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Kultur

Geschichten für alle

Gerd Harry Lybke musealisiert sich selbst und sendet damit ein Signal an die Stadt: Kümmere dich um dein kulturelles Erbe, sonst machen es andere!

  Geschichten für alle | Gerd Harry Lybke musealisiert sich selbst und sendet damit ein Signal an die Stadt: Kümmere dich um dein kulturelles Erbe, sonst machen es andere!  Foto: Marius Moertl


Plakate hängen über den hohen Wänden im großen Galerieraum verteilt, der Nacken schmerzt mit der Zeit denjenigen, die Motive und Texte erkennen wollen. In der Ausstellung »Ansichten über einen Raum 1983–1990« der Galerie Eigen + Art ist das Entziffern von Namen und Daten auf den eigens gedruckten Ausstellungsankündigungen mitunter nur per Teleobjektiv möglich – etwa beim Plakat zur Ausstellung »Fine«, die von April bis Mai 1989 die Tänzerin Fine Kwiatkowski und ihre Gruppe Fine in den Mittelpunkt stellte. Hinter der Silhouette des charakteristischen Kopfes der Frau stehen die Namen der weiteren Beteiligten – wie Micha Brendel, Karin Wieckhorst oder Lutz Dammbeck, in dessen Mediencollagen sie auftrat (s. kreuzer 3/2026).

Wer nun zum Faltblatt der aktuellen Ausstellung greift, das alle Präsentationen im Zusammenhang mit dem Galeriebesitzer Gerd Harry Lybke von 1983 bis heute in unterschiedlichen Räumen (zuerst am Körnerplatz, als Eigen + Art dann in der Fritz-Austel-, heute Bornaischen Straße 31 sowie Zentralstraße 7) auflistet, kann die genaue Laufzeit der damaligen Ausstellungen erfahren.

Wer zur eigens produzierten Publikation greift, findet auch dort die Auflistung neben Fotografien, die sich um Lybke drehen, sowie wiederabgedruckte Interviews aus den Jahren 2015 bis 2024 mit Lybke und seinen langjährigen Mitarbeiterinnen Kerstin Walhalla und Elke Hannemann, die Sarah Alberti für unterschiedliche Medien führte. Darin kann Lybke ohne kritische Nachfragen seine Geschichten zur Entstehung und Rolle der Galerie erzählen.

Wer aber das Fine-Plakat gestaltet hat, ist leider nicht zu lesen – es war die damals im achten Semester an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierende Uta Bettzieche – und das bildet ein Problem der Ausstellung: Denn die eigene Musealisierung kann zwar über ein Auflisten von Ausstellungen gewährleistet werden, aber das bildet eben nur einen Aspekt der Geschichte ab. Weitere Aspekte wie etwa auch die Kontextualisierung mit anderen Galerien oder was an Orten wie der Nato oder in Jugendklubhäusern in der Zeit stattfand, bleibt bei einer isoliert betrachteten Institution leider genauso außen vor wie die allgemeine Kulturgeschichte, vermeidet allerdings auch Vergleiche. Für solch komplexere Geschichtsaufarbeitungen, die das kulturelle Erbe der Stadt betreffen, bieten sich daher andere Räume wie etwa städtische Kultureinrichtungen an.

Ein sehr gutes Beispiel, dass das in Leipzig leider noch nicht gut funktioniert, zeigt die Serie »Begegnungen in Ateliers« von Karin Wieckhorst, die im kleineren Galerieraum hängt. Erstmals war sie im September 1987 in den Räumen der Fritz-Austel-Straße zu sehen, wie das Originalplakat an der Wand zeigt. Sie entstand im selben Jahr, als der Berliner Kunstwissenschaftler Christoph Tannert ein Buch zu 26 Künstlerinnen und Künstlern in der DDR der Jahrgänge 1933 bis 1961 publizieren wollte. Die Auswahl des nicht realisierten Projektes erstreckte sich von Max Uhlig über Sabine Herrmann und Neo Rauch bis Christine Schlegel, die Wieckhorst in ihren Arbeitsräumen sowie im Porträt fotografierte und ihnen die so entstandenen Abzüge zuschickte, die die Künstlerinnen und Künstler wiederum bearbeiteten. So entstand jenseits des Publikationsprojektes eine eigenständige künstlerische Arbeit, die heute einen Blick in die damaligen Ateliers zulässt sowie die jeweiligen Arbeitsweisen und Selbstbilder vorstellt. Sie zeigt in der Summe Positionen, die sich weit weg von dem befinden, was gern als offizielle Kunst aus der DDR verschlagwortet wird.

Wieckhorst führte die unterschiedlichen Aufnahmen dann jeweils in einer Plastehülle zusammen, die an ein Archivartefakt erinnert. 2018 war die Serie im Museum der bildenden Künste zu sehen. Voriges Jahr entließ das Haus die Arbeit aus der Sammlung und gab sie an die Künstlerin zurück – kein Platz und kein Geld zum Ankauf waren unter anderem die Argumente. Wer sich die Porträts heute ansieht und nicht Zeitzeuge war, erkennt vielleicht noch zwei oder drei der Künstlerinnen und Künstler, die meisten sind kaum noch in Galerien oder Museen zu sehen (obwohl sich ihre Werke im Depot befinden). Wie bei Eigen + Art zu sehen ist, finden sich aus Lybkes Anfangszeit am Körnerplatz noch Jörg Herold und Uwe Kowski im Programm. Es kann von verschwundenen Generationen gesprochen werden, die hier kurzzeitig in der Galerie auftauchen. Im Anblick dessen kann die Ausstellung einerseits als einer von mehreren Stichwortgebern für eine umfassende institutionalisierte Kunst- und Kulturgeschichte verstanden werden – andererseits auch als Motivation, um zu schauen, was die Künstlerinnen und Künstler heute produzieren. Denn die Uhr ist nach 1990 nicht stehen geblieben. 

> bis 18.4., Galerie Eigen + Art

> Transparenzhinweis: Die Autorin schrieb im Ausstellungskatalog »Karin Wieckhorst. Begegnungen« (MdbK 2018) den Text.


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