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Eine Anstalt am Rande der Stadt

Zu Besuch im Sächsischen Krankenhaus Altscherbitz

  Eine Anstalt am Rande der Stadt | Zu Besuch im Sächsischen Krankenhaus Altscherbitz  Foto: Richtet den Fokus auf Betroffene: Rosi Haase vom Verein Durchblick/Christiane Gundlach

Wasser sprudelt aus dem großen Stein, der mitten auf der kräftig-grünen Wiese auf dem Gelände des heutigen Sächsischen Krankenhauses Altscherbitz liegt, einem Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie an der Leipziger Straße in Schkeuditz. Er scheint zu weinen. Seine Tränen fließen den Stein hinab auf weiße Kieselsteine. Dort hat jemand ein Grablicht hingestellt. Auf dem Stein ist eine Metallplatte samt Inschrift befestigt. Der Text lautet: »Während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland wurden in den Kriegsjahren mehr als 5.100 Altscherbitzer Patientinnen und Patienten ermordet. Sie starben in den Gaskammern von Brandenburg und Bernburg, sie starben durch Hunger und Misshandlungen in Altscherbitz und anderen deutschen Anstalten. In tiefer Anteilnahme gedenken wir ihrer Leidenswege und ihres Todes.« Der Stein gibt weder über die Stifter noch über das Jahr der Anbringung Auskunft noch darüber, wer gedenken möchte.

Links von der Gedenkstelle befindet sich ein Haus. Gleich einem Rathaus besitzt es einen Uhrturm und eine Sirene, wie es auch in Kleinstädten oft vorkommt. Es bildet das zentrale Gebäude inmitten einer Reihe von roten Klinkerbauten mit Balkonen und Terrassen, die hier meist ein- bis zweigeschossig um 1900 entstanden. Ein gläserner Vorbau zeugt von der Sanierung.

Keine hohe Mauer trennt die Gebäude von der Leipziger Straße, auf der gerade die Straßenbahnstrecke saniert wird, so dass rot-weiße Bauabsperrungen aktuell den Blick auf das Gelände dominieren. Der eigentliche Zaun aus Klinker und Metallstangen fällt kaum auf. Schön sehen sie aus, die sanierten Häuser vor und hinter uns an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag. Überall stehen Bänke, auf denen nur wenige Menschen sitzen. Manchmal fährt jemand mit dem Rad vorbei, denn das Gelände ist sehr groß. Bäume säumen die Wege. In all der Idylle fällt rechts vom Stein in der Ferne eine hohe Betonmauer auf. Dahinter liegen die Gebäude der Forensischen Psychiatrie.

Ein Schulterblick nach rechts zur Leipziger Straße landet ebenfalls auf historischen Klinkerbauten. Am nächsten befindet sich das Haus 19. Es spielt in dem Feature »Die Kinder von Station 19. Auf der Suche nach den Opfern einer Verwahrpsychiatrie« die Hauptrolle, das Marie von Kuck 2020 für den DLF produzierte. Von Kuck kam 1990 als Hilfskraft für Bastelstunden auf die Kinderstation. Ihr gehen die Bilder von vielen Kinderbetten in einem großen Raum nicht aus dem Kopf, so dass sie sich Jahrzehnte später auf die Suche macht nach den damaligen Kindern, die in der seit den 1960er Jahren existierenden kinderneurologischen Abteilung ihr Leben fristeten – in Käfigbetten, ohne oder mit kaum Therapien. Ute Schneeberger beschreibt in ihrer 2010 an der TU Dresden eingereichten Dissertation zum Thema »Enthospitalisierung geistig behinderter Langzeitpatienten aus dem Sächsischen Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Altscherbitz«, dass 1990 knapp 1.000 sogenannte »Langlieger«, vor allem chronisch Kranke und geistig Behinderte, in Altscherbitz »in teilweise als menschenunwürdig« zu bezeichnenden Verhältnissen untergebracht waren. »Betreute Wohnformen spezialisiert auf chronisch psychisch Kranke waren so gut wie überhaupt nicht vorhanden.« Auch wenn von Kuck betont, dass Leipzig seit den 1960er Jahren als eine Hochburg der Sozialpsychiatrie galt – was Behandlung statt Verwahrung von Patientinnen und Patienten meint –, so existierten Schattenseiten, und die scheinen auch heute noch nicht voll ausgeleuchtet. In ihrem Feature beschreibt von Kuck die lange und mühevolle Suche nach ehemaligen Mitarbeitenden, die über ihre Erfahrungen mit ihrem richtigen Namen reden wollen. Sie erzählt aber auch von ihrer erfolgreichen Suche nach damaligen Kindern, die heute in Wohnstätten für behinderte Menschen leben. Dass davon nichts im Museum auf dem Anstaltsgelände zu finden ist, bemerkt sie allerdings auch.


