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Politik

»Entscheidend ist, sich aktiv einzubringen«

Deutschland wählt – und zwar am Arbeitsplatz. Was Betriebsratsarbeit für einen Standort bedeutet.

  »Entscheidend ist, sich aktiv einzubringen« | Deutschland wählt – und zwar am Arbeitsplatz. Was Betriebsratsarbeit für einen Standort bedeutet.  Foto: Florian Goedicke / IG Bau

Bis Ende Mai laufen deutschlandweit die Betriebsratswahlen, die mindestens alle vier Jahre stattfinden. In Leipzig arbeiten laut Gewerkschaft IG Bau knapp 350.000 Menschen in etwa 18.500 Unternehmen. Doch nur in 44 Prozent der Firmen gibt es eine organisierte Interessenvertretung in Form eines Betriebsrates.

Gewerkschaften spielen dabei eine Schlüsselrolle, da sie die Kandidierenden organisatorisch unterstützen, rechtliches Wissen bereitstellen und die Interessen der Beschäftigten bündeln. Unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) sind acht Gewerkschaften mit insgesamt über 5,4 Millionen Mitgliedern organisiert. Die größte von ihnen ist die IG Metall mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern.

Bereits im März wurde im Leipziger BMW-Werk gewählt, wo die Liste »Team IG Metall BMW Leipzig« mit 19 von 35 Mandaten nun die Mehrheit stellt. Die Wahlbeteiligung lag laut Pressemitteilung der IG Metall bei 69 Prozent – ein Anstieg um 7,3 Prozent im Vergleich zu 2022. »Die Betriebsratswahl vor vier Jahren fand unter Coronabedingungen und vielerorts per Briefwahl statt«, erklärt Michael Hecker, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Leipzig. »Die Betriebsratswahlen sind mit die demokratischsten Wahlen in diesem Land und die Beschäftigten wollen ihre Arbeitsbedingungen gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten aktiv mitgestalten.«

Was das konkret im Arbeitsalltag bedeutet, kann Nicole Bebermeier erklären. Sie ist seit zwölf Jahren als Betriebsrätin bei BMW Leipzig tätig. Ihr Weg begann im Februar 2011 als Leiharbeiterin: »Ich habe erlebt, wie wichtig eine starke Gewerkschaft ist. Nur zu kritisieren bringt nichts – entscheidend ist, sich aktiv einzubringen.« Heute ist sie im Bereich der Montage für 2.400 Betätigte als Leitung des Ausschusses für Arbeitszeit zuständig. Ihr Arbeitsalltag als Betriebsrätin sei geprägt von Fragen der Arbeitszeitgestaltung: Schichtpläne, Mehrarbeit oder kurzfristige Änderungen durch Ausfälle. »Die richtigen Maßnahmen zu treffen, hat direkte Auswirkungen auf Kinderbetreuung, Pflege oder andere private Bereiche«. Seit dem 1. Januar 2026 gilt auch im Werk in Leipzig die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich: ein Erfolg, der laut Bebermeier »gegen jahrzehntelange Widerstände erkämpft werden musste«. Auch kleinere Maßnahmen, wie gesenkte Preise in der Betriebsgastronomie, hätten direkte Auswirkungen auf den Geldbeutel der Beschäftigten.

Gleichzeitig stehen Betriebsräte vor neuen Herausforderungen. Digitalisierung und die Einführung künstlicher Intelligenz verändern die Arbeitswelt grundlegend. »Das ist ein neues Feld, das verbindliche Regelungen für die Beschäftigten braucht«, so Bebermeier. Hinzu komme eine zunehmende psychische Belastung am Arbeitsplatz, die sie besorgt. Das werde sie in den nächsten Jahren beschäftigen; aktuelle Debatten und Angriffe auf das Arbeitnehmerrecht seien dabei nicht hilfreich. Die Transformation der Industrie ist dabei nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale Frage. Ziel sei es, Arbeitsplätze langfristig zu sichern und den Wandel fair zu gestalten. Dass das nicht konfliktfrei abläuft, liegt auf der Hand. »Natürlich gibt es auch Reibungspunkte, da es unterschiedliche Interessenslagen gibt«, sagt Bebermeier über die Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung, die auf Augenhöhe stattfinde. Dennoch gelinge es in der Regel, »tragfähige Lösungen im Sinne der Beschäftigten zu erarbeiten«. Die Mitbestimmungsrechte von Betriebsräten müssen aus Sicht von Bebermeier an die Veränderungen der digitalen Arbeitswelt sowie an den sozial-ökologischen Umbau und die zunehmende Internationalisierung der Konzernstruktur angepasst werden. Dafür sei eine umfassende »Novellierung« des Betriebsverfassungsgesetzes notwendig. Zudem brauche es stärkeren Schutz bei der Gründung neuer Betriebsräte sowie wirksame Maßnahmen gegen die gezielte Behinderung und Unterdrückung gewerkschaftlicher Arbeit durch Arbeitgeber.

Für die Stadt Leipzig insgesamt haben diese Prozesse eine größere Bedeutung, als es auf den ersten Blick scheint. Tarifverträge und Mitbestimmung stärken nicht nur einzelne Belegschaften, sondern auch die Kaufkraft und wirtschaftliche Stabilität, so IG-Metall-Vertreter Hecker: »Davon profitieren die Beschäftigten, die Unternehmen und die gesamte Stadt.«


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