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»Live is live«

Gewandhausorganist Michael Schönheit über Proben in der Provinz und Erfolge in der Großstadt

  »Live is live« | Gewandhausorganist Michael Schönheit über Proben in der Provinz und Erfolge in der Großstadt  Foto: Christiane Gundlach


Er zieht alle Register, der Gewandhausorganist Michael Schönheit. Seine nunmehr vierzig Jahre im Amt haben keinerlei Verschleißerscheinungen an den Freuden seiner Arbeit aufkommen lassen – voller Energie erzählt er im kreuzer-Interview über die vier Kapellmeister, die er im Gewandhaus erlebt hat, aber auch Anekdoten aus seiner Kindheit in der thüringischen Provinz. Immer wieder nimmt er dabei auch Abbiegungen ins aktuelle politische Geschehen, das er im vermeintlichen Elfenbeinturm der Leipziger Musik nicht übersieht. Obgleich sein Orgelspiel weit weniger performativ ist, erinnert seine Haltung an Christoph Schlingensief, der in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel vor über zwanzig Jahren resümierte: »Wer Kunst macht, wird so leicht kein Terrorist.«


kreuzer: Können Sie sich daran erinnern, wann Sie das erste Mal mit Musik in Berührung gekommen sind? Und was Sie daran so fasziniert hat?

Michael Schönheit: Wenn man in einem Kantorenhaushalt aufwächst, ist Musik von Anfang an dabei. Ich kann Ihnen die Frage also leider nicht beantworten. Aber eins weiß ich noch ganz genau: Dass ich, bevor ich lesen und schreiben konnte, schon Noten gelesen habe.

Sie haben in jungen Jahren Unterricht von Ihrem Vater bekommen. Wie war das?

Ungewöhnlich, würde ich sagen. Mit Schulbeginn gab es eben jeden Tag zehn Minuten Unterricht am Klavier. Und noch einmal die gleiche Zeit sollte geübt werden. So fing das an, ganz langsam. Damit verbunden war außerdem Gehörbildung, Musiktheorie und, was ich ihm heute noch ganz hoch anrechne: Generalbassspiel (insbesondere im Barock gespielte fortlaufende, tiefe Instrumentalstimme, deren Harmonien mit Ziffern und anderen Symbolen notiert wurden, Anm. d. Red.). Bis zum Studium hatte ich so Unterricht bei meinem Vater. Ich weiß, das kann auch total schiefgehen, aber er hat sehr gut verstanden, sein Wissen zu vermitteln.

Und das Orgelspiel?

Mein Vater hat gesagt: »Orgel spielen, das kannst du immer noch, lerne erst mal richtig Klavier.« Das war aus seiner Schule, aus seiner Laufbahn heraus ganz wichtig. Mein Vater selbst hatte bei einem sehr guten Klavierprofessor Unterricht, der aus der Tradition von Beethoven und Liszt kam.

Aber Sie haben doch nicht nur geübt in Ihrer Kindheit, oder?

Wir haben auf dem Kirchplatz gespielt, das ist doch ganz klar, Fußball und alles Mögliche. Also das hat es natürlich alles gegeben, aber die Musik stand schon im Zentrum, ich wollte dann auch komponieren.

Sie wollten als Kind schon komponieren?


Ja, das wollte ich unbedingt, als ich so neun oder zehn Jahre alt war. Besonders bewundert wurde ich dabei für meine Titelblätter, weil die so schön aussahen, so wie von Beethoven-Sinfonien. Und dann hat mein Vater gesagt: »Na ja, das Titelblatt ist ja sehr schön, aber schade, dass es auch auf Notenpapier gemacht ist, weil du ja ein ganzes Blatt verbraucht hast.« (lacht)

Und die Werke haben Sie auch aufgeführt?

Wir hatten zu Hause zwei-, dreimal im Jahr Hauskonzerte, die ich veranstalten durfte, und in diesen habe ich auch selbst musiziert. Wir hatten zwei Flügel und ein großes Cembalo. Und im Chor, in dem ich gesungen habe, gab es ein paar Leute, die ein Instrument spielten. So kam unter anderen meine kleine Kantate über die Heiligen drei Könige zur Aufführung, bei der alle Instrumente, die es so gab, eingesetzt wurden.

Aufregend!

Es war ein sehr schöpferischer Umgang mit Musik. Es ging nicht nur ums Üben, sondern eben auch um diese Dinge. Und da habe ich viel gelernt und einfach unglaublich Spaß gehabt. Das war der Lohn fürs Üben.