Die Geschichtsgalerie

In diesem – das offiziell als Geschichtsgalerie bezeichnet wird – bin ich mit Rosi Haase verabredet. Haase studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, leitete unter anderem vor 1989 Malkurse im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie Dösen, initiierte nach 1989 den Verein Durchblick mit, der sich als Betroffeneninitiative am 19. April 1990 gründete – hervorgegangen aus der Basisgruppe Psychiatrie beim Neuen Forum, seit 1996 mit Sitz in der Mainzer Straße 7 (siehe kreuzer 2 /2017), 2019 erhielt sie den Sächsischen Verdienstorden für ihr Engagement verliehen. Sie selbst war noch nie in der Geschichtsgalerie.

Diese ist in einem roten Klinkerbau – dem Haus 1 – untergebracht. Mit grün-weißer Holzbrüstung an der Terrasse und Balkon im ersten Stock. Grüne verzierte Eisensäulen schmücken den Eingang. Der Flyer zur Einrichtung beginnt mit einem Zitat von Theodor Fontane: »Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen.« Dieses Zitat stammt aus seinem 1899 erschienenen Roman »Der Stechlin« über ein altes märkisches Adelsgeschlecht, was hier nicht vermerkt wird. Die Frage, die sich stellt – wer definiert den Anspruch? Und müssen wir die Vergangenheit lieben? Sollte es in einer Einrichtung zur Institutsgeschichte nicht vielmehr darum gehen, in einer möglichst objektiv-wissenschaftlichen Darstellung die Vergangenheit allumfassend abzubilden?

Der Flyer zeigt unter dem Zitat eine historische Ansichtskarte vom jetzigen Standort und von der damaligen »Krankenvilla« mit satter grüner Wiese vor der Tür wie heute, weißen Gardinen hinter den großen Fenstern.

Um eintreten zu können, muss man klingeln. Im zentralen Raum finden sich Architekturzeichnungen, historische Fotos der Gebäude und des Parks und ein Holzmodell von Altscherbitz mit dem Rittergut und dem Krankenhausgelände. Den Auftakt an der Wand bildet der Schriftzug »›Offenes-Tür-System‹ und Arbeitstherapien – neue Therapieformen erobern die Welt«. Darunter steht ein Holzmodell von der Anlage auf beiden Seiten der Leipziger Straße. Eine historische Holzbank kann als Wartearchitektur gelesen werden und bildet so als einziges Objekt auch einen Teil des Alltags der Insassen ab.


Die Geschichte

1876 wird das Rittergut Alt-Scherbitz finanziert von der Regierung der Provinz Sachsen von Moritz Koeppe (1832–1879) ausgesucht für eine neue Anstalt. Er leitete ab 1867 die sogenannte Irrenanstalt in Nietleben und schaffte dort das Zwangssystem der Verpflegung ab. Das 288 Hektar große Gelände kostete damals fast eine Million Mark. Das Herrenhaus von 1779 befindet sich wie auch erste Bauten der neuen Anstalt auf der gegenüberliegenden Straßenseite des heutigen Krankenhausgeländes und gehört heute nicht mehr zum Krankenhaus. Vor einigen Jahren saniert, steht das Herrenhaus heute mit heller Fassade umzingelt von Bauzäunen da. Zwischen den anderen historischen Gebäuden, in denen sich heute Wohnungen befinden, haben mittlerweile zeitgenössische Fertighäuser mit einem sehr hohen Anteil an Schottervorgärten Platz genommen.

