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Nato strikes back

Nach zehn Monaten Umbaupause öffnet einer der 100 wichtigsten Leipziger Kulturorte** am 7. März wieder seine Tore – wir haben uns schon mal umgesehen und umgehört

  Nato strikes back | Nach zehn Monaten Umbaupause öffnet einer der 100 wichtigsten Leipziger Kulturorte** am 7. März    wieder seine Tore – wir haben uns schon mal umgesehen und umgehört  Foto: Christiane Gundlach


Genial oder perfide, die Übergänge sind da ja bekanntlich fließend. So auch hier in der Nato, das heißt erst mal in der Kneipe, deren Tür uns Jacques Götzmann soeben geöffnet hat. Er ist der Neue in der Programm-Abteilung des soziokulturellen Zentrums am Südplatz. Wobei er auch schon drei Jahre mitarbeitet. Aber was sind schon drei Jahre in einem Haus, das seit Jahrzehnten die Stadt prägt (s. S. 24) und das Jahrzehnte von denselben Leuten geprägt wurde? Andererseits sind in so einem Laden schon zehn Monate eine Ewigkeit. So lange war die Nato zuletzt geschlossen, weil sie umfassend für etwas mehr als eine Million Euro saniert wurde. 

Schauen wir uns also mal etwas um. Da, halbrechts steht der Bartresen wie eh und je, halblinks dunkle Holztische, die Wände unten grau und oben dunkelrot, da hinten über dem Durchgang die alte Leuchtanzeige, die Auskunft über den Stand der Dinge im Saal gibt, darunter das alte Parkett und hier scharfrechts die Nische, in der bei Kneipenkonzerten eine Art Bühne entstehen kann (wie dem mit unserem Coverboy Jens-Paul Wollenberg am 15. Februar). Klar, das Tageslicht in den Fenstern muss man sich wegdenken, das gehört da nun wirklich nicht hin – aber ansonsten alles wie immer. 

Wobei, Moment mal, Postmoderne, ick hör dir trapsen! Hier lag doch vor der Schließung gar kein Parkett! Und diese Nische da um die Ecke am Eingang war da auch nicht! Da waren eine Tür, durch die ab und zu jemand ein Bierfass gewuchtet hat, und ein paar enge Plätze am Tresen. »Der Kühlraum ist jetzt da hinten, wo die Männertoiletten waren«, sagt Tine Zeiler, seit einem Jahr Geschäftsführerin der Nato. »Die Elektrik ist komplett neu und wir haben alle Wände gestrichen«, ergänzt Götzmann. Beide grinsen, wohl wissend, dass das Team sein Ziel erreicht hat, den Laden technisch zu sanieren, ohne dessen Charme dabei anzugreifen. »Schön war, dass alle, die reinkamen, gefragt haben: Was habt ihr denn eigentlich gemacht? Man sieht ja gar nichts!«, sagt Zeiler. 


Verbesserung der Arbeitsbedingungen

Wir gehen zum neuen Kühlraum, Zeiler zeigt den Durchgang in die Hofeinfahrt und einen kleinen Lastenaufzug. Die Getränke müssen jetzt nicht mehr durch den Eingang der Nato und den Kneipenraum angeliefert werden. »Das ist eine echte Verbesserung der Arbeitsbedingungen.« Next Step: Herrenklo. Das ist in die hinterste Ecke des kleinen Vorraums zum Saal gerutscht, einer der Postkartenständer ist mitgezogen, dahin, wo Bands früher oft ihren Merchandise-Tisch aufgestellt haben. Da wird sich eine neue Lösung finden müssen. Ansonsten wirkt der Vorraum zum Saal wie gewünscht wie gewohnt. Also ab in den Saal. 