Ihr Vater hat 1950 den Knabenchor »Thüringer Sängerknaben« gegründet …

Ja, er war ein sehr, sehr guter Organist und auch Pianist – Beethovens Klavierkonzerte konnte er beispielsweise spielen. Und das ist später etwas verloren gegangen, weil er sich natürlich immer um seine Chorarbeit gekümmert hat. Und ich weiß von den Angeboten, die er bekam! Statt in eine größere Stadt oder ins Ausland zu gehen, wollte er für die Chorkinder da sein. Es war ja die Zeit nach 1945, er war so eine Art Vaterersatz für Familien, bei denen die Männer im Krieg gefallen waren. Und die Frauen schickten ihre Kinder eben in seinen Chor.

Sie wurden dann selbst auch Chormitglied …

Als Sohn des Chefs war es nicht ganz unproblematisch, ich musste natürlich besonders gut sein, auch was das Betragen angeht. Aber für meine berufliche Existenz und Entwicklung war das wirklich ein optimaler Beginn.

Wie ist das heute? Sie haben sicher noch immer lange, aufwendige, vielleicht sogar zermürbende Probenphasen. Wie haben Sie es geschafft, auch nach all den Jahren nicht an herausforderndsten Stücken zu verzagen?

Ach, die Erfahrung, die ich mit meinem Vater gemacht habe, hat mich schon geprägt: Es war so schade, dass er nicht mehr gespielt hat. Er hat während der Gottesdienste jedoch viel und hervorragend improvisiert! So habe ich mir vorgenommen, nie aufzuhören, Musik zu machen, nie aufzuhören zu spielen und vor allem zu üben.

Aber das hört sich auch herausfordernd an.

Während eines Konzertes bekommt man plötzlich so eine Kraft – woher, ist nicht zu erklären. Das ist ein großes Geschenk. Und das sollen die Menschen, die im Konzert sitzen, auch spüren. Sonst brauchen wir das nicht zu machen. Es darf sich keine Routine einstellen und das tut es auch nicht bei der Vielfalt der Aufgaben.

Gehen wir noch mal zu Ihren Anfängen im Gewandhaus: War es nicht eine besondere Ehre, von Kurt Masur zum Gewandhausorganisten ernannt zu werden?

Im April 1986 erhielt ich einen Anruf aus dem Gewandhaus mit der Bitte, nach Leipzig zu kommen – Kurt Masur wolle mich sprechen. Er war krank und bestellte mich an sein Krankenbett. Da Matthias Eisenberg (seit 1980 Gewandhausorganist, Anm. d. Red.) die DDR verlassen hatte, fragte er mich, ob ich mir vorstellen könne, das Amt des Gewandhausorganisten neben meiner Tätigkeit in Saalfeld auszuüben. Total krass! Ich denke, er hatte einen Narren an mir gefressen, als er mich 1985 in Saalfeld zur Abschlussprüfung meines Dirigierstudiums mit der h-Moll-Messe erlebte. Mein damaliger Lehrer im Fach Dirigieren, Wolf-Dieter Hauschild, hatte zu der Zeit ebenfalls die DDR verlassen.

Und was hat sich über die Zeit für Sie am Gewandhaus verändert?

Es waren vier wunderbare Gewandhauskapellmeister hier, mit denen ich zusammengearbeitet habe: Kurt Masur – ohne ihn hätte es das neue Gewandhaus so nicht gegeben, die Einbeziehung der Orgel und der Chöre ins Konzertleben des Hauses war Teil seiner Vision. Dann Herbert Blomstedt mit seiner unglaublichen Genauigkeit und seiner Werkkenntnis. Sein hohes Alter beweist, dass Musik auch jung hält. Die tollen Jahre mit Riccardo Chailly – meisterhaft! Mit ihm hatte ich viele schöne musikalische Erlebnisse, sowohl als Solist wie auch als Orchestermusiker. Bei seinen Proben hat man die Zeit vergessen; und die Zusammenarbeit mit Andris Nelsons ist geprägt von seiner Liebe zur Musik und dem wunderbaren Umgang mit den Musikern. So unterschiedlich kann der Zugang zu Musik sein.

Wie sieht eigentlich der Alltag eines Gewandhausorganisten aus?

Jede Spielzeit muss langfristig vorbereitet werden. Dazu gehört es, circa zwanzig Orgel-Solo-Programme zu konzipieren. Einmal pro Saison spiele ich ein Solokonzert gemeinsam mit dem Gewandhausorchester, dazu eine Reihe von Orchesterdiensten, wenn die Orgel besetzt ist. Hinzu kommen Kammermusikprogramme, Projekte, die gemeinsam mit unserer Musikvermittlung erarbeitet werden, und die Zusammenarbeit mit den Chören des Hauses. Ich übe zu Hause und muss dann die klangliche Umsetzung – das sogenannte Ein-Registrieren – an der großen Orgel im Saal vornehmen.

Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit im Gewandhaus so?

Dort habe ich wunderbare Bedingungen. Beispielsweise gibt es in diesem Haus nicht ein einziges verstimmtes Klavier. Das ist nicht selbstverständlich. Wir haben einen angestellten Klavierstimmer, der die Instrumente hervorragend pflegt. Auch die Cembali, der Hammerflügel und die Orgel werden immer in Schuss gehalten. Das muss einfach sein, das ist Qualität. Auch die Bühnenmeister, das Betriebsbüro, die Dramaturgie machen alles möglich, um gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Dass das Geld kostet, ist auch klar – wenn wir aber daran denken, wie viel ein Autobahnkilometer kostet, sehen wir, dass die Kunst gar nicht so teuer ist.

Sie arbeiten auch mit Gegenwartsmusikerinnen und -musikern zusammen, wie Philipp Hülsenbeck von der Gruppe Sizarr.

Ja, das war eine wunderbare, manchmal auch lustige Sache, als wir das Projekt »Two play to play« in Angriff genommen haben, bei dem sich zwei unterschiedliche Genres trafen. Ich wurde gefragt: »Herr Schönheit, können Sie sich das vorstellen?«, und ich sagte: »Ja, warum denn nicht.« Dann habe ich hier mit Philipp ein paar Sachen ausprobiert. Wir sind ein wunderbares Musizierpaar geworden, er ist so ein herrlicher Mensch. Nach dem Gewandhauskonzert gab es noch weitere Auftritte und wir sind gerade dabei, etwas Neues zu machen. Das will ich aber noch nicht verraten.

Auch im UT Connewitz sind Sie aufgetreten?

Genau, und ich habe gesagt, wenn wir dort in dem Club sind, brauche ich eine richtige, wenn auch kleine Orgel – nichts Elektronisches, so etwas gibt es ja auch! Also hat das Gewandhaus eine Truhenorgel hintransportieren lassen und ich habe das Konzert mit einem ganz alten Meister aus dem 16. Jahrhundert begonnen: dem Stück »Mein junges Leben hat ein End« von Jan Pieterszoon Sweelinck. Es war erstaunlich, wie das Publikum von diesen leisen Tönen gepackt wurde. Und daraus entwickelte sich der ganze Konzertabend.

Machen Sie noch ähnliche Projekte?

Eine lange und intensive Zusammenarbeit verbindet mich mit Steffen Schleiermacher. Ich schätze seine Stücke sehr, weil die Musik unglaublich klar ist. Da gibt es nichts Aufgebauschtes, jeder Ton hat seinen Platz. Und da ist eine wunderbare Verbindung zu Johann Sebastian Bach. Schleiermacher setzte sich auf meine Anregung hin kreativ mit der nur in Teilen erhaltenen Markuspassion Bachs auseinander. Der Theologe und Schriftsteller Christian Lehnert steuerte den Text bei. So entstand die »Nach Markus. Passion«, die in der Nikolaikirche im Rahmen des Bachfestes 2016 mit Solisten, dem Collegium Vocale Leipzig und der Merseburger Hofmusik unter meiner Leitung uraufgeführt wurde. Für mich ein unvergesslicher Eindruck: die Wiederaufführung des Werkes im Gewandhaus im letzten November.

Und dann sind Sie ja auch künstlerischer Leiter der Merseburger Orgeltage …

Die Orgeltage standen letztes Jahr ganz im Zeichen des Gedenkens an den 275. Todestag von Bach. Innerhalb des vielfältigen Programms kam ich auf die Idee – man könnte auch von einer Schnapsidee sprechen –, das Publikum einzuladen, die Goldberg-Variationen in Liegestühlen zu genießen. Die Leute waren hin und weg! Man muss die Musik nicht krampfhaft verdrehen, um modern zu sein, das ist überhaupt nicht nötig. Die Musik spricht für sich. Aber diese wunderbare Musik einmal im Liegen zu genießen, hat Hörerinnen und Hörer begeistert. In diesem Jahr ist das »Musikland Ungarn« Thema des Festivals – naheliegend, denn die Ladegastorgel im Dom ist auf das Engste mit dem aus Ungarn stammenden Virtuosen und Komponisten Franz Liszt verbunden. Und wir haben eine gemeinsame Heilige: die ungarische Prinzessin Elisabeth von Thüringen.