Die damals neue Anstalt sollte eher einem Dorf denn einer geschlossenen Anstalt ähneln. Die ersten Bewohner kamen am 1. Juli 1876 aus Nietleben. Nach dem Tod von Koeppe 1879 folgt ihm Albert Paetz (1851–1922) als Direktor. Er veröffentlichte 1893 über die Arbeitsweise der Anstalt das Buch »Die Kolonisierung der Geisteskranken in Verbindung mit dem Offen-Thür-System, ihre historische Entwicklung und die Art ihrer Ausführung auf dem Rittergut Alt-Scherbitz«. Damit gewinnt Altscherbitz einen Ruf. Die Anstalt vergrößert sich mit weiteren Neubauten und Villen für die Angestellten, wird 1907 in Landes-Heil- und Pflegeanstalt Altscherbitz umbenannt. Strom- und Warmwasserleitungen werden Mitte der 1920er Jahre verlegt.

Im Eingangsraum der Geschichtsgalerie erzählen Wandtafeln diese Chronik. 1933, erklärt die Tafel, herrscht ein neuer Grundsatz in der Anstaltspsychiatrie: »Alles für die Heilbaren. Nichts für die Unheilbaren.« Welche konkreten Folgen dies für die Patientinnen und Patienten hatte, wird hier nicht dokumentiert, wie Rosi Haase kopfschüttelnd feststellt. »Warum steht hier nicht, welche Rolle die NSDAP in der Belegschaft spielte? Gab es Menschen, die hier arbeiteten und dem NS widerstanden?«, kommentiert sie diese unspezifischen Angaben. »Aber vielleicht gibt es einen Katalog, der die Geschichte konkreter und objektiver erklärt?« Nein, antworten die Frauen, die in der Geschichtsgalerie arbeiten. Haase bleibt bei der Chronik der Zeit ab 1938 stehen. Dort ist zu lesen: »1. Juni 1940: Sammeltransporte holen die Kranken ab, die nach Auswertung der Meldebögen sterben sollen; bis Juli 1941 über 1.000 Patienten von Altscherbitz (es wird vermutet, dass auch hier einige Ärzte versuchten, Leben zu retten, indem sie Arbeitsleistungen von Kranken überbewerteten).« »Wie klingt denn das? Sammeltransporte zur Abholung der Patienten?« Die Sprache vermittelt das Bild, als hätte es sich hier um einen Ausflug gehandelt. Doch es ging in die staatlichen Tötungsanstalten. Haase vermisst zudem nicht nur konkrete Angaben zu den Tätern, die an der Vernichtung der hier untergebrachten Menschen beteiligt waren, sondern auch konkrete Hinweise, worauf sich die Vermutung von rettenden Kräften beziehen könnte. Zwischen 1941 und 1946 gibt es an der Wandtafel keine weiteren Einträge etwa über den Klinikalltag im Nationalsozialismus und die Zeit der Befreiung und was mit dem Klinikpersonal nach dem 8. Mai passierte. Es folgt die Chronik zur DDR-Zeit und zum Aufbau (1950er und 1960er) zu einer modernen Klinik mit unterschiedlichen neuen Abteilungen wie auch der Kinderneuropsychiatrie, von der das eingangs erwähnte Feature erzählt und die 1992 geschlossen wird. Wer hier Informationen über mögliche Urteile zur Ärzteschaft in der Zeit vor 1945 sucht oder zur Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit, findet hier nichts. Rosi Haase macht das stutzig, fanden doch in den letzten Jahrzehnten Debatten dazu statt.