Als Erstes im Bild: die schwarze Tribüne, mit dem Durchgang zum Mischpult, dem kleinen Balkon über dem Eingang und dem Geländer an der Seite – alles wie ge-, nein! Wir haben gelernt, unseren Blicken nicht mehr zu trauen, und schärfen den Fokus. Und siehe da, die Tribüne ist komplett neu: bisschen wuchtiger und schwerer, offizieller vielleicht auch. Das geübte Auge erkennt die Welt des Bühnenteil-Herstellers Bütec, in der alles auf einem Zwei-mal-einen-Meter-Raster aufbaut. Da wollen wir jetzt aber mal hoch! Wir grüßen Frank Merten, der wie immer, wenn man hier tagsüber reinspaziert, auf einer sehr hohen Leiter steht und am Bühnenlicht schraubt. Das hängt jetzt an mehreren Traversen, die sich über die ganze Raumtiefe verteilen. Wir nähern uns den (Schneider-)Sitzplätzen über dem Eingang. Oh! Aus der kleinen, muggeligen Ecke ist etwas entstanden, das man im Subkulturkontext als VIP-Bereich bezeichnen könnte: Drehsessel, die den Blick über das massive neue Geländer ermöglichen, wo man früher an zwei Metallstreben einfach vorbeiguckte, und vor allem: mehr Raumtiefe, also mehr Platz.

Bis zu 30 zusätzliche Sitzplätze hatte Tine Zeiler zu den bisherigen 99 bei der Pressekonferenz angekündigt, im April 2025 mit Kulturbürgermeisterin SkadiJennicke (Linke) und Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD). Dafür wurde der Filmvorführraum geopfert, den die Cinémathèque seit den neunziger Jahren mehrere Tage in der Woche für ihr Programm genutzt hat, perspektivisch aber nicht mehr braucht, weil sie ja in ihr bereits durchfinanziertes Filmkunstha ... oh, andere Geschichte (über die Sie demnächst ausführlicher im kreuzer lesen werden).


PMO-Vermögen für die Nationale Front

Jennicke und Panter, der sich als Mitglied im Sächsischen Landtag über die Jahre immer wieder für Leipzigs Freie Szene (und ganz entscheidend auch fürs Filmkunsthaus) eingesetzt hat, berichteten damals, dass für die Sanierung der Nato Fördermittel in Höhe von 1.006.000 Euro aus dem »Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR«, kurz: PMO-Vermögen, durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus (SMWK) sowie 50.000 Euro von der Stadt Leipzig zur Verfügung gestellt würden. »Bis auf 5.000 Euro hat das Geld auch gereicht«, resümiert Tine Zeiler, die schon vor ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin des Vereins verantwortlich für die Koordination des Umbaus war, der »ein extremer Kraftakt« für sie gewesen sei. Eine Folgeförderung in Höhe von 160.000 Euro stehe in Aussicht, die Fassade und Schirmständern sowie dem durch den Umbau zerstörten Garten zugutekommen könnte – die Pressekonferenz der Stadt Leipzig zur Sanierung fand am
25. Februar und damit nach Drucklegung dieser Ausgabe statt. An den Eintrittspreisen und Raummieten für externe Veranstalter solle sich substanziell nichts ändern, sie würden sich nur leicht erhöhen, »aber das hat nichts mit dem Umbau zu tun, sondern mit den Betriebskosten und der Grundsteuer«, sagt Zeiler.

Der Umbau hat also den Saal nach hinten etwas verlängert – wie viele Sitzplätze mehr es am Ende nun wirklich werden, ist bei unserer Begehung Anfang Februar noch nicht abschließend zu sagen, weil der Saal noch nicht final bestuhlt ist. Was aber bereits feststeht, sind ein paar durch Abwesenheit glänzende Neuerungen: Da wäre zunächst die fehlende Bühnenkante – die Bühne ist von nun an grundsätzlich ebenerdig, kann aber flexibel erhöht werden – und da wäre auch die fehlende Straßenbahn. Denn der Saal wurde umfassend schallisoliert, was nicht nur weniger Straßenlärm während der Auf- und Vorführungen bedeutet, sondern auch weniger Geräuschkulisse aus dem Saal im Nachbarhaus hinter der Bühne. 