Als Musiker sind Sie häufig unterwegs – wohin ging es denn zuletzt?

Ja, und das Besondere ist dabei die unglaubliche Vielfalt an unterschiedlichen Orgeln: Im Gegensatz zu vielen anderen Instrumenten sind Orgeln geprägt von Landschaften und ihren Musiktraditionen. Meine letzte Reise führte mich nach Russland. Es kam zu einer wunderbaren Zusammenarbeit mit den Studierenden des Konservatoriums St. Petersburg, von denen einige auch in Leipzig studieren. Beeindruckend war die Begeisterung des Publikums in den ausverkauften Sälen und die Verehrung, die sie der Musik Johann Sebastian Bachs und vor allem der deutschen Orgelmusik entgegenbringen. Natürlich überschattet der derzeitige Krieg eine solche Reise. Aber ein Gedanke, von Charles-Marie Widor in Paris sieben Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges formuliert, lässt hoffen: »Was wir gemeinsam bewundern, gemeinsam verehren, gemeinsam verstehen, eint uns« – das Zitat aus dem Vorwort zur Bachbiografie von Albert Schweitzer verstehe ich als Motto für unser Wirken als Musiker.

Und was schätzen Sie an Leipzig, wenn Sie dann wieder zurückkommen?

Den Kunstsinn der Leipziger Bürger, der eine lange Tradition hat. Das Gewandhausorchester beispielsweise ist seit jeher ein städtisches Orchester, das zudem in die Welt ausstrahlt. Leipzig ist stolz auf die Musik und seine eigene Musikgeschichte, die hier auch gelebt wird. Und Leipzig hat ein wunderbares Publikum. Zur großen Tradition der Stadt und des Gewandhauses gehört auch ein fest angestellter Organist, möge diese Position, die in Deutschlands Konzerthäusern einmalig ist, auch in der Zukunft erhalten bleiben und dazu beitragen, den besonderen Stellenwert der Orgelmusik im Musikleben zu bewahren.

Stichwort Publikum: Sie sitzen an der Orgel ja mit dem Rücken zum Publikum – beeinflusst das Ihr Spiel verglichen mit Auftritten am Klavier?

Ich spüre genau, wie die Menschen auf die Musik reagieren, auch wenn das Publikum im Rücken sitzt. Das ist faszinierend. Ich kriege mit, ob die Leute die Musik anfasst und mitnimmt. Und gleichzeitig ist es sehr angenehm, dass man die Leute nicht sieht. Ich beobachte manchmal bei Kammerkonzerten, wie manche mit dem Fuß mitwippen, aber nicht ganz im Takt, oder ein andermal wischt sich jemand die Augen, weil er so ergriffen ist. Das kann auch ablenken, aber eigentlich möchte ich mir manchmal schon Zeit nehmen und beobachten, wie das Publikum reagiert.

Hören Sie auch privat Musik, und wenn ja welche?

Ja klar, am liebsten gehe ich zu Konzerten. Insbesondere Orgel ist live immer besser. Der Klang einer Orgel ist stark vom jeweiligen Raum abhängig und diesen Raumeindruck kann man nur schwer auf einem Tonträger einfangen – und auch das Auge hört mit: Live is live. Und gern suche ich nach neuen Stücken, beispielsweise von Komponistinnen, deren Werke auch heute noch unbekannt sind.

Wonach haben Sie die Stücke für Ihr Jubiläumskonzert ausgesucht?

Dem Ausspruch von César Franck »Mon orgue, c’est un orchestre! – Meine Orgel ist ein Orchester!« folgend ist es sinfonische Orgelmusik, die erklingen wird. Von Bachs Präludium und Fuge Es-Dur sagte einst Charles-Marie Widor, es sei die erste Orgelsinfonie überhaupt. Das Werk erklingt im zweiten Teil meines Konzertes, gefolgt von Widors 5. Orgelsinfonie, die mit einer mitreißenden Toccata endet, ein absoluter Ohrwurm. Der erste Konzertteil ist Franz Liszt gewidmet. Hier spiele ich zwei große Werke, die Liszt der Merseburger Domorgel widmete: Präludium und Fuge über B-A-C-H und die umfangreiche Fantasie und Fuge über den Choral »Ad nos, ad salutarem undam«, eines der ersten großen hochromantischen Orgelwerke überhaupt.

> Konzert zum 40-jährigen Dienstjubiläum von Gewandhausorganist Michael Schönheit: 25.4., 19.30 Uhr, Gewandhaus, Großer Saal


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