort der Legendenbildung für den Leipziger Süden

  Urzelle der Szene | Die Nato als Ort der Legendenbildung für den Leipziger Süden  Foto: Christiane Gundlach


»Anwohner schlagen Alarm: Autonome, Punks und Stadtstreicher beherrschen hier bis in die frühen Morgenstunden die Szene.« – Die Nato wird zur »Chaotenkneipe«, vermutete die Bild in der Nachwendezeit. Wo hätten die ganzen Linken und Antifaschisten denn aber sonst hingehen sollen? Es gab nur die Nato, wo Punk & Co. abgingen. Als »Leipzig in Trümmern« (L’Attentat) lag, die Baseballschlägerjahre tobten, stand eine Bastion: die Nato. Der kreuzer nannte sie die »Mutter aller Szenekneipen«. Heute würde man sicher eine andere Metapher verwenden. Aber man kann die Rolle der Nato fürs szenige wie rote Leipzig nicht hoch genug einschätzen. Und die Luft ist noch nicht raus.

»Grüße aus Connewitz« wünscht eine Postkarte aus den 2000ern, darauf abgebildet unter anderem ein Foto der Nato. Ortsunkundige werden sich wundern. Immerhin liegt das Kulturzentrum doch am Südplatz. Der Ortskundige weiß: Connewitz war nie nur ein postleitzahlengebundenes Areal. Es war eine Verheißung wie ein Mythos. Und an dem strickten die Leute in der Nato eifrig mit.

Mit der Wende legte die Nato ihren Raketenstart hin, als wenige geahnt haben werden, dass Zoro, Conne Island und Werk 2 später nachfolgen sollten. Sicher, es gab besetzte Häuser, aber über einen Konzertsaal mit Kneipe verfügte nur die Nato. Nach den Versuchsanordnungen der DDR-Zeit mit Avantgarde und Kunst (S. 23) durfte es nun dreckiger werden: Die Nato wurde auch ein Rock- und Punkschuppen, was heute lediglich durch die Hintergrundmusik in der Kneipe nachhallt. Defloration und Der Schwarze Kanal traten hier einst auf. Der erste Gig von Rammstein fand hier statt, hinterher (30 Jahre später) ist man immer schlauer ... Ebenfalls frühe Auftritte legten am Südplatz hin: Messer Banzani, Think About Mutation, Freunde der Italienischen Oper. Stetig kehrten Dekadance auf die Bühne zurück, deren Schlagzeuger Olaf Schubert hier als Solo-Entertainer erste eigene Schritte ging. Heute zeichnet er im Neuen Schauspiel seine TV-Shows auf, gastiert aber nach wie vor auch in der Nato.

In den Neunzigern zog es wenige Leute nach Leipzig. Man ging. Und jene, die kamen, und noch mehr die, die blieben, mussten sich vor allem verteidigen. Fragt man die Älteren der Leipziger Off-Szene, so kann jede und jeder berichten von der Zeit der Naziangriffe. Auch in der Nato ließ man die Rollläden herunter, wenn die Nazis stürmen wollten. Darum hingen hinterm Tresen Baseballschläger zur Selbstverteidigung griffbereit. Was sich heute viele nicht mehr vorstellen können. Über einen kulturellen Freiraum damals zu verfügen, bedeutete erst einmal seine Verteidigung – physisch, nicht allein gegen Kürzungen in der Kulturförderung.

Das Neujahrssingen der hiesigen Gastrolandschaft fand zuerst in der Nato statt. Die Off-Szene fand auch in Theaterbelangen hier ihren Ort: Die Inselbühne schlug auf, Wolfgang Krause-Zwieback fand Platz für sein Wortbaukasten-Theater. Mit Manöver 92 liegt die Wiege des Off-Europa-Festivals in der Nato. Natürlich ist der bunte Hund Paul Fröhlich (1962–2009) zu nennen, der dem Haus zum Beispiel den Nato-Cup bescherte, welcher ab 1990 als wildes Kunst-Kostüm-Zufalls-Fußballturnier die »Schönheit in der Bewegung« zelebrierte – selbst die Gruppenauslosung am Vortag geriet zur Party in der vollen Nato. Es gab eben nichts anderes in der Stadt … Den Fockeberg hinabrasende Seifenkisten und die Badewannenregatta vorm Völkerschlachtdenkmal erdachte Fröhlichs Team etwas später. Wenn diese Spektakel irgendwann aufgrund steigenden Konkurrenzkampfes ihren Spaß verloren – jedes Team wollte gewinnen und brachte Profis mit –, war das eben nur ein Zeichen der Zeit.

Wenn heute Leute der Nato einen Bedeutungsverlust attestieren, dann haben sie recht und unrecht zugleich. Der Ruf der Stadt als szenig und kulturell lebenswert ist aus einem Haufen von Mosaiksteinen erbaut. Die Nato war ein früher Stein, viele gab es anfangs nicht. Leipzig war das internationale Musterbeispiel einer schrumpfenden Stadt – mit allen damit verbundenen Grenzen und Möglichkeiten. Das kann sich nicht vorstellen, wer 2010 nach Plagwitz zog oder 2020 in die Eisenbahnstraße – und heute den Leipziger Süden belächelt. Und dabei vergisst, dass es das Image der Stadt als nazifreieste Bastion Ostdeutschlands und linkes Paradies ohne den Süden nie gegeben hätte. An dieser Legendenstrickung hatte die Nato ihren Anteil. Nebenbei retteten die Nato-Leute die Löffelfamilie und schoben die Kampagne zur Erhaltung der Feinkost mit an.

Dass es heute nicht mehr alle automatisch in die Nato zieht, weil es viele andere Orte der Subkulturen mehr gibt, ist toll. Wobei die Höchstphase der wild-chaotischen Kreativität bereits jener der Verdichtung und des Kommerzes weichen musste. Vieles, was mit dem coolen Leipzig verbunden wird, hat in der Nato seine Urzelle.

Sie hat ihre Berechtigung aber nicht nur durch den Blick in den Rückspiegel. Die Nato ist nicht nur von historischer Bedeutung, selbst wenn die Zeit der Legendenbildung passé ist. Die Nato bleibt Kulturzentrum und ist außerdem ein Wohnzimmer nicht nur für den Kiez. Dort wird dem Stammgast auch mal eine aus Aioli zubereitete Crème brûlée mit lockerer Lippe serviert. Da stört sich schon mal ein Militärpfarrer a. D. an einer gekreuzigten Barbie. Ein Mann blecht einen Fünfer für seinen »Männer«-Musikwunsch und geht empört, weil das Publikum nicht mitgrölen mag. Und die Nazis mit Nazi-Shirts fliegen raus, denn: »Wir sind ein antifaschistischer Laden. Nee, austrinken ist nicht mehr!« Wer das für Auswüchse einer Chaotenkneipe hält, sollte das unbedingt weitererzählen. Denn vom Weitererzählen leben Mythen, sie wachsen dadurch. Das kann man in diesen Zeiten gut gebrauchen. 


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