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Stadtleben

Der neue kreuzer ist da!

  Der neue kreuzer ist da! |   Foto: Christiane Gundlach / Chris Schneider

»Langeweile ist ein Pulverfass

Am Ende wirst du Fan von irgendwas«

– Die Sterne, am 2.4. im Conne Island

Wir sind im vierten Monat des Themenjahres Jüdische Kultur in Sachsen und im dritten Jahr mit dem Erinnerungskultur-Konzept der Stadt Leipzig. Nun jährt sich die Geburt des Schriftstellers Edgar Hilsenrath 1926 in Leipzig am 2. April, richtig: zum 100. Mal und – es passiert nichts. Gar nichts. Keine Lesung in seiner Geburtsstadt, keine in Halle/S., wo er aufgewachsen ist, ehe die Familie in die Bukowina floh. Dort wurde Hilsenrath ins Ghetto Mohyliw-Podilskyj verschleppt, ging nach dem Zweiten Weltkrieg nach Palästina, später nach New York und 1975 zurück nach Deutschland – allem zum Trotz, der Sprache wegen. Am 30. Dezember 2018 ist er gestorben und nun also, wenige Jahre später, vergessen. So schnell geht das. Wer seine Romane »Nacht« und »Der Nazi & der Frisör« gelesen hat, vergisst Edgar Hilsenrath niemals, wer ihn mal erleben durfte, ebenso wenig.

Ich werde am Abend seines 100. Geburtstags an Edgar Hilsenrath denken, wenn ich im Conne Island auf die Sterne wartend Richtung Bühne glotze. Wie viel Lebenszeit wir alle wohl schon damit vergeudet haben, auf eine leere Bühne zu starren, weil die jeden Moment auftretende Band einfach nicht kommen will, und uns dabei ironische Betrachtungen des Zeitgeists ins Ohr zu brüllen, während das Bier in unserer sinnlos kalt werdenden Hand sinnlos warm wurde?

Die Zeiten sind jedenfalls vorbei. Denn seit Kurzem veranstaltet eine Bäckerei im Westen der Stadt Konzerte – und während man dort die Band auf die leere Bühne herbeisehnt, kann man Focaccia essen! Und wenn man aufgegessen hat und die Band immer noch nicht da ist – und natürlich ist die Band auch dort immer noch nicht da –, kann man noch mal an die Theke gehen und sich ein Stück Kuchen holen. Dann steht man da und schnabuliert ein Stück Heidelbeer-Käsekuchen unter der Diskokugel.

Das soll jetzt keine Werbung aus der kreuzer-Chefredaktion sein (sonst stünde hier ja auch der Name der Bäckerei oder wenigstens mein Name auf deren Gästeliste), aber ich will nie wieder etwas anderes tun als spätabends Kuchen unter der Diskokugel essen. Und nach dem Konzert ein Brot kaufen.


BENJAMIN HEINE

chefredaktion@kreuzer-leipzig.de


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