Neben den Merkzahlen sind Fotografien von Gebäuden in Außenansicht oder des Geländes zu sehen. Blicke in das Innere geben lediglich die Grundrisszeichnungen. Zentral in dem Raum befindet sich ein kleines Kabinett mit einem schmalen Eingang, der aber nicht von der Eingangstür aus zu sehen ist, sondern sich im Raum fast wegguckt. Überschrieben ist es mit »Euthanasie«. Im Flyer zur Geschichtsgalerie heißt es dazu: »Auch das dunkle Kapitel der Euthanasie wird in der Ausstellung ausreichend gewürdigt.« Zu sehen sind hier Ansichten des Steines auf dem Außengelände zu unterschiedlichen Jahreszeiten und die Geschichte seiner Aufstellung 2006. Er dient seitdem als Ort des Gedenkens am ersten Freitag im Juni, der an den »ersten Krankentransport in die Tötungsanstalt Bernburg« 1940 erinnert. 1.864 getötete Patientinnen und Patienten werden hier genannt. Ein Totenbuch liegt auf der Vitrine. »Wer sind die Täter?«, fragt Rosi Haase und schaut kritisch-nachdenklich auf die Tafel. »Warum fehlt hier die Beschreibung des Krankenhauses als Verschiebestation in die Tötungsanstalten mit konkreten Zahlen und Beschreibung der Vorgänge?«

Von dem zentralen Raum gehen insgesamt fünf Zimmer ab, die einzelne Themen vorstellen. Da wäre das Direktorenzimmer, das dem Gründer Koeppe und seinem Nachfolger Paetz gewidmet ist. Einen Raum weiter wird das Krankenhaus als Wirtschaftseinheit vorgestellt. Hier treten Patientinnen und Patienten erstmals auf historischen Fotografien auf, die die Arbeitstherapien in den verschiedenen Werkstätten zeigen. In einem anderen Raum stellen lebensgroße Puppen Patienten im historischen Klinikalltag dar. Eine Puppe liegt in einem Fixiernetz im Bett. An der Wand daneben hängt eine sogenannte »feste Decke«, die den Patienten ebenfalls fixiert. Auf einem Stuhl in unmittelbarer Nähe sitzt eine Puppe in einer »Zwangsjacke«.

Auf der Suche nach Stimmen oder Bildern von Patientinnen und Patienten verweist Rosi Haase auf ein kleines gemaltes Bild, das in der Abteilung Ergotherapie auf einer Vitrine steht. Darauf ist ein grau gemalter Mensch auf einer Bank an der Haltestelle zu sehen; bis auf ein gelb leuchtendes Haus und einen lilafarbenen Himmel erscheint alles grau. »Wo sind die Angehörigen, welche Rolle spielten sie im Laufe der Geschichte?«, fragt Rosi Haase.

2007 eröffnet die Geschichtsgalerie, wie es im dazugehörigen Flyer heißt, als »Traditionskabinett« in Altscherbitz. So wirkt es bis heute: der Tradition verpflichtet, keine Kritik am System an sich aufkommen zu lassen. Seit 2018 ist es hier im Haus 1. Haase kommt zu dem Schluss, dass eine Institution wie eine Familie sei, »die bemüßigt ist, sich nach außen zu schützen«. Ihr fehlt der Blick von außen auf die Einrichtung, um die Geschichten vollständig darzustellen – mit den Erfolgen eines neuen Ansatzes in der Psychiatrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Vernichtung, die Zustände in der DDR und heute –, und dies nicht nur mit Fotos von leeren Innenräumen, sondern auch als Erfahrungsräume von Ärzteschaft, Pflegenden und Patientinnen und Patienten. 


> Zum 150. Jubiläum finden das ganze Jahr über Vorträge und Veranstaltungen statt. Ein Buch über die Anstalt ist geplant, das am 9. Mai zum Tag der offenen Tür erscheinen soll. Nähere Informationen waren darüber vorab nicht zu erfahren.
> skh-altscherbitz.sachsen.de/tag-der-offenen-tuer

> Führungen in der Geschichtsgalerie: 9.5., 9.30, 11, 12.30, 14 und 15 Uhr


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