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Kultur

In einen Abgrund fallen

Hadija Haruna-Oelker und Max Czollek schreiben im Pingpong-Prinzip über deutsche Vergangenheit und Zukunft

  In einen Abgrund fallen | Hadija Haruna-Oelker und Max Czollek schreiben im Pingpong-Prinzip über deutsche Vergangenheit und Zukunft  Foto: Cover / Alles auf Anfang

Was kann Erinnerungskultur heute leisten – und wo stößt sie an ihre Grenzen? »Alles auf Anfang« von Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker analysiert die deutsche Gegenwart zwischen Gewaltgeschichte, pluralen Perspektiven und gesellschaftlicher Krise.​


»Die Pointe der neuen Erinnerungskultur liegt darin, die Geschichte nicht nur als eine Mahnung zu begreifen, an der wir verstehen, zu was diese Gesellschaft fähig ist. Sondern auch als einen Ort, der uns etwas über die Handlungsspielräume erzählt, die zu jedem Zeitpunkt möglich gewesen sind«, formuliert Max Czollek im gemeinsam mit Hadija Haruna-Oelker verfassten Essay in Buchform »Alles auf Anfang« einen wesentlichen Aspekt ihrer Überlegungen.

Bei der Lektüre fällt es mitunter schwer, zur nächsten der mehr als 230 Seiten umzublättern – denn der als Dialog geschriebene Text kommt mal flach, dann wieder schwer, oft oberlehrerhaft daher. Bereits der Titel trägt einige Irritationen in sich: Anfang, neu, Erinnerungskultur. Daran wird sich in unterschiedlicher Intensität abgearbeitet, denn wie Czollek festhält: »Wir befinden uns aktuell in einer umfassenden Krise, deren riesiges Ausmaß gerade darin besteht, dass die Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft rechts wie links, progressiv wie konservativ in einen Abgrund fallen.«

Was kann nun beim Fallen beachtet und anders gemacht werden? Konkrete Ansagen finden wir hier nicht, denn – so Czollek – es geht um die Analyse des Ist-Zustands und nicht um Rezepte zu dessen Überwindung.

Gleich zu Beginn steht: »Es gibt keine deutsche Geschichte ohne uns!« und wir erfahren, wie Czollek und Haruna-Oelker sich kennenlernten. Der 1987 in Ost-Berlin geborene Czollek ist Lyriker und Politikwissenschaftler, der zum Antisemitismus im Frühchristentum promovierte, zwei Theaterkongresse am Maxim-Gorki-Theater mitinitiierte und das Magazin Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart mitherausgibt. Die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Hadija Haruna-Oelker wurde 1980 geboren, lebt in Frankfurt am Main und ist unter anderem Autorin der Bücher »Die Schönheit der Differenz« (2022) sowie »Zusammensein« (2024).

Was bildet nun den Anfang vom Ende? Beide gehen davon aus, dass »die deutsche Gewaltgeschichte« – Kolonialismus und Nationalsozialismus – bis in die Gegenwart wirkt, dies aber in der »alten« Erinnerungskultur ignoriert wurde. Deshalb wollen beide einen »Gegenentwurf zur etablierten Vorstellung von Erinnerungskultur« entwickeln – der allerdings in der Formulierung mehr als schwierig erscheint. Denn wer spricht heute in den Orten von Erinnerungskultur von einer dominanten Einzahl? Es gibt nicht die eine deutsche Erinnerungskultur – so einfach das für die Argumentation im Buch auch sein mag.

Czollek und Haruna-Oelker halten fest, dass ihrer Meinung nach »Perspektiven der anderen« nicht wahrgenommen würden – sei es nach Wahlerfolgen der AfD, dem 7. Oktober 2023 oder den Correctiv-Recherchen Anfang 2024. Positive Beispiele sehen sie in den Solidaritätsnetzwerken der Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Deren Existenz knüpfen sie an die »plurale Gesellschaft« und die wiederum »ist heute auf bestem Wege, die deutsche Erinnerungskultur neu zu gestalten«. Wobei hier nicht erwähnt wird, wie bereits seit einiger Zeit Orte der Erinnerungskultur dazu arbeiten.

Die Geschichten in den eigenen Familien hervorzuholen und sich damit zu befassen, statt sie zu verleugnen, erklärt Hadija Haruna-Oelker als eine weitere wichtige Option, Erinnerungskultur zu verändern. Sie betont zudem, dass Geschichten gegen den Strom oder das vorherrschende Narrativ zu erzählen seien und das verschwindende Wissen über den Holocaust und dessen Hintergründe mit dem aufsteigenden Rechtsextremismus zu erklären sei.

Was am Ende bleibt? Czollek formuliert diffus, dass es jetzt wieder ans Verlieren gehe. »Diese Einsicht muss zentraler Teil einer neuen Erinnerungskultur sein, nach der wir uns auf die Suche gemacht haben: keine Geschichte der triumphalen Gutwerdung einer Täter*innengesellschaft – und auch nicht die moralische Unantastbarkeit ihrer Opfer, sondern eine Erzählung der Kontinuität der Gewalt und derjenigen, die widerstanden und weitermachten, auch wenn sie kaum Chancen hatten, zu gewinnen.« Ob sich diejenigen, die tagtäglich erinnerungskulturelle Arbeit verrichten, darin wiederfinden oder inwiefern deren Unterstützung – finanziell wie symbolisch – wichtig für diese Arbeit ist, sind keine neuen Fragen, spielen im Buch aber auch keine Rolle.


>> Christine Brückner »Die Lücke im Album – Wie ich die Geschichte meiner nichtjüdisch-jüdischen Familie in der NS-Zeit entdeckte« – Lesung und Einführung zur Recherche der eigenen Familiengeschichte: 28.4., 18 Uhr, Volkshochschule – im Rahmen von Tacheles – Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen, www.tacheles.sachsen.de

>> Max Czollek & Hadija Haruna-Oelker: Alles auf Anfang. Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur. Frankfurt/Main: S. Fischer 2025. 233 S., 24 €


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