Nigelnagelneue Backstage-Workshops

Von der geht es nun stufenlos in den aber wirklich so was von nagelneuen Backstage-Bereich. Nun werden Sie sagen: Was interessiert mich der Backstage-Bereich? Und das stimmt natürlich auch für uns Normalsterbliche im Publikum. Wenn man aber bedenkt, wie viele Musikerinnen und Musiker, Theaterleute, schreibende und andere Bühnenmenschen jedes Jahr in der Nato zu Gast sind – und wenn Sie den alten Backstage-Bereich mal gesehen hätten –, kann man dem Haus und allen hier Auftretenden nur herzlich zu dieser knallgrünen, verspiegelten und verglasten Errungenschaft mit eigener Toilette, Waschbecken und Kühlschrank gratulieren. Man werde hier in Zukunft auch Workshops abhalten können, erklären Tine Zeiler und Jacques Götzmann, denn – wir erinnern uns – die Nato ist ja ein soziokulturelles Zentrum, das auch abseits vom abendlichen Kulturkalender vieles auf die Beine stellt. Das passiere oft in anderen Stadtteilen und Schulen, aber auch mal tagsüber in der Nato. Dieser weniger öffentliche Teil der Vereinsarbeit sei in den letzten Monaten natürlich weitergelaufen und habe das Team neben dem Umbau beschäftigt. »Wir haben aber auch um die 30 Veranstaltungen in der Zeit gemacht, zum Beispiel den ›Magic Monday‹ im UT Connewitz«, erzählt uns Torsten Hinger, den wir ein paar Tage später treffen.

Hinger, der 1982 eher zufällig in ein Jazzkonzert in der Nato stolperte, erhielt im Oktober 1989 eine Anstellung im Haus und hat seitdem (außer Technik und Öffentlichkeitsarbeit) so ziemlich jeden Job in der Nato gemacht, war jahrelang Programmverantwortlicher und zählt neben Falk Elstermann, der von 1997 bis 2022 Geschäftsführer der Nato war, und Paul Fröhlich, der bis zu seinem Tod 2009 vor allem die Auswärtsspiele der Nato wie den Nato-Cup und die Seifenkisten- und Badewannenrennen prägte, zu den Gesichtern der Nato. Seit einem Jahr ist Hinger im Vorstand des Vereins tätig, ehrenamtlich. Neben dem Team des Vereins lobt er vor allem das für den Umbau verantwortliche Architekturbüro Summa cum Femmer, daserst relativ kurzfristig die Aufgabe übernommen hat. Anne Femmer und Florian Summa seien »positive Freaks«, hätten zusätzlich zu ihren Professuren in Hamburg und Lausanne am Wochenende in der Nato gearbeitet, so dass der Umbau in kurzer Zeit gelingen konnte. Dafür hätte es im letzten Jahr schon ab der Buchmesse keinen Backstage-Bereich mehr für die Künstlerinnen und Künstler gegeben, die noch bis Ende April auftraten. Da musste Olaf Schubert eben zähneknirschend hinter einem Vorhang am Bühnenrand die Pause verbringen …

»Für mich ist das jetzt überhaupt kein Neustart«, sagt Tine Zeiler. »Wir sind froh, dass wir endlich wieder weitermachen dürfen.« Weitermachen in dem »Wohnzimmer mit wildem Programm«, wie Jacques Götzmann das Haus beschreibt. Hier könne auf ein Punkkonzert am Abend schon am nächsten Morgen Kindertheater und abends eine Zaubershow folgen. Es klopft, Götzmann steht auf und öffnet die Tür. Ein Lkw hat in der Körnerstraße geparkt und liefert Getränke an – durch den Haupteingang. Alles wie immer in der neuen Nato. 

> Zur Wiedereröffnung spielt die Leipziger Band Almost Twins (s. S. 48) am 7.3. um 20 Uhr. Den ersten »Magic Monday« an alter Wirkungsstätte gibt es am 16.3., ebenfalls 20 Uhr. Zu Leipzig liest gibt es wie gewohnt internationale Autorinnen und Autoren am Donnerstag, Samstag und Sonntag (19., 21./22.3.) – am Buchmesse-Freitag gastiert die Nato traditionell mit der Nordischen Nacht im Werk 2 (20.3.). Der Jazzclub kehrt am 19.4. zurück auf die Nato-Bühne – mit Lucia CadotschsLiun. Die Cinémathèque strebt ihre Rückkehr an den Südplatz mit dem Chai-Festival für chinesisches Kino im Mai an. Informationen zum Programm in der Nato gibt es auf der neu gestalteten Website: www.nato-leipzig.de


* Ganz ruhig, liebe Vertreter vom BSW!

** Kleiner selbstreferenzieller Scherz, Verzeihung!



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